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Dieser Artikel: Ausgabe 16/2012 vom 15.04.2012
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Nicht alles tun, was machbar ist

Der Humangenetiker Wolfram Henn über Chancen und Grenzen der Medizin


Oliver war ein winziger Zellhaufen, da stand er schon in der Öffentlichkeit. Riesig war der Rummel, als er am 16. April 1982 als Deutschlands erstes im Reagenzglas gezeugtes Baby die Welt erblickte. Damals ein Skandal, ist künstliche Befruchtung heute Alltag. Welche Wunder der Medizin uns in den nächsten 30 Jahren erwarten, verrät Humangenetiker und Ethik-Experte Wolfram Henn.

Leben an der Grenze: Humangenetik und moderne Reproduktionsmedizin bieten immer mehr Möglichkeiten - wo liegen die moralischen Grenzen?
Foto: Wodicka
   Leben an der Grenze: Humangenetik und moderne Reproduktionsmedizin bieten immer mehr Möglichkeiten - wo liegen die moralischen Grenzen?

        

  Bei Olivers Geburt vor 30 Jahren in Erlangen war der Protest groß, »schlimmer als die Atombombe«, schimpfte die katholische Kirche. Ist die Entwicklung von Verteufelung über Empörung hin zu Normalität beispielhaft für medizinische Errungenschaften?

Henn: Diese Entwicklung ist beim Umgang mit neuen technischen Möglichkeiten häufig, nicht nur in der Medizin. Die ersten Operationen am offenen Herzen wurden im 19. Jahrhundert als unerhörte Tabubrüche kritisiert, die ersten Eisenbahnen als gesundheitsschädlich wegen der hohen Geschwindigkeiten. Dann schaffte nüchterne Betrachtung Raum für Vernunft, und befürchtete Probleme erwiesen sich als nicht existent. Aber es ist keineswegs so, dass es einen Automatismus zum Laisser-faire gäbe: Zur Hirnoperation an psychisch Kranken etwa oder zum Klonen von Embryonen hat sich ein stabiler ethischer Konsens herausgebildet, nicht immer alles zu tun, was machbar ist.

  Der ethische Konsens - ist der nicht anstrengend für einen Humangenetiker, der in seiner Laborschublade jede Menge Wissen über Gene hat? Der nur darauf wartet, dass die Gesellschaft ihm freie Bahn lässt, alles zu tun, was machbar ist? Oder sind das absurde Klischees?

Henn: Genau: alles absurde Klischees. Wenn Sie einen Humangenetiker fragen, was er sich für sein Fach wünscht, werden Sie von jedem hören: die Kluft zwischen Diagnose und Therapie genetischer Erkrankungen zu überbrücken. Das ist momentan das Traurige, dass wir zwar vielen sagen können, was ihnen fehlt, aber nur wenigen, was sie dagegen tun können. Da beneiden wir Chirurgen ... Historisch betrachtet, so hoffe ich jedenfalls, befindet sich Humangenetik dort, wo Infektionsmedizin um 1900 war: Man kannte die Krankheitserreger, hatte aber noch keine Antibiotika. Der Weg zur Gentherapie hat sich als steiniger erwiesen, als man vor zwanzig Jahren hoffte, aber in ein, zwei Generationen werden sich die Mühen lohnen.

  Was erwartet uns dann als Normalität?

Henn: In der Reproduktionsmedizin werden sich neue Maßnahmen der Unfruchtbarkeitsbehandlung durchsetzen, etwa Erzeugung von Keim- aus Körperzellen. Gut so: Was spräche auch dagegen, für einen jungen Mann, der durch einen Hodentumor die Zeugungsfähigkeit verloren hat, aus eigenen Hautzellen befruchtungsfähige Samenzellen herzustellen?

  Nun sind Sie ja nicht nur Humangenetiker, sondern auch Ethikexperte: Wie passt das zusammen?

Henn: Das erklärt sich fast von selbst: Seit Eva und dem Apfel entstehen ethische Konflikte immer dann, wenn der Mensch die Wahl zwischen tun und lassen hat. Und sie sind dort am größten, wo wir mehr können, als wir dürfen. In der Medizin denkt man dabei am Ende des Lebens vor allem an Intensivmedizin und am Anfang des Lebens vor allem an Pränataldiagnostik.

  Was ist eigentlich so umstritten an Reproduktionsmedizin und Humangenetik? Platt gefragt: Wieso lassen wir nicht alle die Babys bekommen, die sie möchten?

Henn: Dagegen gibt es viele ethische, soziale und politische Argumente. Ganz pragmatisch können wir sagen, dass die Natur aus guten Gründen keine Einheitskinder produziert - genetische Vielfalt ist für jede Spezies überlebenswichtig. Ein Beispiel: Die Möglichkeit vorgeburtlicher Geschlechtswahl hat in Ländern schon zu erheblichem Überschuss neugeborener Jungen geführt. In zwanzig Jahren werden diese partnerlosen Männer eine ziemliche soziale Sprengkraft entfalten. Gut, dass derlei bei uns nicht nur gesetzlich verboten, sondern auch im breiten Konsens verpönt ist.

Professor Wolfram Henn gehört zu Deutschlands ersten Humangenetikern. Er leitet die genetische Beratungsstelle an der Universität des Saarlands und ist Mitglied der Ethikkommission der Bundesärztekammer.
Foto: pr
   Professor Wolfram Henn gehört zu Deutschlands ersten Humangenetikern. Er leitet die genetische Beratungsstelle an der Universität des Saarlands und ist Mitglied der Ethikkommission der Bundesärztekammer.

        

  Was ist noch technisch möglich, aber nicht erlaubt?

Henn: Pränatale Gentests müssen auf medizinisch relevante Fragen begrenzt sein. Komplett verboten sind in Deutschland vorgeburtliche Vaterschaftstests, Geschlechtsbestimmungen und Tests auf Krankheiten, die erst im Erwachsenenalter ausbrechen können.

  Auch Samenspenden von Toten, Leihmutterschaft und Zugang zu künstlicher Befruchtung für Homosexuelle gehören zu diesen Tabus. Die FDP-Abgeordnete Ulrike Flach will diese Verbote nun reformieren.

Henn: Ein Großteil der für die Biomedizin gültigen Gesetze stammt aus Zeiten, als die von ihnen geregelten Methoden noch gar nicht existierten. Eine Neufassung statt eines dauernden Hinterherinterpretierens wäre durchaus sinnvoll. Das kann an manchen Stellen liberaler, an anderen restriktiver sein. Ich glaube, dass sich mit gesetzgeberischer Kreativität sogar ethische Probleme verkleinern lassen: Was spräche dagegen, dass eine unfruchtbare Frau mit Kinderwunsch einen der »überzähligen« Embryonen adoptiert und austrägt, die bei künstlichen Befruchtungen entstanden sind und aus irgendwelchen Gründen nicht implantiert wurden?

  Wenn es um Künftiges aus der Genetik geht, hört man öfter vom Genchip, der Menschen gläsern macht.

Henn: Mit solchen Techniken ist es möglich, aus einem Röhrchen Blut eine Vielzahl von Genen komplett zu analysieren. Das Ziel, das in drei bis fünf Jahren erreicht ist, ist das »Tausend-Dollar-Genom«, die Darstellung der vollständigen Erb-information aller 25000 Gene eines Menschen zum bezahlbaren Preis. Das Problem dabei liegt - mal wieder - nicht auf der technischen Ebene der Datengewinnung, sondern auf deren Interpretation und beim Datenschutz. Wer will wie viel über sich selbst, wer darf wie viel über andere wissen? Wie viel an Gestaltungsfreiheit über unser Leben würden wir gewinnen oder einbüßen, wenn wir unser genetisches Programm vollständig kennen würden, vom Aggressionspotenzial bis zum Alzheimer-Risiko?

  Werden immer mehr Tabus und Werte fallen?

Henn: Ich bin kein Prophet, aber ich erwarte keine fundamentalen Umbrüche der Wertesysteme. Es gibt Grund zur Zuversicht: Klonkinder, Designerbabys und Maschinenmenschen wird es nicht geben - aus einem einfachen Grund: Der Wunsch nach natürlicher Fortpflanzung, nach Weitergabe ureigener Erbanlagen, ist zu tief im Sein verwurzelt, als dass man routinemäßig die Zeugung vom Schlafzimmer ins Genlabor verlegen wollte. Ich sehe die Tendenz, dass künftig die Entscheidung, was gemacht wird, immer mehr durch gesellschaftliches Wollen als durch wissenschaftliches Können bestimmt wird. Was dann gewollt und gekonnt wird, wird schnell soziale Norm. Deshalb finde ich so wichtig, das Recht zur individuellen Ablehnung des Neuen hochzuhalten, auch wenn es skurril anmutet.

  Aktuell scheiden sich noch die Geister, ob man mittels Präimplantationsdiagnostik testen darf, ob ein Embryo etwa Muskelschwund oder die Bluterkrankheit hat. Denn die Konsequenzen heißen: sich für ein behindertes Kind entscheiden oder es gar nicht bekommen. Wird sich bald eine dritte Möglichkeit auftun: den Gendefekt beheben? Wie würde das die Debatte beeinflussen?

Henn: Ich vermute, dass sich diese Frage nie stellen wird. Gentherapie, auch wenn sie künftigen Generationen einmal verfügbar ist, wird niemals einfach und risikolos sein. Bewusst brutal formuliert: Es wird dann wohl niemand versuchen, einen »defekten« Embryo zu reparieren, wenn es viel leichter ist, mehrere Embryonen zu erzeugen und einen »normalen« auszuwählen. In einem Satz: PID statt Gentherapie.

  Im Sommer kommt ein neuer nichtinvasiver pränataler Test auf Down-Syndrom auf den Markt. Die Erfinder sprechen von einem revolutionären Konzept, Gegner nennen das Rasterfahndung, um Behinderte zu töten.

Henn: Dieser Test im Mutterblut ist technisch ohne Zweifel faszinierend - mit derselben Methode könnte man nach kranken Zellen im Blut eines Leukämie-Patienten suchen. Ethisch sehe ich jedoch zwei Probleme: Zum einen wird das Down-Syndrom noch mehr zur Zielscheibe vorgeburtlicher Suchstrategie, was die Akzeptanz geborener Menschen mit Down-Syndrom infrage stellt. Zum anderen erhöht sich der Druck, Pränataldiagnostik mit der Option eines Schwangerschaftsabbruchs in Anspruch zu nehmen. Es fällt immer schwerer, sich aus persönlichen, auch religiösen Gründen vorbehaltlos zu seinem werdenden Kind zu bekennen. Dass es wohl schon bald eine Ausweitung dieser Methoden auf andere genetische Auffälligkeiten geben wird, macht es nicht einfacher.

  Pränatalmedizin ist Medizin für Reiche: Behandlungen sind teuer und müssen meist selbst gezahlt werden. Sind Kinder Luxusartikel? Und gesunde erst recht?

Henn: Dass nicht jede Medizin durch Kassen bezahlt wird, mag ungerecht scheinen, ist aber unvermeidlich. So sagt es unser Sozialrecht: Alles, was nicht notwendig ist, muss selbst bezahlt werden. Und dass das Streben nach dem perfekten Wunschkind nicht in diesem Sinn notwendig ist, deckt sich mit meiner Überzeugung. Aber auch, dass jedes Kind alle Chancen bekommen muss, um seine Potenziale zu nutzen - auch wenn es angeborene Probleme hat, die Unterstützung kostspielig machen. Hier gibt es in vielen Gesundheitssystemen schon Rechnungen, die in Deutschland aus guten historischen Gründen - noch? - tabu sind: Was kostet flächendeckende pränatale Suchstrategie für Behinderung, und was kostet es im Vergleich, damit geborene Kinder lebenslang zu versorgen? Solches Denken mag uns empören, wir können es aber nicht ignorieren, sondern müssen Position beziehen.

  Zum Schluss der Blick in die Glaskugel: Wenn wir beide uns in 100 Jahren erneut zum Interview treffen (ja, wir leben dann noch, weil wir unsere Lebensdauer bis dahin längst per Einmalspritze verdoppeln können): Werden Sie dann noch Humangenetiker und Ethiker sein, oder wird beides bis dahin veraltet und überflüssig sein, genau wie Behindertenheime und Förderschulen?

Henn: Bei aller Sympathie: Ich hoffe sehr, dass es dazu nicht kommen wird. Ein unerfreuliches, aber unumstößliches Grundprinzip des Lebens - jedenfalls des diesseitigen - ist seine Endlichkeit; jeder muss irgendwann Platz machen für diejenigen, die nach ihm kommen. Aber keine Sorge, die werden sich nicht langweilen: Je mehr wir Menschen können, umso mehr werden wir uns fragen müssen, was wir damit anfangen wollen. Der Preis des Fortschritts ist die Verantwortung, das wird auch in hundert Jahren noch gelten.

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Brigitte Vordermayer

 


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abgerufen 27.08.2016 - 08:21 Uhr

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