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Sonntagsblatt 43/ vom

Freiheit

Sonntagsblatt-Serie: Das Beste aus der Bibel


Für Freiheit einzutreten ist leicht gesagt und schwer getan. Denn was bedeutet es eigentlich, frei zu leben? Die Bibel gibt Antworten.

Ugolino di Nerio: Der Prophet Jesaja, 1327, London.
Foto: sob
   Ugolino di Nerio: Der Prophet Jesaja, 1327, London.

        

Am Anfang war Befreiung - 2. Mose 3, 7f.; 5. Mose 26, 7f.

Am Anfang der Geschichte Gottes mit seinem auserwählten Volk war Befreiung. Gott sah »das Elend seines Volks« in Ägypten und hat »ihre Leiden erkannt«. Deshalb hat er sie »errettet aus der Ägypter Hand« und sie »in ein gutes und weites Land, in ein Land, darin Milch und Honig fließt«, herausgeführt. Poetisch drückt Gott diese Befreiung im Buch Hosea aus: »Als Israel jung war, hatte ich ihn lieb und rief ihn, meinen Sohn, aus Ägypten.« Für diese ganz konkrete Befreiung ist das Volk seinem Gott dankbar. ( 2. Mose 3, 7f.,  5. Mose 26, 7f)

Zitat: »Der Herr erhörte unser Schreien und sah unser Elend, unsere Angst und Not und führte uns aus Ägypten mit mächtiger Hand und ausgerecktem Arm.«

 

Freiheit für die Gefangenen! - Jesaja 61, 1; Lukas 4, 18

Mission bedeutet nicht nur, Ungläubigen etwas zu predigen. Der Prophet Jesaja beschreibt auch die praktische Seite eines Mannes Gottes. Gott habe ihn auch darum gesandt, betont der Prophet, um den Gefangenen Freiheit zu verkündigen und »den Gebundenen, dass sie frei sein sollen«. Das klingt nach einer Generalamnestie für alle Strafgefangenen der Welt. Ist es aber nicht. Gemeint sind wohl diejenigen, die Opfer ungerechter Urteile wurden und zu Unrecht im Gefängnis einsitzen. Bei seiner Antrittspredigt in Nazareth wiederholt Jesus die Worte Jesajas. ( Jesaja 61, 1,  Lukas 4, 18)

Zitat: »Der Geist des Herrn ist auf mir. Er hat mich gesandt, zu predigen den Gefangenen, dass sie frei sein sollen, und den Zerschlagenen, dass sie frei und ledig sein sollen.«

 

Geist und Freiheit - Johannes 3, 8; 2. Korinther 3, 6.17

»Der Wind bläst, wo er will«, sagt Johannes. Der Evangelist meint nicht nur das Wetterphänomen Wind, sondern auch das Symbol für den Geist Gottes, der wie ein Brausen auf die Jünger herabgekommen war. Wenn Paulus den Geist mit Freiheit gleichsetzt, meint er die Unverfügbarkeit des göttlichen Einflusses. Wo der Geist Gottes weht, da ist Freiheit, erklärt der Apostel seinen Glaubensgeschwistern in Korinth. Ausschließliches Schriftenstudium hat mit Freiheit wenig zu tun, denn »der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig«. ( Johannes 3, 8,  2. Korinther 3, 6.17)

Zitat: »Wo aber der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit.«

 

Christus befreit - Galater 2, 4; 4, 5; 5, 1

»Christus befreit!« Was in so kurzer Form wie eine fromme Floskel klingt, birgt theologische Tiefen. Paulus meint damit, dass Christen nicht mehr abhängig von den Mächten der irdischen Welt sind. Ebenso wenig müssen sie sich zwingend den für Juden geltenden religiösen Vorschriften und Gesetzen unterwerfen. Christus ist gekommen, »damit er die, die unter dem Gesetz waren, erlöste.« In dieser Bemerkung spiegelt sich ein großer Streit der Frühchristenheit: Müssen Heiden erst die jüdischen Gesetze befolgen, bevor sie Christen werden? Müssen sie sich zum Beispiel beschneiden lassen? Paulus bezieht hier eindeutig Stellung: Christen sollten sich ihrer Freiheit vom Gesetz so bewusst sein, dass sie nicht wieder zurück unter das »Joch der Knechtschaft« kriechen wollen. Das hatten offensichtlich herumreisende Missionare, »falsche Brüder«, verkündet. ( Galater 2, 4)

Zitat: »Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen!«

 

Keine grenzenlose Freiheit - Galater 5, 13; 1. Korinther 6, 12

Paulus mahnt die christlichen Gemeinden: »Ihr seid zur Freiheit berufen. Seht zu, dass ihr durch die Freiheit nicht dem Fleisch Raum gebt; sondern durch die Liebe diene einer dem andern.« Denn die Freiheit, so Paulus, könne paradoxerweise in neue Gefangenschaften führen. Diese schwierige Zweischneidigkeit der Freiheit entdeckte Martin Luther neu und fasste sie in die berühmten Worte: »Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.« ( Galater 5, 13,  1. Korinther 6, 12)

Zitat: »Alles ist mir erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten. Alles ist mir erlaubt, aber es soll mich nichts gefangen nehmen.«

 

Falsche Freiheit - 1. Petrus 2, 16

Die Sehnsucht der Menschen nach Freiheit ist übergroß und macht anfällig für falsche Deutungen der Freiheit. Der zweite Petrusbrief zählt einige Beispiele auf. Von »Lust, am hellen Tag zu schlemmen« ist da die Rede, außerdem von »Betrügereien«, »Ehebruch« und »Habsucht«. Diese Menschen würden Freiheit versprechen, aber dem Willen Gottes widersprechen. Sie machen »Freiheit zum Deckmantel der Bosheit«. Vor ähnlichen Irrlehrern warnte auch Jesus: »Falsche Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen, inwendig aber sind sie reißende Wölfe.« ( 1. Petrus 2, 16)

Zitat: »Sie versprechen Freiheit, obwohl sie selbst Knechte des Verderbens sind.«

 

Freiheit für die ganze Welt - Römer 8, 19-22; 1. Korinther 15, 55

Wer ist der größte Unterdrücker des Lebens? Der Tod. Auch von ihm befreit der Glaube - sodass jeder Christ wie Paulus ausrufen kann: »Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel?« Doch dass Tod und Krankheit überall lauern, damit müssen auch die Christen leben. Dennoch leben sie aus der Verheißung, dass der Tod einst nicht mehr sein wird. Nicht nur jeder Mensch, die ganze Schöpfung wird am Ende aller Tage »frei werden von der Knechtschaft der Vergänglichkeit«. ( Römer 8, 19-22,  1. Korinther 15, 55)

Zitat: »Auch die Schöpfung wird frei werden von der Knechtschaft der Vergänglichkeit zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes.«

 

BIBLE'S DIGEST

»Das Beste aus der Bibel« - eine Bibelkunde der besonderen Art.

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  »Das Beste aus der Bibel« - eine Bibelkunde der besonderen Art.

Der Theologe Uwe Birnstein macht sich in der Sonntagsblatt-Serie »Das Beste aus der Bibel« Woche für Woche auf die Suche nach den bewegendsten und außergewöhnlichsten Geschichten der Bibel. »Das meistgedruckte Buch der Welt verstaubt in den Bücherregalen«, klagt er. Der Grund: Die Heilige Schrift ist kein Roman und eignet sich nicht zur raschen Lektüre. Die Perlen, die sie birgt, müssen erst entdeckt werden. »Das Buch der Bücher birgt Geschichten, die es mit jedem Liebesroman und jedem Thriller, mit jedem Krimi und jeder Generationen-Saga mühelos aufnehmen kann.« Das Beste der Bibel - eine Bibelkunde der besonderen Art.

 

VON DER BEFREIUNG ZUM ERLÖSER

  Das Thema Freiheit zieht sich durch vom ersten bis zum letzten Buch der Bibel. Gläubige Juden wie Christen erinnern an die geschichtliche Befreiung aus der ägyptischen Knechtschaft. Dass sie durch Gott von der Sünde und der Macht des Todes befreit sind, glauben Christen. Die hebräischen und griechischen Begriffe für Freiheit beinhalten auch die Bedeutung von »Lösen« oder »los machen«. Jesus ist ein Erlöser meint also: Jesus befreit die Menschen.

  Zum Weiterlesen: Jörg Zink: Ruf in die Freiheit. Entwurf einer zukunftsfähigen christlichen Ethik, Gütersloh 2007.

  THEMA Freiheit, Das Sonntagsblatt-Magazin zum EKD-Jahresthema 2011. 52 Seiten, 3 Euro, Im Sonntagsblatt-Shop oder per Bestelltelefon: 089-12172-207.

 

 

 

Uwe Birnstein