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Sonntagsblatt 04/ vom

In 58 Tagen von England nach Rom

Josef Heirich unterwegs auf dem wohl ältesten christlichen Pilgerweg Europas


Seit Josef Heirich in Rente ist, geht er jedes Jahr einen Pilgerweg. Sein jüngstes Projekt: der wohl älteste christliche Pilgerweg Europas von Canterbury nach Rom.

Der Pilgerpass verschaffte Josef Heirich Vergünstigung und Gastfreundschaft - sei es in England, in Frankreich, in der Schweiz oder in Italien.
Foto: nelu
   Der Pilgerpass verschaffte Josef Heirich Vergünstigung und Gastfreundschaft - sei es in England, in Frankreich, in der Schweiz oder in Italien.

        

Der Jakobsweg ist weltbekannt. Den ging Josef Heirich schon 2006 in 76 Tagen am Stück. Ebenso den Olavsweg, den Franziskusweg oder den mozarabischen Jakobsweg in Spanien. Und auch die erst 1990 wiederentdeckte Via Francigena, Frankenweg, ist Heirich schon gegangen.

Zeit also für eine neue Herausforderung: In 58 Tagen marschierte er nun die rund 2030 Kilometer lange Strecke von England nach Rom. Sie ging Sigeric I. zu seiner Bischofsweihe von Canterbury nach Rom. Von Canterbury aus wurde England christianisiert.

Dorthin flog Heirich, doch ab da ging es zu Fuß weiter. In der Kathedrale bekam er seinen ersten Pilgerstempel. Schon einen Tag später setzte er in 90 Minuten mit der Fähre nach Frankreich über. Führte der Weg auf der Insel noch teils durch grüne Felder, plagte ihn an der Küste heftiger Wind.

»Im Kloster St. Paul in Wisques musste ich als Gast allein an einem mittig aufgestellten Tisch sitzen, während die Ordensmitglieder in völliger Stille im Refektorium aßen und auch später nur das Nötigste leise miteinander austauschten«, schmunzelte Heirich.

Mit Zelt und Schlafsack durch den Schnee

Mit Zelt und Schlafsack war der Pilger unabhängig von Pensionen und doch vom Wetter abhängig. In Frankreich sei der Pilgerweg kaum bekannt. Entlang der knapp 770 Kilometer langen Strecke durch das Land der Grande Nation sei er zu den Kirchen von Arras, Peronne oder Langres, aber auch in die Kathedralen von Besançon oder Reims gekommen.

Als traumhaft beschrieb der pilgererfahrene Heirich die knapp 180 Kilometer lange Strecke durch die Schweiz. Als besonderes Abenteuer sollte ihm der Pass am Großen St. Bernhard in Erinnerung bleiben.

»Ich wurde auf Schneeschuhe hingewiesen, weil der Pass erst ab Juni offen ist. Aber ich suchte mir den Weg durch den teils hüfthohen Schnee. Orientieren konnte ich mich nur anhand der Stangen am Wegesrand. Manchmal bin ich auch tief eingesunken«, erinnerte sich Heirich an den qualvollen Aufstieg zum Hospiz. Auf dem Abstieg durch das Aostatal habe er sich an Napoléon Bonaparte erinnert, der im Mai 1800 seine 46000 Mann starke Armee über diesen Pass geführt hatte. »90 Prozent des Weges bin ich alleine gelaufen. Nur hin und wieder habe ich einen Pilger getroffen«, resümierte Heirich und ließ anklingen, dass er viele Stunden Zeit hatte, neben der Schönheit der Natur auch über das eigene Leben nachzudenken.

Nur so viel gab er preis: »Vieles was uns sonst wichtig ist, relativiert sich auf so einem Weg, und man lernt vermeintlich normale Dinge wieder zu schätzen, und wenn es nur ein trockenes, vielleicht sogar bequemes Nachtlager ist.«

Auf den gut 1000 Kilometern durch Italien habe ihn die gelbe Warnweste nicht vor dem einen oder anderen Sprung auf die sichere Bankette bewahrt, beschrieb Heirich manch brenzlige Situation entlang der Wegführung an einer der Staatsstraßen. In den Städten gebe es genügend Unterkünfte, speziell für Pilger, etliche seien sogar kostenfrei oder gegen eine Spende zu nutzen. Gegen 5.30 Uhr sei er aufgestanden, habe sich in einer Bar einen Kaffee und etwas zu essen geholt und sei dann losgelaufen. Die Mittagspause habe er für eine kurze Rast genutzt, denn die täglichen 30 bis 40 Kilometer Wegstrecke mit 15 Kilogramm Gepäck auf dem Rücken hätten ihren Tribut gefordert.

Nicht in rasender Geschwindigkeit mit dem Auto oder dem Zug, sondern zu Fuß habe er die Städte durchlaufen. Parma, Lucca, viele Städte ließen sich ergänzen. Nach 58 Tagen erreichte der Pilger Rom, sein Ziel und das des damaligen Bischofs Sigeric. Begeistert und bereichert hätten ihn die schönen Kirchen, die vielen Eindrücke entlang des Weges und die vielen Begegnungen mit unterschiedlichen Menschen.

 

 

 

Lutz Neumann