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Sonntagsblatt 19/ vom

Königliche Hirtenmusik

Serie Musica Sacra (20): Kantate »Der Herr ist mein getreuer Hirt« (BWV 112) von Bach


Der zweite Sonntag nach Ostern ist der Sonntag vom »guten Hirten«, denn im Evangelium aus Johannes 10 sagt Jesus »Ich bin der gute Hirte«. Als Bildmotiv ist »der gute Hirte« bekannt und beliebt, aber auch als Motiv in Kirchenliedern und Kirchenmusik ist er verbreitet.

Der »gute Hirte« (hier am Portal der Klosterkirche Beuron) ist ein verbreitetes Motiv der christlichen Bildersprache.
Foto: wikipedia
   Der »gute Hirte« (hier am Portal der Klosterkirche Beuron) ist ein verbreitetes Motiv der christlichen Bildersprache.

        

Drei Kantaten von Johann Sebastian Bach (1685-1750) zu diesem Sonntag sind erhalten, zwei aus den ersten beiden Leipziger Amtsjahren 1724 und 1725, und eine mit der BWV-Nummer 112, die nachweislich im Jahre 1731 am Hirten-Sonntag erklang und dem ersten Eindruck nach am wenigsten spezifische »Hirtenmusik« bietet.

Das mag mit daran liegen, dass es eine Choralkantate ist, deren Eingangschor an die Melodie des sonntäglichen Hauptliedes gebunden ist. Wie heute noch ist es das Lied »Der Herr ist mein getreuer Hirt« (EG 274), das allerdings damals auf die Melodie von »Allein Gott in der Höh sei Ehr« gesungen wurde. Das hatte musikalisch den Vorteil, dass es eine schöne G-Dur-Melodie ist, und Bach deswegen zum Orchester Hörner dazunehmen konnte, die als Naturtoninstrumente auf Dur-Tonarten angewiesen sind.

Die beiden Hörner setzen sogar signifikant zu Beginn ganz alleine ein, um auch von allen Hörern wahrgenommen zu werden - als Symbol der gnädigen Gottesherrschaft. Beim Hirten geht es in der Bibel wie auch in der Barockkultur nämlich nicht um Kuschelromantik, wie es sich im 19. Jahrhundert einbürgerte, sondern um königliche Vollmacht, das Volk zu leiten und zu schützen vor den Bedrohungen des »bösen Feindes«. Ein feierliches Hornkonzert ist dieser erste Kantatensatz, in den sich der relativ knapp gehaltene Chorsatz zur ersten Liedstrophe wie von selbst einfügt. Die menschlichen Stimmen sind so geborgen, umgeben vom königlichen Schutzmantel des Hornkonzerts.

Die folgenden Sätze bringen auch die weiteren vier Liedstrophen im originalen Wortlaut. Es ist eine Kantate »per omnes versus«, während bei Choralkantaten sonst meistens die Mittel-Strophen umgedichtet sind. Aber Bachs Librettist war Anfang 1725 verstorben und hatte nur bis zur Passion die Texte für die Choralkantaten des zweiten Leipziger Amtsjahres geliefert.

Von der Bindung an die Melodie macht sich Bach bei den Arien und im Rezitativ jedoch frei. Im polaren e-Moll der ersten Arie mit umgekehrter, zunächst nach unten gerichteter Stimmführung bezeugt die Altstimme im fließenden 6/8-Takt zusammen mit der Oboe d`amore als Soloins­trument: »Zum reinen Wasser er mich weist«. Der in der Mitte stehende Satz mit Strophe 3 ist ein sehr plastisches Rezitativ. Zunächst wird gleichsam zünftig marschiert »im finstern Tal« ohne jede Furcht - klares C-Dur mit prägnantem Ostinatomotiv. Die Worte »Verfolgung, Leiden, Trübsal« bringen einen Streichersatz mit wirklich krassen Harmonien, der sich beim Stichwort »trösten mich« allerdings in fließende G-Dur-Wonne löst. So kann man die Erfahrung von Trost in der Sphäre des Leidens unmittelbar spüren.

Die folgende lebhafte D-Dur-Arie sprüht dann förmlich vor Lebenslust: Die Streicher, besonders die ersten Violinen, wetteifern förmlich mit Tenor- und Sopransolisten im Freudentaumel: Gott »schenkt voll ein«. Der Schlusschoral bündelt alle beteiligten Kräfte im kompakten Satz, und der Hörnerklang steht nun für das Ziel allen Lebens, die himmlische Geborgenheit im »Haus des Herren«.

 

IN DER ANDREASKIRCHE in Weißenburg erklingt Bachs Kantate »Der Herr ist mein getreuer Hirt« am Sonntag, 8. Mai, um 10 Uhr. Es singen und musizieren Sabine Rusam (Sopran), Heike Kohler (Alt), Reiner Geißdörfer (Tenor), Ingo Amberger (Baß), Mitglieder des Weißenburger Kammerorchesters und die Kantorei St. Andreas unter der Gesamtleitung von Michael Haag. Die Predigt hält Pfarrer Karl-Eberhard Sperl.
Foto: thg/Foto: Kantorei
   IN DER ANDREASKIRCHE in Weißenburg erklingt Bachs Kantate »Der Herr ist mein getreuer Hirt« am Sonntag, 8. Mai, um 10 Uhr. Es singen und musizieren Sabine Rusam (Sopran), Heike Kohler (Alt), Reiner Geißdörfer (Tenor), Ingo Amberger (Baß), Mitglieder des Weißenburger Kammerorchesters und die Kantorei St. Andreas unter der Gesamtleitung von Michael Haag. Die Predigt hält Pfarrer Karl-Eberhard Sperl.

        

 

 

 

Konrad Klek