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Sonntagsblatt 19/ vom

Vom Haupt der Christen

Der Papst als Antichrist - Wie konnte Luther zu diesem Urteil kommen?

Von Helmut Frank

Wenn Papst Benedikt XVI. im September nach Deutschland kommt, erwartet niemand, dass er Martin Luther rehabilitieren wird. Doch für den Reformator wird sich auch niemand entschuldigen müssen. Das erwartet aber der Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller. Er forderte die evangelische Kirche auf, sich »ganz offiziell« von der Behauptung Luthers zu distanzieren, dass der Papst der Antichrist sei.

Als Vorsitzender der Ökumenekommission der Deutschen Bischofskonferenz hätte Müller wissen können, dass sich die evangelische Kirche spätestens 2004 in einer Neuausgabe der Bekenntnisschriften von diesem Urteil Luthers distanziert hat.

Müller hätte auch ein wenig auf die historischen Hintergründe schauen können, unter denen Luther zu seinem Urteil kam: In der Kontroverse um den unbiblischen Ablass erhob der damalige Papst Leo X. den Anspruch, ohne seine Vermittlung, ohne Unterwerfung unter seine Person gebe es keine Gnade, keine Sündenvergebung, kein Heil. Damit stand Leo in der unbiblischen Tradition seiner Vorgänger. Bereits Papst Innozenz III. verkündete im 13. Jahrhundert, der Papst sei »fürwahr Stellvertreter Christi, mehr als ein Mensch«. Seinem Nachfolger Bonifaz VIII. war das noch zu wenig. Er erklärte, »dass es für jedes menschliche Geschöpf ganz und gar heilsnotwendig ist, dem römischen Papst untertan zu sein.« Johannes XXII. schließlich sah den Papst als »Mann und Gott«.

Luther war diese Sicht zunächst heilig, er kritisierte nur die Ablass­praxis. Erst seine römischen Gegner bezichtigten ihn, damit die Autorität des Papstes anzugreifen. Es war freilich tollkühn, den Papst unter Hinweis auf Galater 2,14 als fehlsamen Menschen zu bezeichnen, der sich von Mitchristen korrigieren lassen muss, wenn er irrt. Doch Luther wollte den Papst für seine Reformation gewinnen. Als er seine Schrift »Von der Freiheit eines Christenmenschen« mit einem Begleitbrief an Papst Leo X. sandte, versprach er, dem Papst die Füße zu küssen, wenn er nur das Evangelium predigen lasse.

Die Antwort aus Rom war die Anklage als Ketzer. Mit der Bann­androhungsbulle änderte sich Luthers Sicht: »Schon bin ich viel freier, endlich gewiss, dass der Papst der Antichrist ist.« Seinem Antwortschreiben nach Rom gab er den Namen »Wider die fluchwürdige Bulle des Antichrist«.

In den Schmalkaldischen Artikeln von 1537 bekräftigt Luther sein Urteil: »Überdies ist das Papsttum nichts nütze in der Kirche, denn es übt kein christliches Amt aus.« In seiner Spätschrift »Wider das Papsttum zu Rom vom Teufel gestiftet« wurde der Ton rauer: »Aus dem 'Heiligen Vater' ist nun der 'Höllische Vater' geworden, er sei vom Teufel hinten hinaus geboren, voller Teufel, Lügen, Gotteslästerung, Abgötterei, Stifter derselben, Gottes Feind, Widerchrist, Hurenwirth und Sodomvogt«.

Zum Glück findet sich in diesem Text das Ganze auch positiv gewendet: »Die Christenheit hat kein Haupt, kann auch keines mehr haben als den einzigen Sohn Gottes, Jesus Christus. Der hat Siegel und Briefe, dass er nicht irren könnte, und ist weder an Rom noch an irgendeinen Ort gebunden.« Die evangelische Kirche muss sich nicht für Luther entschuldigen. Aber diesen Luthersatz kann sie dem Regensburger Ökumenebischof ins Stammbuch schreiben, auch dem Papst - und sich selbst, jeden Tag.