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Sonntagsblatt 37/ vom

Grünkraft

Praxis des Glaubens Teil 14: Naturspiritualität als Weg zu Gott?

Von Oliver Behrendt

Weltweit machen sich Menschen auf, Gott zu suchen, wo ihn biblische Geschichten finden: draußen in der Natur. Aber wie viel Gott ist in seiner Schöpfung? Findet er uns, wenn wir uns der Natur anvertrauen?

In der Natur.
Foto: Wikimedia Commons
   In der Natur.

        

Heute lacht mir der Himmel entgegen. Endlich mal wieder im Wald unterwegs, duftet es nach Kiefern, Pilzen und Moos. Dazu das sanfte Rauschen des Windes und eine Sonne, die auf der Farbpalette spielt. Das Denken beruhigt sich, und bildschirmgeeichte Augen gehen wieder auf. »Geh aus, mein Herz, und suche Freud« dichtete Paul Gerhardt. Ist es nicht wirklich so? Meist genügt doch schon eine halbe Stunde Flanieren mit allen Sinnen im Stadtpark, und wir finden Freude. Das Mindeste, was geschieht: Wir fühlen uns körperlich ausgeglichener als zuvor. Die Natur bewirkt täglich kleine Heilungswunder. Meist so selbstverständlich, dass wir es kaum noch bemerken.

Doch draußen in Fauna und Flora kann noch mehr geschehen. Die 39-Jährige Selma erzählt: »Als die Sonne aufging, überkam mich eine große Ruhe, und doch war es mehr als nur Ruhe. Es war Freude, Entzücken, Schönheit, Liebe. Das Gras zu meinen Füßen war wie verzaubert, die Vögel, die ihr Frühstück suchten, über alle Maßen schön. Das Universum war großartig geworden. Das Göttliche schien überall. Ohne Anstrengung und Kampf war plötzlich der Geist über mich gekommen. Da gab es keine Trennung mehr. Ich hörte auf zu beten, weil ich selber Gebet war« (aus: Sylvia Koch-Weser, Geseko von Lüpke, Vision Quest, München. 2000, S. 231).

Ein Hymnus an Vater Himmel und Mutter Natur. Wer mit christlicher Mystik vertraut ist, entdeckt in Selmas Erlebnis viel Bekanntes. Hildegard von Bingen beschreibt solche Momente tiefer Verbundenheit zwischen Mensch, Natur und Gott in den glühendsten Farben. Mit »Viriditas«, der »Grünkraft«, benannte die visionäre Äbtissin die Kraft Gottes in seiner Schöpfung. Jesus ist für sie das »inkarnierte Grün«, Maria die »Viridissima Virga«, das jungfräuliche Grün.

Selma ist aber weder Nonne noch Heilige. Sie machte ihre Erfahrungen als Frau von heute im Rahmen einer Visionssuche draußen in der Natur. Visionssuche? Das klingt nach irgendetwas Abenteuerlichem zwischen Dschungelcamp und mystischem Spitzenerlebnis. In Wirklichkeit bezeichnet das Wort Quest (engl. für Suche/Streben) eine relativ neue Seminarform: Mann oder Frau gehen darin tatsächlich auf Reisen - innere wie äußere. Wer heute auf Visionssuche ist, macht sich nach einer gemeinsamen Vorbereitungszeit auf, vier Tage und vier Nächte allein und fastend in der Wildnis zu verbringen. Angeboten werden Visionssuchen derzeit in den Wüsten Arizonas, im Sinai, aber auch in den Bergen Österreichs oder ganz »ortsnah« in ruhigen Teilen der Fränkischen Schweiz.

Sylvia Koch-Weser und Geseko von Lüpke, beide erfahrene, »wettergegerbte« Leiter von Visionssuche-Gruppen, beschreiben ihre drei wichtigsten Bestandteile bzw. »Tabus«

  1. Keinen Kontakt mit anderen Menschen, kein Handy als Sicherheit.

  2. Den Elementen und natürlichen Bewohnern einer Landschaft ausgesetzt sein. Nur ein Schlafsack und »eine kleine Plane zum Schutz gegen Regen und Sonne« sind erlaubt.

  3. Kein Essen, lediglich Wasser soll zu sich genommen werden.

Diese Vorgaben nehmen Frauen und Männer vier Tage und Nächte freiwillig auf sich. Selbst für naturverbundene Menschen ist das eine Herausforderung. Wie ist das für mich? Nachts allein in Wald oder Wüste? Worauf kann ich verzichten? Was hält die Natur für mich bereit?

Schon das Packen des eigenen Rucksacks wird zum spirituellen Thema, weiß ein Quester (engl. für Visionssuchender) zu berichten. »Um beim Gepäck Platz zu sparen, kaufte ich mir für meine Visionssuche ein Kinderzelt. Stellen Sie sich mal vor, ich war allen Ernstes mit einem Spielzeugzelt nach Schweden gereist. Im ersten Sturm vor Ort merkte ich dann sehr eindrücklich, wie diese Entscheidung mit einem mir bisher nicht bewussten Seelenthema zusammenhängt: nicht erwachsen werden zu wollen. Vaterlos aufgewachsen gab es niemanden, der mir vorlebte, als Mann zu meiner Verantwortung zu stehen. Die Zeltwahl spiegelte mir meinen Entwicklungsweg, der sich erst draußen in der Natur klar zeigte. Die Erkältung vor Ort war diese Einsicht wert.«

Dabei ist das Risiko, sich während einer Visionssuche Schlimmeres zu holen als eine Erkältung, geringer, als man denkt. Steven Foster, Meredith Little und andere Pioniere dieses spirituellen Ansatzes haben über die letzten dreißig Jahre Tausende Menschen begleitet, ohne dass es zu schweren Unfällen kam. Sind wir dann, wenn wir mit wachem Herzen unterwegs sind und uns verletzlich machen, durch andere Kräfte geschützt? Wie immer man das sieht, eine erfahrene Quest-Leitung überprüft in jedem Fall ihre »Quester« bereits im Vorfeld sorgfältig: Sind Krankheiten oder psychische Einschränkungen vorhanden, die draußen überfordern?

Die Natur als spirituelle Therapeutin?

Aufgabe der Leitung ist es, gemeinsam mit jedem Teilnehmenden in Vor- und Nachbereitung das richtige Maß zu finden. So ist es für manchen bereits genug, in Rufweite des Basislagers und der Leitung seine Auszeit zu verbringen. Selbst das Fasten ist kein Muss. »Eine Diabetikerin wird ihre gewohnte und notwendige Ernährungsweise draußen weiter einhalten«, so Franz P. Redl, der in Wien eine Wildnis-Schule leitet. »Es geht darum, seine Grenzen kennenzulernen und sie anzuerkennen - nicht sie mutwillig zu überschreiten.« Vision Quest ist also kein Survival-Training oder Extremsport. Jede und jeder kann bis ins hohe Alter hinein mitmachen, wenn sie oder er sich davon angezogen fühlt. »Was auch immer ansteht, Trennung, Trauer, eine berufliche Neuorientierung oder die Suche nach dem Ursprung deines Lebens, Therapeutin ist die Natur selbst«, so glaubt Sylvia Koch-Weser.

Oder heilt doch Gott? Welchen Einfluss haben die Gruppe und das psychologische Wissen der Leitenden? Es ist wohl ein zentrales Kennzeichen der weltweiten ökologischen Krise, dass Naturbeziehung, Heilung und Spiritualität heute auseinanderfallen, so wichtig es war, sie unterscheiden zu lernen. Die Sehnsucht, die drei Bereiche wieder zu verbinden, hat besonders in Deutschland Geschichte. Und nicht erst seit dem 19. Jahrhundert und der Romantik trägt sie mystische Züge: »Die blaue Blume ist aber das, was jeder sucht, ohne es selbst zu wissen, nenne man es nun Gott, Ewigkeit, Liebe oder Natur«, schrieb Ricarda Huch über das Anliegen der Romantiker. Casper David Friedrich und andere Künstler seiner Zeit sahen ihre Hauptaufgabe darin, den Riss zu heilen, der durch die Welt geht und Mensch und Natur, Gefühl und Verstand, Gott und Welt trennt.

An dieser Spaltung leiden wir noch immer, nur dass der Riss tödlich wird. Bald acht Milliarden Menschen besetzen jede ökologische Nische, um sie auszubeuten. Können wir unsere Muster und Gewohnheiten ändern, um zukunftsfähig zu werden? Wie ein Wissenschaftler sagte: »Wir sind die erste Art, die sich dazu entscheiden kann, nicht auszusterben. Aber wir müssen die Wahl treffen.« Wer sich der Natur so aussetzt und hingibt, wie das in einer Visionssuche geschehen kann, will seinen Anteil und sein Charisma in diesem Prozess der Heilung erfahren. Die »Vision« wäre dann eine neue Sicht auf das Bestehende und bisweilen tatsächlich eine visionäre, gottgeschenkte Schau auf das, was zukünftige Wege aus der Krise sind - der individuellen wie der Krise der Gemeinschaft.

All das ist einem christlichen Gottes- und Weltbezug sehr viel näher, als es den meisten bewusst ist. Es sind die Sternstunden christlicher Offenbarungsgeschichte, die unter freiem Himmel ihren Platz finden. Biblische Geschichten erzählen davon: angefangen von der Gottesbegegnung des Mose im brennenden Dornbusch, einer Pflanze mit der Gott das Gespräch mit Mose eröffnet, bis zu Elias, der Gott - gegen die Gottesbilder seiner Zeit! - im »sanften, verschwebenden Schweigen« eines Wüstenwindhauchs vernimmt. Dazu kommt Jesus selbst, der 40 Tage Prüfung in der Wüste für nötig hält, bevor er sein Lebenswerk beginnt, Gottes Reich den Menschen nahezubringen. Es ist mitten unter uns.

Auch Baum, Berg und Blume sind seine Werke. »Sehet die Lilien auf dem Felde.«

Wie viel Gott ist also in der Natur - »mitten unter uns«? Ist alles Gott, wie »Pantheisten« glauben, oder funktioniert Natur doch gottlos, nach eigenen Gesetzmäßigkeiten?

Die christliche Wahrheit liegt dazwischen: Gott wirkt durch alles, muss es aber nicht.

Bemerkenswert eindeutig formuliert Paulus dieses Wirklichkeitsverständnis: »Gottes unsichtbares Wesen wird seit der Schöpfung der Welt ersehen aus seinen Werken, wenn man sie wahrnimmt« ( Römer 1,20).

 

  OLIVER BEHRENDT ist landeskirchlicher Beauftragter für geistliche Übung und Meditation in Nordbayern und Leiter des spirituellen Zentrums im eckstein in Nürnberg.

BUCHTIPP

  Silvia Koch-Weser, Geseko von Lüpke: Vision Quest München 2000 Euro.