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Sonntagsblatt 43/ vom

Das Pathos der Weltgerichtsposaune

Serie Musica Sacra (36): »Graner Festmesse« von Franz Liszt


Die musikalische Entwicklung ist immer eingebettet in die allgemeine (Kultur-) Geschichte. Aber nur selten haben sich die großen Zeitläufte so mit der Musik gekreuzt wie im Falle der »Graner Festmesse« von Franz Liszt (1811-1886).

Die »Graner Festmesse« war ein Auftragswerk zur Einweihung der Kathedrale von Esztergom (Gran) im Jahr 1856.
Foto: Archiv
   Die »Graner Festmesse« war ein Auftragswerk zur Einweihung der Kathedrale von Esztergom (Gran) im Jahr 1856.

        

Die ungarische Kleinstadt Esztergom (zu Deutsch: Gran) hat eine große Vergangenheit: Sie gilt als älteste Stadt des Landes, hier wurde im Jahr 1000 Stephan I. zum ungarischen König gekrönt. Auch das Erzbistum Gran, das seit 18 Jahren den Doppelnamen »Erzbistum Esztergom-Budapest« trägt, ist über 1000 Jahre alt.

Wahrzeichen der Stadt ist die klassizistische Kathedrale, der größte Kirchbau, der im 19. Jahrhundert weltweit errichtet wurde. 1856 wurde die gewaltige Basilika mit der unbescheidenen Portalinschrift »Caput, Mater et Magistra Ecclesiarum Hungariae« (Haupt, Mutter und Lehrerin der Kirchen Ungarns) eingeweiht.

Zu diesem Zweck sollte die beste Musik gerade gut genug sein, und so bestellte man sie beim damaligen Weimarer Kapellmeister Franz Liszt, der zwar (noch) nicht als Komponist, aber doch als Klaviervirtuose europaweiten Ruhm genoss und der, obwohl deutscher Muttersprache, aus Westungarn stammte. Liszt hatte 1854 kryptisch geäußert, es werde sich wohl einmal für ihn eine Gelegenheit bieten, in einer »missa solemnis« zu zeigen, was er unter »religiösem Stil« verstehe. Kurz darauf ging der Auftrag aus Esztergom ein, und nach nur dreimonatiger Arbeitszeit lag die Messe im Mai 1855 vor.

Sie sollte nicht das einzige große geistliche Chorwerk des Meisters bleiben: Nachhaltiger wirkten die »Legende von der heiligen Elisabeth«, das Oratorium »Christus« und, vor allem in Ungarn selbst, die »Ungarische Krönungsmesse«, zu deren Klängen 1867 Kaiser Franz Joseph I. zum ungarischen König gekrönt wurde.

Die Uraufführung stand unter einem ungünstigen Stern: Zunächst wurde Liszt wegen der Länge und der pathetischen Orchestrierung, die man als unangemessen für den kirchlichen Rahmen ansah, beim ungarischen Erzprimas angeschwärzt. Bei der Generalprobe entpuppte sich der Raum als vollkommen überakustisch, und zu schlechter Letzt stellte sich auch heraus, dass man vergessen hatte, für den Tross von über 230 Musikern aus Chor und Orchester Nachtquartiere in der Stadt zu besorgen. Die Musiker, unter ihnen Liszt, mussten am Vorabend vor der Kirchweihe am 31. August 1856 auf einem Donauschiff übernachten - ohne Licht und Abendessen, dafür bei heftigem Sturm.

Indes: Erzprimas Johann Szitovsky war - übrigens anders als der ebenfalls anwesende Kaiser Franz Joseph - begeistert von dem Werk und bezahlte die Drucklegung, sodass die »Graner Festmesse« in den folgenden Jahren an vielen anderen Orten zur Aufführung kam.

Anders als Beethovens »missa solemnis«, die zu Liszts musikalischen Vorbildern zählte, ist die »Graner Festmesse« ein genuin religiös-kirchliches Werk. Liszt selbst hat formuliert, er habe sie »mehr gebetet als komponiert«, und zwar »aus wahrhaft inbrünstigem Herzens-Glauben«.

Die musikalische Freiheit im Umgang mit der ehrwürdigen Tradition der Messvertonung nahm er sich aber doch: Die Fugen etwa folgen nicht der strengen Logik der Polyphonie, sondern einer eigenen Liszt'schen Auffassung, über manche Vortragsbezeichnung (»allegro militante« oder »dolce suave«) haben Traditionalisten der Kirchenmusik sich seinerzeit gewundert und über pathetische Ausbrüche wie den »Weltgerichtsruf« von Tuba und Posaunen missgünstig den Kopf geschüttelt. Aber dieses Schicksal teilt die »Graner Festmesse« mit vielen anderen unvergänglichen Kunstwerken.

 

DIE GRANER FESTMESSE steht im Mittelpunkt eines Konzertes am Sonntag, 23. Oktober, um 19 Uhr in der Paul-Gerhardt-Kirche in Nürnberg-Langwasser. Es musizieren Jennifer Lynn Rouse (Sopran), Monika Schulz (Alt), Jens Schmiedeke (Tenor) und Markus Simon (Bass), Regine Kofler (Harfe) und Brigitte Becker (Orgel), außerdem die Kantorei Langwasser und das Kammerorchester der Paul-Gerhardt-Kirche unter Leitung von Martin Schiffel. Auf dem Programm steht auch die Uraufführung »Intrade für Sopran und Orchester« von Volker Felgenhauer.
Foto: Kantorei
   DIE GRANER FESTMESSE steht im Mittelpunkt eines Konzertes am Sonntag, 23. Oktober, um 19 Uhr in der Paul-Gerhardt-Kirche in Nürnberg-Langwasser. Es musizieren Jennifer Lynn Rouse (Sopran), Monika Schulz (Alt), Jens Schmiedeke (Tenor) und Markus Simon (Bass), Regine Kofler (Harfe) und Brigitte Becker (Orgel), außerdem die Kantorei Langwasser und das Kammerorchester der Paul-Gerhardt-Kirche unter Leitung von Martin Schiffel. Auf dem Programm steht auch die Uraufführung »Intrade für Sopran und Orchester« von Volker Felgenhauer.

        

 

 

 

Thomas Greif