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Sonntagsblatt 23/ vom

ZEITZEICHEN


Jeder Monat hat seinen eigenen Reiz. Der Januar trägt ein weißes Kleid, der Mai ist zum Küssen da, und im Juli lässt man auf der Bierbank sitzend den Herrgott einen guten Mann sein. Alles wiederholt sich, alles kommt wieder, bleib nur ruhig sitzen - dachten sich auch die Julis.

Nein, nicht die Mehrzahl der Monate, vielmehr die Jungen Liberalen, also die, die noch jünger sind als Philipp Rösler und auch mal neben der Kanzlerin auf der (Regierungs-)Bank sitzen wollen, um die wiederkehrende Welt an sich vorbeimarschieren zu lassen.

Die Julis haben also eine ihrer Mottenkisten geöffnet und sind fündig geworden: Bei ihrem Landesparteitag in Würzburg haben sie wie schon vor einem Jahr in Kulmbach posaunt, dass sie für die Trennung von Staat und Kirche sind. Außerdem gibt es einen Antrag, den Beamtenstatus für kirchliche Mitarbeiter abzuschaffen, denn Diakone säßen »auf ihren fetten Ärschen«, während in den von ihnen geleiteten Krankenhäusern unwürdige Zustände für Patienten und Angestellte herrschten.

Lustiger Nebenaspekt: Die Jungen Liberalen tagten in einem katholischen Pfarrsaal. Der junge Vorsitzende Stefan Siegle sieht darin kein Problem: Wenn Kirche einen freien Raum habe, dann könne man doch partnerschaftlich zusammenarbeiten.

Also haben die Pfadfinder ein paar Bierbänke herangeschleppt, der Pfarrer hat Riesling aus dem Juliusspital serviert, und die Julis haben ein wahrlich weltbewegendes Thema vorbeimarschieren lassen: Staat und Kirche!

Und während sie da noch so sitzen, wird es August und Dezember, Schnee fällt, Blumen sprießen, und ehe sie sich versehen, kommt die Diakonie vorbeimarschiert und bringt Essen auf Rädern. Und die alten Julis können endlich auch den Diakon einen verbeamteten Mann sein lassen.

 

 

zei