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Sonntagsblatt 24/ vom

Auf dünnem Eis

Der evangelische Theologe Friedrich Wilhelm Graf beklagt den Zustand der Kirche


Der Münchner Professor Friedrich-Wilhelm Graf genießt als Theologe eine große wissenschaftliche Anerkennung, weit über die Theologie hinaus. Zudem ist er ein streitbarer und unumstrittener Zeitgenosse, der auch in den Feuilletons von großen Zeitungen sich zu Wort meldet, nicht selten zum Verdruss der Kirchenleitungen. Im Sonntagsblatt-Interview äußert er sich zum Stillstand in der Ökumene und zum aktuellen Zustand von Gottesdienst und Predigt. Er kritisiert das kirchliche Wächteramt und warnt vor einer »strukturellen Talibanisierung der Kirchen in ethischen Fragen«.

Friedrich Wilhelm Graf in der Bibliothek der theologischen Fakultäten in München.
Foto: epd-bild
   Friedrich Wilhelm Graf in der Bibliothek der theologischen Fakultäten in München.

        

  Derzeit wird in der Gesellschaft hart gerungen um PID, um die Präimplantationsdiagnostik. Was technisch möglich ist, auffälliges Erbgut auszusondern, ist ethisch umstritten. Auch die Kirchen melden sich zu Wort: Sie kritisieren mehrheitlich diese Diagnostik aus Sorge, dadurch komme der Mensch in Versuchung, Erbgut mit möglichen Krankheiten gleich vor der Implantation auszulöschen.

Graf: Im Prinzip ist es richtig und wichtig, dass die Kirchen hier in aller Öffentlichkeit Stellung nehmen. Problematisch ist es dagegen, wie sie Stellung beziehen. Nicht selten wird mit klerikalem Autoritätspathos gesagt, was zu glauben und wie zu handeln ist. Was aber befähigt die Kirchen zu solchen sozialethischen Positionierungen, was können sie besser als die Experten in den Kliniken und Kommissionen? Der Konflikt um PID ist ein ethischer Konflikt: Was darf man, was nicht, was sagt das Gesetz, was das Gewissen, wo sind die Ängste vieler Menschen, wo die Hoffnung der unmittelbar Betroffenen? Solche Konflikte sind gerade nicht mit einer eindeutigen Stellungnahme zu lösen. Hier wäre es Aufgabe der evangelischen Kirche, statt auf rigide Gesetzeslösungen zu dringen, offene Fragen auszuhalten und Menschen in Konflikten zur eigenen Verantwortung zu führen. Das wäre ein Zeichen von Klugheit und evangelischer Freiheit.

  Aber damit verliert Kirche doch an Eindeutigkeit. Sie muss sich doch aus dem Glauben heraus in dieser Gesellschaft äußern.

Graf: Man muss es umdrehen: Wie viele Stellungnahmen haben Kirchen bisher abgegeben, Bischofsworte, Synodentexte und vieles mehr? Was davon ist wirklich gehört worden, was eingegangen in den politischen Prozess? Wie oft kommt es vor, dass man zu einer kirchlich unumstößlichen Meinung sehr bald eine andere, ebenso unumstößliche Verlautbarung findet? Aus der Pluralität kommen die Kirchen nicht heraus. Stellungnahmen, die eindeutig sein wollen, ohne es zu können, verwirren statt zu orientieren. Und sie verbreiten als eine Art Minimalkonsens oft nichts als gähnende Langeweile. Sprechblasen mit heißer Luft, in der Meinung, es wäre der Heilige Geist selber, der sich hier zeigt.

  Aber die Kirche muss doch gegenüber ökonomischen oder wirtschaftlichen Interessen oder auch gegen den Perfektionswahn ihr Wächteramt wahrnehmen.

Graf: Das Wächteramt setzt voraus, dass die Grundfesten des gemeinsamen Lebens bedroht sind und die Kirchen sie hüten müssen. Aber ist das wirklich so? Es gibt in unserer Gesellschaft politische Strukturen, die im Laufe der Zeit gewachsen sind und die dazu helfen, nach demokratischen Spielregeln offene Fragen zu entscheiden und Konflikte zu lösen. Mir scheint, dass die Kirchen in dieser demokratischen Gesellschaft noch gar nicht recht angekommen sind. Bis ins 20. Jahrhundert hinein waren die Kirchen, gerade in Deutschland, aber auch in anderen Ländern Europas sehr eng mit autoritären Herrschaftsstrukturen verbunden. Diese Strukturen sind vergangen, aber der Anspruch auf Geltung kirchlicher Aussagen ist geblieben. Während die Gesellschaft nach 1945 sich demokratische Strukturen erarbeitete, um Meinungsvielfalt zu sichern und Meinungsbildung zu ermöglichen, hielten die Kirchen an Eindeutigkeit gerade im moralischen Bereich fest. Hier wurzelt das Pathos des Wächteramts.

Ökumenischer Konfliktfall Eucharistie: kein Zugang für den Ehepartner.
Foto: wikimedia
   Ökumenischer Konfliktfall Eucharistie: kein Zugang für den Ehepartner.

        

  Kann man alles den Politikern überlassen?

Graf: Man misstraut der gesellschaftlich-demokratischen Meinungsbildung, misstraut den Christen in politischer und beruflicher Verantwortung. Man hat keineswegs mehr Erkenntnis in Sachfragen und kompensiert dies durch ein Mehr an Bekenntnis - ein Bischofswort oder ideologische Entrüstungspapiere. Hier kommt es zur strukturellen Talibanisierung der Kirchen in ethischen Fragen - und fällt so hinter den modernen ethischen Diskurs und hinter eine freiheitliche moralische Entscheidungsfindung zurück. Und noch schlimmer: Die evangelische Kirche verliert an Freiheit, sie widersetzt sich nicht latenter Tendenz zur Normierung, sondern wiederholt sie mit der Forderung nach ethischer Eindeutigkeit. Gerade gut begründete, im Evangelium gründende Freiheit aber wäre notwendig für das Spiel der Moderne, und gerade hier verweigern sich beide Kirchen.

  Wir steht es um die Ökumene?

Graf: Es gibt die Funktionärsökumene, nicht selten mit einer einheitlichen Ökumene-Rhetorik, in der die Fortschritte benannt werden und die verbleibenden Schwierigkeiten im Schatten des ökumenischen Lichts zu stehen kommen. Dann gibt es die Ökumene-Erfahrung an der Basis. Hier ist man plötzlich konfrontiert mit vollkommen verrückten Dingen, dass man, obwohl ökumenisch gültig verheiratet, als Evangelischer nicht an der Eucharistie des katholischen Ehepartners teilnehmen darf. Und diese beiden Ökumene-Ebenen haben nichts miteinander zu tun. Dies zeigt, dass die Ökumene der Funktionäre eben nicht funktioniert. Die Unterzeichnung der Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigung 1999 hatte de facto keine Bedeutung für das Miteinander der Christen. In der Funktionärsökumene ist vieles nur scheinbare Verständigung.

  Woran liegt es?

Graf: Interessant ist, dass auf der Funktionärs­ebene gerade nicht die großen theologischen Fragen diskutiert werden, die Bedeutung Jesu Christi oder die Freiheit des Glaubens, sondern die Amtsfrage. Es geht um Amtsfragen, und damit um Macht. Und weil die römisch-katholische Kirche hier klare Vorgaben hat und daran festhält, die evangelische Kirche aber sich von der theologischen Begründung weithin verabschiedet hat, hängt sie hilflos in der Luft und freut sich, wenn sie überhaupt noch wahrgenommen wird. So mancher evangelische Bischof freut sich, wenn er in die Nähe des Papstes darf. Was gesellschaftlich geschieht, geschieht auch in der Ökumene: Es fehlt an theologischer Begründung evangelischer Freiheit und dies macht den anderen gegenüber, der Gesellschaft wie der Kirche, geschwätzig-sprachlos.

  Gehen Sie gerne in Gottesdienste?

Graf: Ja, in volkskirchlicher Verbundenheit. Und ich freue mich, wenn die Gottesdienste liturgisch-stilsicher geleitet werden, der Pfarrer seine individuelle Frömmigkeit nicht inszeniert, wenn bekannte Lieder gesungen werden und die Predigt anspruchsvoll ist.

  Anspruchsvolle Predigt? Das sind Predigten, die klingen wie vom Katheder? Oder Predigten in der Vollmacht des Heiligen Geistes?

Graf: Nein, weder Vollmachtsprediger noch Universitätsreden. Vielmehr Predigten, die den biblischen Text sprechen lassen, den poetischen, den fremden, den anspruchsvollen Text. Und dies auf einem Reflexionsniveau tun, das nicht unter das diskursive Niveau der Gesellschaft absinkt. Gesellschaftliche Kommunikation und kirchliche Rede sollten vergleichbar sein. Und schön wäre es, wenn kirchliche Rede noch ein wenig sensibler und differenzierter wäre … Doch solche religiöse Diskursfähigkeit droht gerade bei evangelischen Pfarrerinnen und Pfarrern, deren Markenzeichen dies einmal war, abzusinken.

  Daran müsste die Ausbildung an den Universitäten, also auch Sie, verantwortlich gemacht werden. Sie bilden die junge Pfarrergeneration aus.

Graf: Ja, das stimmt. Aber man muss zunächst bedenken, dass es eine steigende Zahl von Theologiestudierenden gibt, die hoch begabt sind, aber nicht in den Pfarrdienst einer Kirche gehen möchten, weil dieser nicht attraktiv genug ist, wenig Raum für Kreativität eröffnet und im Ganzen vergleichsweise schlechte Arbeitsbedingungen bietet. Dies ist mit ein Grund, dass der Pfarrberuf zum Nebenerwerbsberuf, zunehmend für Pfarrerinnen wird. In der Konkurrenz um die besten Köpfe, gerade um kluge Frauenköpfe, hat die evangelische Kirche mit ihren Arbeitsplatzangeboten immer öfter das Nachsehen. Und diejenigen, die bleiben, Theologie als Orientierung fürs Leben und den Pfarrdienst einüben möchten, werden schon schnell an die kirchliche Hand genommen und durch kirchlich-seelsorgerliche Begleitung und gemeindliche Praktika geführt und verkirchlicht. So verliert sich akademische Freiheit und Glaubens-Freiheit als Freiheit zum eigenen und eigen-verantworteten Lebensentwurf. Und dies mit enormen Folgen.

  Sie machen nicht gerade Werbung für das Pfarramt.

Graf: Wer durchhält und in den Pfarrdienst geht, steht unter größten Herausforderungen, kirchlich legitimierend und verwaltend arbeiten zu müssen. Er steht zugleich einer unüberschaubaren religiösen Pluralität gegenüber. Hier hilft es auch nicht, die Pfarrerinnen und Pfarrer immer differenzierter zu spezialisieren - klinisch, liturgisch, öffentlichkeitsrelevant. Es entstehen immer mehr Funktionspfarrstellen, die auf Fragen der Gesellschaft antworten, die schon lange nicht mehr gestellt werden. Dagegen fehlt eine theologische Grundorientierung, eine theologische Reflexionsfähigkeit, die es erlaubt, Phänomene des Glaubens, der Religion und der Gesellschaft verstehen zu können, die es dem einzelnen erlaubt, seinen Standpunkt zu finden und vertreten zu können. Kurz: Es fehlt die Möglichkeit, sich eine theologische Existenz zu erarbeiten.

  Welche Bücher sollten Theologen heute lesen, um auch im Pfarrdienst zu bestehen?

Graf: Ich nenne keine Bücher, sondern Kategorien von Büchern: ein historisches Buch, um geschichtlich denken, das heißt Veränderung denken zu können; einen theologischen Klassiker, um die eigene Sprachfähigkeit zu schulen; ein wissenschaftliches Buch zum Islam, um Religion in einer anderen Form und damit die eigene besser zu verstehen. Alles läuft darauf hinaus, Theologie sich nicht einfach landeskirchlich vorgeben zu lassen, sondern sich selber denkend und viel lesend zu erarbeiten.

  Müssten Sie nicht zum Reformator werden?

Graf: An meinem Platz tue ich, was zu tun ist: Ich arbeite theologisch exakt und verweise auf Widersprüche in der evangelischen Kirche, der Ort ist die Universität, als Pfarrer gelegentlich auch die Kanzel, die »Waffe« der Veränderung das Wort. Ich nehme zudem die Rolle eines »public intellectuals« wahr, im gesellschaftlichen Dialog, interdisziplinär im Rahmen der Universität, gelegentlich auch als Feuilletonist. Ich bin in der Kirche - und doch in dieser Kirche auch immer wieder ein Fremder.

  In Ihrem Buch »Die Wiederkehr der Götter« setzen Sie sich mit der Entwicklung der Moderne auseinander und wie die Kirche mit ihrer Botschaft unter den Bedingungen der Neuzeit sich entwickeln könnte.

Graf: Religion ist kein Wundermittel, eine wacklige Gesellschaft religiös zu stabilisieren. Das muss und kann eine moderne Gesellschaft schon selber. Religion steht für anderes, für die Erfahrung, dass das Eis unter meinen Füßen sehr viel dünner und brüchiger ist als gedacht und dass man dennoch Fuß vor Fuß setzend vorankommen kann. Religion baut nicht einfach Brücken übers brüchige Eis in eine heile Zukunft, sondern eine Lebenshaltung, die Wege über dünnes Eis lehrt. Und genau dies ist individuell heilsam und gesellschaftlich hilfreich.

  Ist das Ihre Idee?

Graf: Ja und nein. Ich kann sie im Kontext nachmoderner Religionsgeschichte so vertreten. Aber sie hat natürlich Vorläufer oder besser Vor-Denker: der Kirchenvater Augustinus, der protestantische Philosoph aus Dänemark, Sören Kierkegaard, der kritisch-jüdische Philosoph Theodor W. Adorno, der Literat Friedrich von Hardenberg oder der Skeptiker Emil Cioran. Der Mainstream kirchlich-theologischen Denkens ist es immer wieder, möglichst elegant vom dünnen Eis wegzukommen, mit Gottes Hilfe und notfalls das dünne Eis zu bestreiten. Aber dagegen setzt immer wieder das andere Denken ein, das Denken einer theologisch legitimierten Skepsis.

ZUR PERSON

  FRIEDRICH WILHELM GRAF (62) ist protestantischer Theologe und Professor für Systematische Theologie und Ethik an der Universität München. Er wurde als erster Theologe im Jahre 1999 mit dem Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft ausgezeichnet. Außerdem ist er seit 2001 ordentliches Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften.

Im Jahr 2003 löste er eine monatelange Debatte über das Ausbildungskonzept der bayerischen Landeskirche aus (»Unkulturprotestantismus - Die bayerische Landeskirche ist auf dem Weg zur Sekte«).

Im Oktober vergangenen Jahres beklagte er auf polemische Weise den Wandel des evangelischen Pfarramtes: »Sie sind zumeist weiblich und eher Muttityp als wirklich intellektuell«. Auf einer Tagung in Dresden erklärte er, das evangelische Pfarramt werde zunehmend zu einem Frauenberuf. Besonders häufig entschieden sich Studentinnen aus nichtakademischen Haushalten für diesen Beruf. Sie verbänden zumeist eher schlichte Gedanken mit der Vorstellung von einem »Kuschelgott«. Das sei auf Dauer eine bedrohliche Entwicklung für die evangelische Theologie, sagte Graf.

 

 

 

 

Interview: Hans Jürgen Luibl