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Sonntagsblatt 18/ vom

Überfütterte Gruppe

Sonntagsblatt-Sprechstunde


Erfahrungen eines Gruppenleiters im »Jahr des Ehrenamts« 2011.

Wir begehen in diesem Jahr 2011 das »Jahr des Ehrenamts«. Ich wollte dazu einen aktiven Beitrag leisten. Ich ging zu meinem Pfarrer und bot ihm an, für unsere Kirchengemeinde eine Gesprächsgruppe einzurichten. Als Krankenpfleger habe ich mich zeitlebens immer wieder in Fragen der Gruppenleitung und Gesprächsführung fortgebildet.

Wir einigten uns auf ein Projekt, das in der Adventszeit begann und an Pfingsten enden soll. Insgesamt zehn Gruppentreffen. Als Thema wählten wir »Heilsames und Unheilsames«. Ein liebevoll-achtsamer Blick auf unser Leben sollte es werden. So stand es in der Einladung.

Zu meiner großen Freude meldeten sich auch neun Teilnehmende an. Darunter Mitarbeiter der Gemeinde, Bewohner unseres Seniorenstifts, auch ein paar Menschen aus dem Stadtteil, die die Ausschreibung im Kirchenboten gelesen haben.

Nun nähern wir uns mit der Gruppe der Halbzeit, und meine Bilanz zu Teil I ist ziemlich durchwachsen. Ich bereite mich immer sorgfältig vor. Dazu gehört, dass ich eine Anfangsübung auswähle. Dann teile ich ganz oft ein Informationsblatt zum Thema aus, dann stelle ich Literatur vor. Oft machen wir auch ein Spiel und schließen immer mit einer Meditation. Manchmal biete ich dazu einen Bibelspruch an, manchmal achten wir einfach auf unseren Atem oder betrachten eine Blume, ein Bild usw. Für all das ernte ich viel Lob. Allerdings sind auch schon zwei Leute weggeblieben, die Disziplin lässt nach (zögerliches Anfangen), und die Gruppe wächst nicht so zusammen, wie ich mir das vorgestellt habe.

Herr B.

 

Fast in jeder Zeile Ihres Briefs wird deutlich, wie gut Sie es meinen. Mein Eindruck: Sie bieten zu viel an. Zu viel Struktur, zu viel Programm, zu viele Impulse. Sie füttern die Gruppe ständig, wenn ich es im Bild sagen darf. Am Anfang, in der Mitte, am Schluss, ständig reichen Sie Häppchen. Wir brauchen von Zeit zu Zeit etwas zu essen. Aber nicht ständig. Ständiges Füttern macht satt und träge. So geht es Ihrer Gruppe. Sie leidet an Überfütterung.

Ein Impuls am Anfang - ja. Eine Schlussrunde - ja. Aber das genügt in der Regel auch. Dazwischen braucht eine Gesprächsgruppe Freiraum, braucht freie, unstrukturierte Zeit. Nur so kann sich Kontakt entfalten, mit sich selbst und untereinander. Nur so kann das kommen, was unser Leben ausmacht, Heilsames und Unheilsames, Angst, Widerstand, Streit, Sehnsucht, Vorsicht, Zweifel, Glauben, was auch immer. Nur so können sich die Teilnehmenden das holen und erarbeiten, was sie an diesem Abend oder in dieser Sitzung brauchen.

Was tun? Zunächst einmal: Gut, dass Sie geschrieben haben. Es ist ein erster Schritt aus einer schmerzlichen Erfahrung heraus. Ihr guter Wille soll nicht kippen, soll sich nicht in Enttäuschung oder gar Verbitterung festmachen.

Ein nächster Schritt könnte sein, dass Sie sich eine Supervision suchen. Jemanden, mit dem oder mit der Sie Ihre Erfahrungen anschauen können, wie Sie mit sich selbst und mit den anderen umgehen und was so in der Gruppe geschieht. So könnte im Teil II ein nicht nur gut gemeinter, sondern guter Beitrag für das »Jahr des Ehrenamts« entstehen.

SONNTAGSBLATT - SPRECHSTUNDE

Barbara Hauck

Wenn Sie ein Problem haben und Rat brauchen, dann schreiben Sie an die »Sprechstunde«, Birkerstraße 22, 80636 München. Die Berater antworten auf dieser Seite oder mit Brief. Sie können auch unmittelbar an einen Berater schreiben: Pfarrerin Barbara Hauck, Breite Gasse 82/84, 90402 Nürnberg - oder Kirchenrat Waldemar Pisarski, Meringer Str. 38c, 86163 Augsburg.

Waldemar Pisarski

Wenn Sie eine längerfristige Korrespondenz wünschen, steht Ihnen die Evangelische Briefseelsorge, Postfach 600306, 81203 München, zur Seite. Alle Zuschriften werden vertraulich behandelt.

 

 

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Waldemar Pisarski