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Sonntagsblatt 23/ vom

Schnellschuss für die Chancengleichheit

Stichwort Inklusion: Bayern stellt die Weichen für ein neues Schulsystem

Von Susanne Petersen

Es klingt wie eine Utopie: Alle Menschen sind gleichwertige, gleichberechtigte Mitglieder der Gesellschaft - egal, ob sie geistig behindert sind oder superschlau, ob sie 100-Meter-Sprinter sind oder im Rollstuhl sitzen, ob sie hören, sehen, reden können oder nicht. Alle haben die gleichen Rechte und Chancen, niemand steht außen vor.

Dieses Ideal beschreibt die UN-Behindertenrechtskonvention von 2006, bislang von 155 Staaten und der EU unterzeichnet. Doch das hohe Ideal der Konvention trifft nicht nur in vielen Entwicklungsländern nicht zu, wo behinderte Kinder weggesperrt werden - es ist nicht mal in wohlhabenden Staaten wie Deutschland vorzufinden. Vor allem nicht, so das Deutsche Institut für Menschenrechte, im Bereich der Bildung. In allen Bundesländern hapert es bei der Umsetzung der UN-Konvention - ein inklusives Schulsystem, in dem Kinder gleich welcher Begabung gemeinsam unterrichtet werden, muss her.

Bayern hat sich die Rüge zu Herzen genommen: Noch im Juli soll der Landtag das Unterrichtsgesetz ändern. Wichtigste Neuerung: Alle Kinder haben ab Herbst den Anspruch darauf, eine allgemeine Schule zu besuchen. Sprich: Kein Kind kann mehr wegen einer Lernschwäche oder Verhaltensauffälligkeit, wegen einer geistigen oder körperlichen Behinderung an eine Förderschule verwiesen werden, wenn die Eltern das nicht wollen. Vorerst 30 Schulen werden ab Herbst zu Profilschulen für Inklusion erklärt, in den nächsten beiden Haushaltsjahren stellt der Freistaat dafür je 100 zusätzliche Lehrkräfte für die individuelle Förderung zur Verfügung. Die Förderschulen bleiben als »alternativer Lernort« fürs Erste erhalten - für die Eltern, die befürchten, dass ihr Kind an einer Regelschule zu kurz kommt.

Es ist ein gewaltiger Schritt, den Bayern da macht (der nebenbei auch die frühe Aufteilung in Haupt-, Realschule und Gymnasium in Frage stellt, an der die CSU so zäh festhält). Dass er funktionieren kann, zeigen Länder wie Dänemark, in denen Inklusion längst praktiziert wird. Doch der bayerische Weg gleicht einem Schnellschuss wie beim G8: Vor der Sommerpause beschlossen, sechs Wochen später schon Alltag für überrumpelte Lehrer, Eltern und Schüler. Soll die Inklusion ein Erfolg werden, muss der Freistaat eine Menge Geld in das neue System pumpen: Fortbildungen für Grundschullehrer, barrierefreier Umbau alter Schulhäuser, Fachpädagogen für jedes denkbare individuelle Handicap. Sollen die Ressourcen so ausgebaut werden, dass sie den Bedürfnissen aller Kinder gerecht werden, die jetzt an der Regelschule unterrichtet werden? Ja, sagt das Kultusministerium - aber man sei an die Haushaltslage gebunden.

Doch dieses Argument zählt nicht. Wer der gesellschaftlichen Utopie einen Schritt näherkommen will, darf nicht schon nach zehn Jahren beim Geld schlapp machen. Sonst bleiben die auf der Strecke, die man eigentlich voranbringen wollte.