Sonntagsblatt Archiv

Sonntagsblatt 32/ vom

Geld und Gott

Was Geld bedeutet - und was nicht: Eine theologische Perspektive

Von Heinrich Bedford-Strohm

Durch die weltweit drohenden Staatspleiten ist wieder einmal das Geld ein Thema. Was sagt die Bibel dazu? »Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon« - das bekannte Jesus-Wort sagt einiges aus über das spannungsvolle Verhältnis von Geld und Gott. Die von Martin Luther beschriebene »Freiheit eines Christenmenschen« ist ein Schlüssel dafür, dieses Verhältnis angemessen zu bestimmen.

Der Pfau und das Geld - Wandmalerei in Son Serverea auf Mallorca.
Foto: Frank Vincentz
   Der Pfau und das Geld - Wandmalerei in Son Serverea auf Mallorca.

        

Durch die weltweit drohenden Staatspleiten ist wieder einmal das Geld ein Thema. Was sagt die Bibel dazu? »Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon« - das bekannte Jesus-Wort sagt einiges aus über das spannungsvolle Verhältnis von Geld und Gott. Die von Martin Luther beschriebene »Freiheit eines Christenmenschen« ist ein Schlüssel dafür, dieses Verhältnis angemessen zu bestimmen.

Das Verhältnis von Geld und Gott ist nicht gerade ein entspanntes Verhältnis - jedenfalls nicht immer. Die Bibel hält dazu einige Zumutungen bereit.

Bei dem Begriffspaar Geld und Gott fällt den meisten vermutlich zuerst die berühmte Passage aus der Bergpredigt Jesu ein, in der Gott oder der Mammon als die große Alternative dargestellt werden: »Niemand kann zwei Herren dienen: Entweder er wird den einen hassen und den andern lieben, oder er wird an dem einen hängen und den andern verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon« ( Matthäus 6, 24).

Quinten Matsijs (ca. 1466-1530): Der Geldwechsler und seine Frau (1514, Louvre - Ausschnitt).
Foto: sob
   Quinten Matsijs (ca. 1466-1530): Der Geldwechsler und seine Frau (1514, Louvre - Ausschnitt).

        

Oder es kommt uns Jesu Geschichte vom reichen Kornbauern in den Sinn, mit der Jesus eine Mahnung illustriert, die heute ganz bestimmt genauso aktuell ist wie damals: »Seht zu und hütet euch vor aller Habgier; denn niemand lebt davon, dass er viele Güter hat« ( Lukas 12, 15).

Oder wir denken an den reichen Jüngling, der von sich sagt, alle Gebote gehalten zu haben, und dem Jesus dann noch dazu abfordert, all seinen Besitz zu verkaufen und den Erlös den Armen zu geben. Und er geht traurig weg und Jesus sagt: Es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, als dass ein Reicher in das Reich Gottes kommt ( Lukas 18, 18-27).

Diese Geschichten sind starker Tobak. Denn jedenfalls aus der Sicht der Mehrzahl der Menschen auf dieser Welt sind die meisten von uns reich. Man könnte nun natürlich sagen, dass der Glaube zuallererst etwas Innerliches sei und die Frage, wie wir mit dem Geld umgehen, eine je persönliche Entscheidung sei. Oder man könnte - vermeintlich lutherisch - sagen, wer fest auf die Rechtfertigung allein aus Glauben vertraue, müsse sich durch solche ethischen Ansprüche nicht verunsichern lassen. Luther würde sich bei solcher Trennung von Glauben und Ethik allerdings im Grabe umdrehen. Denn Luther hat nie von der Rechtfertigung allein aus Glauben gesprochen, um uns die Zumutungen der Bibel vom Leibe zu halten, sondern ganz im Gegenteil: um Zumutungen in die Triebkraft eines neuen Lebens zu verwandeln.

Scharfer Zinskritiker: der Reformator Martin Luther.
Foto: Lagois
   Scharfer Zinskritiker: der Reformator Martin Luther.

Dass Geld eine ziemlich wichtige Rolle im Leben von uns Menschen einnimmt, lässt sich kaum bestreiten. Geld ist nicht immer, aber doch ziemlich oft mit besonderen Lebensmöglichkeiten verbunden. Und wer selbst für seine Altersversorgung verantwortlich ist, ist geradezu gezwungen, Geld anzuhäufen, will er anderen später nicht zur Last fallen. Deswegen hält sich auch die Zahl derer, die sich für ein mönchisches Leben in strikter materieller Armut entscheiden, mit guten Gründen ziemlich in Grenzen. Vielleicht gehen wir genau wegen dieser großen Bedeutung des Geldes ziemlich verkrampft damit um - das allerdings aus ganz unterschiedlichen Gründen:

Weil wir keines haben und jeden Tag um unsere materielle Existenz kämpfen müssen. Oder weil wir sehr viel davon haben, aber nicht wollen, dass es jemand weiß. Oder weil wir genug davon zum Leben haben, aber wollen, dass das auch so bleibt.

»Von der Freiheit eines Christenmenschen« (1520): eine der die Reformation entscheidend prägenden Schriften Martin Luthers.
Foto: sob
   »Von der Freiheit eines Christenmenschen« (1520): eine der die Reformation entscheidend prägenden Schriften Martin Luthers.

Warum haben die meisten Menschen Hemmungen, ihren Kontostand und ihre Steuerklärung öffentlich zugänglich zu machen? In Facebook erzählen die Leute alle möglichen Dinge über sich. Wie viel Geld sie haben, gehört in der Regel nicht dazu, obwohl es mindestens so bedeutsam wäre wie die Frage, ob sie lieber Himbeer- oder Mokkaeis essen.

Es gibt offensichtlich so etwas wie Scham, wenn es um Finanzen geht. »Über Geld spricht man nicht.« Neben der sexuellen Scham und der religiösen Scham gibt es eine finanzielle Scham. Und das in zwei Richtungen: die Scham der Armut und die Scham des Reichtums. Die Scham der Armut ist die Konsequenz eines gesellschaftlichen Klimas, in dem Armut häufig mit Versagen assoziiert wird. Das innere Gefühl der eigenen Würde bricht weg, weil die eigene Armut als Versagen interpretiert wird.

Die Scham des Reichtums

Die Scham des Reichtums ist dagegen vermutlich Ausdruck einer Intuition, die vielleicht gerade Christenmenschen haben und der es sich deshalb lohnt, weiter nachzugehen: dass es ein Problem ist, wenn wir so viel von dem, was wir haben, für uns behalten, obwohl unsere Hilfe und Unterstützung dringend gebraucht wird. Die Scham des Reichtums kennt derjenige nicht, der kein Problem mit den ungleichen Lebenschancen in einer Gesellschaft oder in der Welt als Ganzer hat. Wo diese moralische Sensibilität fehlt, da kann Reichtum problemlos zur Schau gestellt werden. Die Welt der Reichen und Schönen bildet den Kosmos für alles, was im Leben erstrebenswert ist. Wer dazugehört, ist wer.

Anders ist das, wenn Menschen ihr eigenes Leben und die damit verbundenen Lebensmöglichkeiten immer im Kontext der Lebensmöglichkeiten der anderen sehen, so wie es das biblische Gebot in den Blick nimmt: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Im Kontext dieser Sicht des Lebens wird die Ungleichheit der Lebensmöglichkeiten, die mit der ungleichen Verteilung von Geld verbunden ist, zum Problem. Martin Luther hat auf dieses Problem eine starke Antwort gegeben. Die Antwort lautet: die »Freiheit eines Christenmenschen«.

Wundersame Brotvermehrung? Christus vermehrte Brot, der moderne Finanzkapitalismus vermehrt »fiktives« Geld (Mosaik in der Chora-Kirche Kirche, Istanbul, 1315-1321).
Foto: sob
   Wundersame Brotvermehrung? Christus vermehrte Brot, der moderne Finanzkapitalismus vermehrt »fiktives« Geld (Mosaik in der Chora-Kirche Kirche, Istanbul, 1315-1321).

        

In der für mich schönsten Schrift der ganzen Reformationszeit hat Martin Luther beschrieben, was gemeint ist, wenn wir »von der Freiheit eines Christenmenschen« sprechen - genau so heißt diese Schrift von 1520. Und schon die ersten beiden als Thesen der Schrift vorangestellten Sätze drücken aus, wie Luther diese Freiheit versteht: »Ein Christenmensch ist ein freier Herr aller Dinge und niemandem untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.«

Als Christenmensch lasse ich mir von niemandem vorschreiben, was ich zu denken und zu tun habe, wenn ich es nicht aus innerer Überzeugung und in Übereinstimmung mit meinem Gewissen tun kann. Deswegen bin ich frei von aller Bevormundung und frei, mutig und mit Zivilcourage den Autoritäten zu widerstehen, wo es nötig ist. Aber ich bin kein Individualist, der Freiheit mit der größtmöglichen Verfolgung meiner eigenen Ziele, je nach Gutdünken, verwechselt. Denn ich bin auch ein dienstbarer Knecht. Meine Freiheit öffnet mir das Herz und den Sinn für den Nächsten, und deswegen ist es eine verbindliche Freiheit, die sich für die Gemeinschaft engagiert. Das ist die christliche Freiheit, und sie klingt so anders, als was wir heute in unserem persönlichen Sprachgebrauch, aber auch in unseren politischen Programmen manchmal darunter verstehen.

Hören wir auf den Originalton von Luthers Freiheitsschrift und wir spüren, wie inspirierend diese Schrift für uns heute noch sein kann: Nun will ich dem Vater, »der mich mit seinen überschwenglichen Gütern so überschüttet hat, wiederum frei, fröhlich und umsonst tun, was ihm wohlgefällt, und meinem Nächsten gegenüber auch ein Christ werden, so wie Christus es mir geworden ist, und nichts mehr tun als das, wovon ich sehe, dass es ihm not, nützlich und selig ist, weil ich doch durch meinen Glauben in allen Dingen in Christus genug habe. Sieh, so fließt aus dem Glauben die Liebe und die Lust zu Gott und aus der Liebe ein freies, williges, fröhliches Leben, dem Nächsten umsonst zu dienen.«

Wer diese Sätze hört, spürt, dass dabei ein Verständnis von Glück zum Ausdruck kommt, das nicht in der Maximierung des eigenen Nutzens und der Vermehrung des eigenen Reichtums den Schlüssel zu einem gelingenden Leben sieht, sondern in dem Leben im Einklang mit Gott und dem Nächsten. Selten ist ein solches Verständnis von Glück aktueller gewesen als heute.

Ein besonders eindrucksvolles Zeugnis für die Konsequenzen im Bereich der Wirtschaft sind Luthers viel zu unbekannt gebliebenen wirtschaftsethischen Schriften, in denen er den christlich-ethischen Vorrang für die Schwachen in den sozialen Umwälzungen des aufkommenden Frühkapitalismus zur Sprache zu bringen versuchte.

Luther beharrt auf einer aktiven Rolle der Politik

Auch davon mag ein Originalton einen Eindruck geben. In seiner Schrift »Von Kaufshandlung und Wucher« von 1524 übt Luther scharfe Kritik an der Orientierung des Warenpreises am Gesetz von Angebot und Nachfrage:

Die Kaufleute haben »unter sich eine allgemeine Regel, das ist ihr Hauptspruch und Grund aller Wucherkniffe, daß sie sagen: Ich darf meine Ware so teuer geben, wie ich kann. Das halten sie für ein Recht, da ist dem Geiz der Raum gemacht und der Hölle alle Tür und Fenster aufgetan. Was ist das denn anders gesagt als soviel: Ich frage nichts nach meinem Nächsten? Hätte ich nur meinen Gewinn und Geiz voll, was geht michs an, daß es meinem Nächsten zehn Schaden auf einmal täte? ... Wird daselbst nicht des Armen Not ihm selbst zugleich mit verkauft?«

Luther wehrt sich gegen eine Orientierung des Preises am Markt, weil dabei keine Rücksicht auf die Bedürfnisse der Schwachen genommen wird. Gegen den Marktpreis setzt er eine Orientierung am gerechten Preis: »Es sollte nicht so heißen: Ich darf meine Ware so teuer geben, wie ich kann oder will, sondern so: Ich darf meine Ware so teuer geben, wie ich soll oder wie es recht und billig ist. Denn dein Verkaufen soll nicht ein Werk sein, das frei in deiner Macht und Willen ohne alles Gesetz und Maß steht, als wärest du ein Gott, der niemand verbunden wäre. Sondern weil solches dein Verkaufen ein Werk ist, das du gegen deinen Nächsten übst, soll es durch solch Gesetz und Gewissen begrenzt sein, dass du es ohne Schaden und Nachteil deines Nächsten übst.«

Bemerkenswert ist auch Luthers Beharren auf einer aktiven Rolle der Politik gegenüber unbegrenzter Wirtschaftsmacht. Seine Skepsis im Hinblick auf die Unabhängigkeit der Politik würde auch in unserer Zeit vermutlich auf breiten Beifall stoßen. Die Schärfe seiner Worte würde allerdings möglicherweise heute eine Beleidigungsklage nach sich ziehen: Gegenüber der Wirtschaftspraxis der damals immer mächtiger werdenden multinationalen Wirtschaftsunternehmen, wie etwa der Fugger, betont Luther:

»Könige und Fürsten sollten hier drein sehen und dem nach strengem Recht wehren. Aber ich höre, sie haben Anteil daran und es geht nach dem Spruch Jes. 1,23: 'Deine Fürsten sind der Diebe Gesellen geworden.' Dieweil lassen sie Diebe hängen, die einen Gulden oder einen halben gestohlen haben, und machen Geschäfte mit denen, die alle Welt berauben und mehr stehlen, als alle anderen, damit ja das Sprichwort wahr bleibe: Große Diebe hängen die kleinen Diebe, und wie der römische Ratsherr Cato sprach: Kleine Diebe liegen im (Schuld)turm und Stock, aber öffentliche Diebe gehen in Gold und Seide.«

Wie relevant Luthers Aussagen zum Geld auch für die heutigen Diskussionen um wirtschaftliches Handeln sind, hat die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) jüngst in ihrer Denkschrift »Unternehmerisches Handeln in evangelischer Perspektive« zum Ausdruck gebracht.

In Ziffer 90 der Denkschrift heißt es: »Schon 1524 hat Martin Luther an unverhältnismäßigem Einkommen Anstoß genommen. Mit Blick auf die in kürzester Zeit zu Reichtum gekommenen Unternehmer des Frühkapitalismus stellt er fest: 'Wie sollt das immer mögen göttlich und recht zugehen, dass ein Mann in so kurzer Zeit so reich werde, dass er Könige und Kaiser aufkaufen möchte?'«

Warum Geben seliger als Nehmen ist

Die These, die über dem entsprechenden Kapitel der Denkschrift steht, spricht die höchstaktuelle Diskussion um die Managergehälter an: »Unverhältnismäßig hohe Gehälter von Managern zerstören das Vertrauen der Menschen in die Wirtschaft. Der Abstand zwischen Gehältern in einem Unternehmen muss vor den Beziehern der geringsten Gehälter gerechtfertigt werden können.«

Die biblischen Texte, Martin Luthers Verständnis von der Freiheit eines Christenmenschen und seinem Geld und die Aufnahme von beidem in aktuelle kirchliche Denkschriften zeigen: Wer Gott und Geld aufeinander bezieht, wird Zumutungen nicht aus dem Weg gehen können. Zugleich öffnet sich eine Tür in die Freiheit. Das Geld behält seine Bedeutung als Instrument für die Gewährleistung von Lebensmöglichkeiten. Aber es knechtet nicht mehr. Es wird zum Mittel eines bewussten Lebens vor Gott, das die Bedürfnisse des Nächsten genauso in den Blick nimmt wie die eigenen Bedürfnisse.

Das Geld verliert seine Bedeutung als Weg zum Glück. An die Stelle des Strebens nach mehr tritt die Dankbarkeit für das erfahrene Gute. Das kann auch darin bestehen, genug zum Leben zu haben und sich um Geld keine Sorgen machen zu müssen. Aber aus der Dankbarkeit kommt gleichzeitig die Erfahrung, dass »Geben seliger als Nehmen« macht. Wer vom eigenen Geld gibt, weil er aus der Freiheit eines Christenmenschen lebt, wird merken, dass das die eigentliche Glückserfahrung ist.

Der reiche Jüngling, der traurig weggeht, weil er sein Geld nicht hergeben will, hat sich das Beste entgehen lassen.

THEMA-HEFT

  Sonntagsblatt-THEMA NEU!

sts_cover_thema_geld_150.jpg

THEMA-Heft »Geld und Gott«: Der Mensch zwischen Markt, Mammon und Moral - 52 Farbseiten im SonntagsblattTHEMA-Heft 4/2011. Jetzt bestellen!.