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Sonntagsblatt 23/ vom

Vom Hinterhof auf die Weltbühne

Serie Musica Sacra (24): »Glagolithische Messe« von Leoš Janáček


Böhmen war um das Jahr 1900 der Hinterhof Österreichs. In Mähren, dem Hinterhof des Hinterhofs, verstörte ein Musikschuldirektor namens Leoš Janáček (1854-1928) das Provinzpublikum mit seinen Werken. Erst kurz vor seinem Tod nahm die Welt Kenntnis von dem verschrobenen Genie, das heute internationalen Ruhm genießt.

Leoš Janáček gehört neben Smetana und Dvořák zu den drei großen tschechischen Nationalkomponisten des 19. und 20. Jahrhunderts.
Foto: PD
   Leoš Janáček gehört neben Smetana und Dvořák zu den drei großen tschechischen Nationalkomponisten des 19. und 20. Jahrhunderts.

        

In der bürgerlichen Musikkultur jener Jahre war die harmonische Welt noch in Ordnung. Man mochte sich über Wagner oder Brahms und deren bisweilige Vorwitzigkeiten streiten, aber im Prinzip spielte sich das Geschehen noch auf dem sicheren Boden der Spätromantik ab. Humperdinck wurde im gleichen Jahr wie Janáček geboren, Puccini gar vier Jahre später. JanáČeks Musik, vor allem seine noch heute häufig gespielten Opern, war ein Wetterleuchten der Moderne, das erst nach der Katastrophe des Ersten Weltkrieges richtig verstanden wurde, ein Abschied von vielen Konventionen. Erst 1919, nach seiner Pensionierung an der Orgelschule in Brünn (Brno), bekam er eine Berufung als Kompositionslehrer ans Prager Konservatorium. Spät sprach man ihm die Ehre zu, neben Smetana und Dvořák als dritter, großer tschechischer Nationalkomponist gelten zu dürfen.

Beide Kennzeichen seines Wirkens, der musikalische Bruch mit der Tradition und die nationaltschechisch-slawische Gesinnung, verdichten sich in seinem bedeutendsten geistlichen Werk, der »Glagolithischen Messe« (Msa glagolskaja), die er 1926, zwei Jahre vor seinem Tod, schrieb.

Sie ist musikalisch herausragend, sprachlich sogar einzigartig: JanáČek grub für sein Werk nämlich das so gut wie vergessene Altkirchenslawisch wieder aus. 1920 hatte der Papst die punktuelle Verwendung dieser »glagolithischen« Sprache in der Messe erlaubt, die der Slawenapostel Kyrill im 9. Jahrhundert entwickelt hatte und die dem jungen tschechoslowakischen Staat ein Stück historischer Identität gab.

Chorsänger anderer Kulturkreise werden durch dieses nationale Bekenntnis des Komponisten vor echte Herausforderungen gestellt, ist doch beispielsweise anstelle des vertrauten »Gloria in excelsis deo« Folgendes zu singen: »Slava vo vyšnich Bogu i na zeml'i mir Človekom blagovol'enja.«

Doch die Wahl der Sprache blieb nicht die einzige Distanzierung von der Gattungstradition. Formal knackte JanáČek die althergebrachte Messe durch Beifügung dreier Instrumentalsätze zu Beginn und am Ende, darunter ein kraftvolles Orgelostinato und eine Orchester-Intrada, ausgerechnet als Schlussstück, was man als einen Versuch des Komponisten deuten darf, das (geistliche) Messgeschehen mit dem (irdischen) Weltgeschehen zu verknüpfen.

Musikalisch sah er selbst sein Werk »ohne die Düsternis mittelalterlicher Klosterzellen in den Motiven, ohne das Echo der Imitationsgleise, ohne Anklänge an Bachische Fugengeflechte, ohne Beethovens Pathos und Haydns Verspieltheit«.

Tatsächlich blieb den Zuhörern nach all diesen Ausschlüssen nur die Gewöhnung an Neues: Darin liegt die epochale Bedeutung der »Glagolithischen Messe«. Motive sind eng an die Sprache geknüpft, der Klang ist oft archaisch, manchmal herb, manchmal von lyrischer Stille wie im »Agnus Dei«, mal von ekstatischer Kraft wie im »Credo«, aber immer natürlich.

 

JANACEKS Glagolithische Messe ist am Samstag, 4. Juni, um 20 Uhr in der Nürnberger Lorenzkirche zu hören. Im Kontext des Lorenzer Jahresthemas »...so ein herrlich Volk«, in dem es um nationale Identität geht, stehen außerdem Max Regers »Siegesfeier« für Orgel und Anton Bruckners Sinfonischer Chor »Helgoland« in einer Fassung mit geistlichem Text auf dem Programm. Ausführende sind Monika Teepe (Sopran), Renate Kaschmieder (Alt), Berthold Schmid (Tenor), Jürgen Linn (Bass), Denny Wilke (Orgel), der Bachchor St. Lorenz und die Nürnberger Symphoniker. Leitung: Matthias Ank.
Foto: thg/Foto: Bachchor
   JANACEKS Glagolithische Messe ist am Samstag, 4. Juni, um 20 Uhr in der Nürnberger Lorenzkirche zu hören. Im Kontext des Lorenzer Jahresthemas »...so ein herrlich Volk«, in dem es um nationale Identität geht, stehen außerdem Max Regers »Siegesfeier« für Orgel und Anton Bruckners Sinfonischer Chor »Helgoland« in einer Fassung mit geistlichem Text auf dem Programm. Ausführende sind Monika Teepe (Sopran), Renate Kaschmieder (Alt), Berthold Schmid (Tenor), Jürgen Linn (Bass), Denny Wilke (Orgel), der Bachchor St. Lorenz und die Nürnberger Symphoniker. Leitung: Matthias Ank.

        

 

 

 

Thomas Greif