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Sonntagsblatt 51/ vom

Die Geburt Christi in uns

Praxis des Glaubens Teil 28: Weihnachten und wir

Von Helmut Frank

Für Christen kann es nicht darum gehen, Weihnachten als historisches Geschehen zu glauben. Die Frage muss sein, was das Geschehen im Stall in Bethlehem mit uns selbst zu tun hat, wie Gott heute Weihnachten für uns geschehen lässt.

Die heilige Nacht. Farblithographie nach einer Zeichnung von Ernst Liebermann (1869-1960).
Foto: akg-images
   Die heilige Nacht. Farblithographie nach einer Zeichnung von Ernst Liebermann (1869-1960).

        

Weihnachten gehört zu den Höhepunkten des christlichen Jahreskreises. Vielleicht ist es sogar für die meisten Christen das wichtigste Fest des Jahres, weil es emotional am meisten anrührt und berührt, aber auch theologisch gesehen ist es das wichtigste Fest: weil hier die Hauptsache des christlichen Glaubens geschieht, dass Gott Mensch wird und in diese Welt kommt, zu den Menschen. Hier geschieht die Grundlegung für das heilvolle Handeln, das im Leben, Sterben und in der Auferstehung Jesu seinen Ausdruck findet.

Es geht also um die Vergegenwärtigung von Gottes heilvollem Handeln, von Gottes Heilsgeschichte mit der Welt. Doch genauso wie bei der Erinnerung an Jesu Tod und seine Auferweckung an Karfreitag und Ostern gilt es auch an Weihnachten zu fragen: Was hat das Ganze mit mir zu tun? Der große Mystiker Angelus Silesius (1624-1677) hat die Antwort auf den Punkt gebracht: »Und wäre Christus tausendmal in Bethlehem geboren und nicht in dir, du wärst doch ewiglich verloren.«

Die Botschaft, dass das Kind in uns geboren wird, dass Gott selbst in uns Wohnung nimmt, dass sie eingepflanzt, in uns hineingesät ist, ist ein zentrales Motiv der christlichen Mystik. Der Theologe und Psychotherapeut Hans Gerhard Behringer spricht in seinem Buch »Die Heilkraft der Feste« (Buchtipp) von einer »inneren Geburt in einem ganz umfassenden, tief geistlichen, völlig neuen Sinn«. Behringer beschreibt Weihnachten als Aufforderung zur Wiedergeburt im Geist, zur Gottesgeburt in uns. Nur hier könne sich Weihnachten eigentlich verwirklichen. Er verbindet dabei die Erfahrungen der Dunkelheit in der menschlichen Existenz mit der Gottesgeburt: »Auch die Lichtgeburt im Menschen kann sich erst dann ereignen, wenn es draußen dunkel geworden ist. Erst wenn der Mensch bereit geworden ist, in das tiefste Dunkel seiner eigenen Seele hineinzusteigen, das Urgrauen des eigenen Schattens auszuhalten, zu ertragen, zu durchwandern, erst wenn er hinuntergestiegen ist, seine eigene Schwärze, seine Finsternis, seine Schatten angeschaut hat, erst dann kann er in diesem Dunkel die Geburt des Lichts erleben.« Denn das Licht kam in die Dunkelheit ( Johannes–1,–5).

Dem entspricht die Symbolik der biblischen Weihnachtserzählungen, dass das Licht in der Tiefe, in einer dunklen Höhle gefunden wird, nicht oben, in der glitzernden Stadt des Herodes, in Jerusalem, sondern in einer Grotte am Rande Bethlehems. Entscheidend ist, ob wir von einer bloß historischen Betrachtung der Weihnachtsereignisse (es geschah…) hin zu einer faktischen, gegenwärtigen, heute sich ereignenden Erlebensweise kommen.

Sternennacht über der Rhone, Vincent van Gogh, 1888.
Foto: sob
   Sternennacht über der Rhone, Vincent van Gogh, 1888.

        

Der Mystiker Johannes Tauler war überzeugt, dass Christus »zu aller Zeit, ohne Unterlass in uns geboren wird«. Für den Psychologen C.G. Jung ist die Gottesgeburt im Menschen das Ziel der menschlichen Selbstwerdung. Wenn Gott im Menschen geboren wird, dann kommt er von seinem Ich weg zum Seelengrund, zu seinem Kern, in dem er wirklich er selbst ist.

Die Geburt Christi markiert einen gewichtigen Unterschied zu anderen Religionen, vielleicht kann man sogar sagen, dass sich das Christentum mit dem Geschehen im Stall als Religion im herkömmlichen Sinn disqualifiziert, bevor es überhaupt mit der christlichen Religion losgeht.

Diese Gottesgeburt im Niedern, Armseligen, Gebrechlichen, im Dreck eines Stalls unterscheidet sich von den Heldengeschichten vieler anderer Religionen. Die bisherige Welt- und Kulturgeschichte hatte bis dahin ihre Götter in ein strahlendes Licht gerückt, es waren Heldenepen, die von Lichtglanz, Kraft und Stärke handelten. In Jesus erschien kein absoluter Gott, er verkörpert nicht die philosophischen Tugenden des Edlen, Schönen und Reinen, sondern im Stroh der Krippe das Unscheinbare, Zerbrechlich-Bedrohte.

Der zweite Unterschied liegt in der tieferen Botschaft des Geschehens, dass nicht der Mensch durch Werke und Glauben vergöttlicht wird, sondern dass sich Gott vermenschlicht, Mensch wird. Lassen wir es zu, auch in uns selbst. dann ist Weihnachten mehr als nur eine große Projektionsleinwand all unserer Sehnsüchte.

Fritz von Uhde (1848-1911): »Die heilige Nacht« (1888/89), Galerie Neue Meister, Dresden.
Foto: sob
   Fritz von Uhde (1848-1911): »Die heilige Nacht« (1888/89), Galerie Neue Meister, Dresden.

        

BUCHTIPP: »Die Heilkraft der Feste - der Jahreskreis als Lebenshilfe«, Claudius-Verlag, München 2008, ISBN 978-3-532-62213-1, 368 Seiten, 21,95 Euro.

  HILFREICHE IMPULSE für die eigene Klärung der tieferen Bedeutung der Weihnachtszeit, auch psychologisch-psychotherapeutischer und pädagogischer Art finden sich ausführlich im Buch »Die Heilkraft der Feste - der Jahreskreis als Lebenshilfe«, Claudius-Verlag, München 2008, ISBN 978-3-532-62213-1, 368 Seiten, 21,95 Euro. Bestelltelefon: (089)12172-119

 

Hans Gerhard Behringer

 

  HANS GERHARD BEHRINGER ist bayerischer Theologe, Diplom-Psychologe, Psychologischer Psychotherapeut, Seminartrainer und Schriftsteller. Er lebt in Davos.

PRAXIS-IMPULSE

  Wie wirkt der Gedanke einer »neuen zweiten, inneren Geburt« auf Sie jetzt? Denken Sie einmal darüber nach, was an völlig neuer Zukunft eröffnet würde, wie unwirksam Vergangenheit würde, beim bloßen Gedanken daran, man könne völlig von vorne anfangen, neu beginnen, wie ein unbeschriebenes Blatt sein, gleichsam neu geboren.

  Vielleicht gibt der Gedanke der Geburt des Lichtes gerade in den dunklen Wochen des Jahres, dann auch sogar in der dunkelsten Stunde der Nacht, und auch im Dunkel einer Höhle, also in Zeiten der Tiefe, solchen Zeiten Ihres Lebens eine besondere Bedeutung? Wenn Sie zum Beispiel »down« oder depressiv verstimmt sind? Haben Sie womöglich auch schon gerade in solchen Zeiten Anfänge des Neuen, Aufbrüche von Lebendigkeit, Durchbrüche zum Licht, Anbrüche neuer Tage und neuer Klarheit erlebt?

  Verstehen Sie jetzt den Satz besser: »Die Mitte der Nacht ist der Anfang des Tages«? Warum es wirklich »Mitte« der Nacht heißen muss?

  Überlegen Sie selber und/oder mit anderen zusammen, wie das Weihnachtsfest positiv überhöht wurde und seines ursprünglichen Anstoßes, seiner Ärmlichkeit und Unscheinbarkeit beraubt wurde.

  Warum wohl können wir das ursprüngliche Elend und die historische Kargheit der Geschehnisse um Christi Geburt herum so schwer ertragen?

  Stellen Sie sich einmal eine Liste der schwierigen, elenden und notvollen Erfahrungen Ihres Lebens zusammen. Machen Sie sich nun klar, dass die Verhältnisse bei der Geburt Jesu wohl in Wirklichkeit ähnlich unerfreulich waren. Was würde sich für Ihre Lebenseinschätzung verändern, wenn Sie zu denken versuchten: In all diesen Ereignissen kommt Gott in meinem Leben vor. Jedes dieser Ereignisse ist eine Begegnungsart und ein Begegnungsort Gottes. Wie würde das Ihre Sicht der Ereignisse ändern? Sind solche Gedanken überhaupt denkbar? (H.G. Behringer)

HILFREICHE IMPULSE für die eigene Klärung der tieferen Bedeutung der Weihnachtszeit, auch psychologisch-psychotherapeutischer und pädagogischer Art finden sich ausführlich im Buch »Die Heilkraft der Feste - der Jahreskreis als Lebenshilfe«, Claudius-Verlag, München 2008, ISBN 978-3-532-62213-1, 368 Seiten, 21,95 Euro. Bestelltelefon: (089)12172-119