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Sonntagsblatt 17/ vom

»Christen landen in der Hölle«

Die radikalislamischen Salafisten wollen in Deutschland 25 Millionen Korane unters Volk bringen


Radikalislamische Salafisten wollen in Deutschlands Fußgängerzonen weiter kostenlos den Koran verteilen. 300.000 Bücher wurden bereits verschenkt, 25 Millionen Exemplare sollen insgesamt unters Volk gebracht werden. Um Bayern haben die Islamisten bisher einen weiten Bogen gemacht.

»Lies!« (deutsch, nicht englisch zu verstehen) lautet der Titel der Koran-Kampagne. Damit sich die »Ungläubigen« in Deutschland selbst ein Bild vom Islam machen können, verteilen ihn Salafisten derzeit überall.
Foto: ddp
   »Lies!« (deutsch, nicht englisch zu verstehen) lautet der Titel der Koran-Kampagne. Damit sich die »Ungläubigen« in Deutschland selbst ein Bild vom Islam machen können, verteilen ihn Salafisten derzeit überall.

        

Am Fuße des Schillerdenkmals in der hannoverschen Innenstadt herrscht Gedränge. Kamerateams und Reporter stehen dicht vor einem Stand, an dem kostenlos Koran-Exemplare verteilt werden. Polizisten patrouillieren, zahlreiche ältere Zuschauer beobachten das Treiben aus einiger Entfernung. Immer wieder wagen sich Interessierte an den kleinen Stand vor, an dem Mitglieder einer als radikalislamisch geltenden Gruppe von Salafisten das heilige Buch der Muslime verschenken. Die Bevölkerung in Deutschland solle sich selbst ein Bild vom Glauben der Muslime machen, sagen sie.

Unter den Schaulustigen ist Klaus P. (62). Er selbst will sich keinen Koran mitnehmen. »Ich vermute aber, dass einige das Ding lesen werden.« Teilen könne er die Positionen der Islamisten nicht. Vor allem stört er sich am Frauenbild der vom Verfassungsschutz überwachten Gruppe. Sie propagierten eine Gesellschaft »wie im Mittelalter«.

Unterdessen gehen immer mehr Koran-Exemplare über den Tresen. Einer der Verteiler ist Dennis Radkamp. Er ist Konvertit und seit zwei Jahren praktizierender Muslim. Unablässig stapelt er die Bücher auf dem Tisch, gibt sie Interessierten in die Hand. Groß ins Gespräch kommt er mit ihnen nicht. Das wolle er auch nicht, sagt er: »Ich schwatze hier niemandem etwas auf.«

Rund 100 Meter entfernt stehen zwei weitere Stände: Seite an Seite informieren die islamkritische Partei »Die Hannoveraner« und die christliche Initiative »Bürger für Dialog und Wahrheit«. Letztere verteilt Bibeln und Grundgesetze. Bewusst wolle man der Aktion der Salafisten etwas entgegensetzen, heißt es. Niemand ist hier bereit, seinen vollständigen Namen zu nennen. Zu groß sei die Angst vor Übergriffen oder vor Anfeindungen, sagt eine 45-jährige Frau.

Gratis für alle: ein Anhänger des Salafismus beim Verteilen des Koran.
Foto: epd-bild
   Gratis für alle: ein Anhänger des Salafismus beim Verteilen des Koran.

        

Gleich 20 deutschsprachige Korane trägt Friedrich Neupert davon. Der 22-Jährige ist in der pietistisch-geprägten Landeskirchlichen Gemeinschaft aktiv. »Wir wollen den Koran in unserem Jugendkreis lesen«, erläutert er. Insbesondere Stellen, in denen es um den Heiligen Krieg geht, wolle die Gruppe intensiv studieren. Dass der Koran von einer besonders radikalen, islamistischen Gruppe verteilt wird, akzeptiert er: »Die Verteilung ist legitim, hier kann Deutschland auch Vorbild für islamisch-geprägte Länder sein.«

Hinter der Verteilaktion steht der in Köln lebende salafistische Prediger Ibrahim Abu Nagie und die Internet-Plattform »Die Wahre Religion«. Die Plattform wurde laut Verfassungsschutzbericht 2005 gegründet, sie kooperiert bundesweit mit salafistischen Predigern und organisiert Seminare. Die Verbreitung des Korans sei »die Pflicht von jedem Muslim«, sagt Ibrahim Abu Nagie. Muslime, die den Deutschen schmeicheln wollten, indem sie deren Religionen als gleichwertig bezeichneten, seien »Verräter«. »Christen, Juden kommen in die Hölle, wenn sie den Islam nicht annehmen«, sagt Abu Nagie. Muslimische Kritiker der Salafisten nannte er »Heuchler«: »Allah verspricht denen die Hölle.«

»Nicht jeder Salafist ist ein Terrorist; aber jeder uns bekannte Terrorist war irgendwann in salafistischen Kreisen unterwegs.«

Die radikalislamischen Salafisten haben mit ihrer Ankündigung, 25 Millionen Koran-Exemplare kostenlos in Deutschland verteilen zu wollen, heftige Diskussionen in Politik und Öffentlichkeit ausgelöst. Das liegt nicht am Koran, sondern an der Gruppe, die dahinter steht. Im Bayerischen Verfassungsschutzbericht 2011 wird festgestellt, dass Salafisten die weltlichen Gesetze und die Werte der westlichen Gesellschaft als unislamisch kategorisch ablehnen. Ziel der Salafisten sei die vollständige Umgestaltung von Staat, Rechtsordnung und Gesellschaft nach einem salafistischen Regelwerk, das als »gottgewollte« Ordnung angesehen werde, heißt es dort. »In letzter Konsequenz soll ein islamischer Gottesstaat errichtet werden, in dem wesentliche, in Deutschland garantierte Grundrechte und Verfassungspositionen keine Geltung haben sollen.«

Der Verfassungsschutz hat Probleme, die salafistische Szene mit ihren »schwer einsehbaren und dynamischen Netzwerkbildungen und Hierarchien« zu beobachten. Die Übergänge zwischen »politischem Salafismus« und »dschihadistischem Salafismus« seien fließend, die ideologischen Grundlagen wie auch die angestrebten politischen und gesellschaftlichen Ziele seien bei beiden Gruppen gleich. Sie unterscheiden sich vor allem in der Wahl der Mittel, mit denen ihre Ziele verwirklicht werden sollen.

Spezielle Zahnputztechnik mit Holzstöckchen: Salafisten stehen der heutigen Welt insgesamt feindlich gegenüber.
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   Spezielle Zahnputztechnik mit Holzstöckchen: Salafisten stehen der heutigen Welt insgesamt feindlich gegenüber.

        

Dabei ist eine zunehmende Radikalisierung zu beobachten: Vermehrt ziehen Angehörige der salafistischen Szene aus Deutschland in den »Heiligen Krieg« nach Afghanistan. Oder sie planen Anschläge in Deutschland wie die Sauerland-Gruppe. Die Mehrzahl der etwa 5000 Salafisten in Deutschland sind zwar keine Terroristen, sondern politische Salafisten. Andererseits sind fast alle in Deutschland bisher identifizierten terroristischen Netzwerkstrukturen und Einzelpersonen salafistisch geprägt bzw. haben sich im salafistischen Milieu entwickelt.

Ein aktuelles Beispiel für die radikalisierende Wirkung salafistischer Botschaften ist der Fall eines 21-jährigen Mannes - der sich aktuell vor dem Oberlandesgericht Frankfurt verantworten muss. Die Generalbundesanwaltschaft wirft ihm vor, am 2. März 2011 am Flughafen Frankfurt zwei US-Soldaten ermordet zu haben. Das Verbrechen ist das erste vollendete islamistisch motivierte Terrorattentat im Bundesgebiet. Auch die Terroristen des 11. September 2001 waren alle Salafisten, darunter auch die drei Selbstmordattentäter der Hamburger Zelle.

Die radikalen Salafisten - egal ob politisch oder dschihaddistisch orientiert, wollen die Zeit zurückdrehen und betrachten die heutige Welt insgesamt feindlich. Sie ignorieren die Jahrhunderte theologischer Entwicklung in ihrer Religion, um direkt zu den Quellen Koran und Sunna zurückzugehen, Maßstab sind die Sitten und Gebräuche des 7. Jahrhunderts, die »ehrwürdigen, rechtschaffenen Vorfahren« der ersten drei Generationen von Muslimen, die noch in unmittelbarem Kontakt mit dem Propheten Mohammed standen.

Ursprünglich war der Salafismus eine Reformbewegung

Was sich danach an Theologie und Tradition entwickelte, wird als verwerfliche Neuerung abqualifiziert. In diesem Sinne kann man den Salafismus ursprünglich als Reformbewegung innerhalb des Islam sehen. Ähnlich wie die Reformatoren sich gegen den Vorrang der katholischen Tradition gewandt hatten, um die Kirche wieder zur Bibel zurückzuführen, begannen die Salafisten im 18. Jahrhundert, nach der ursprünglichen islamischen Praxis zu fragen. Sie lehnten die islamische Theologie ab, die von der griechischen Philosophie inspiriert war. Im vom Westen dominierten imperalistischen 19. Jahrhundert sahen sie den Grund für den Niedergang der islamischen Gesellschaft in der »Verunreinigung« des Islams durch fremde Einflüsse.

Der frühere bayerische Ministerpräsident Günther Beckstein (CSU) sieht die Verteilaktion kritisch. Wenn man in Deutschland die Toleranz der Christen einfordere, gebe es eine moralische Verpflichtung, in den islamischen Ländern ebenfalls Toleranz gegenüber den Christen zu üben, sagte Beckstein. »Wenn Christen in islamischen Ländern, insbesondere dort, wo Salafisten die Macht haben, versuchen würden, die Bibel zu verteilen, dann zöge das allerschwerste Strafen nach sich - bis hin zur Todesstrafe. Das ist ein auffälliges Missverhältnis: Unsere freiheitliche Gesellschaft wird ausgenutzt, aber selbst verhält man sich gegenüber Christen äußerst restriktiv«, sagte Beckstein, der auch Mitglied der bayerischen Landessynode ist. Ein solch rückwärtsgewandter Islam bringe »zwangsläufig erhebliche Probleme für unsere Gesellschaft«. Salafisten hätten in Sachen Grundrechte und Aufklärung noch dringenden Entwicklungsbedarf.

Die Frage ist, ob radikale Salafisten dafür überhaupt bereit sind.

SALAFISMUS

  DER BEGRIFF stammt aus dem Arabischen und bedeutet »die Frommen Altvorderen« (arabisch: »as-salaf as salih«). Salafisten predigen eine strenge und fundamentalistische Auslegung des »reinen Islam«, wie er angeblich kurz nach den Offenbarungen des Propheten Mohammed gelebt wurde.

  ZIEL DER SALAFISTEN ist laut Verfassungsschutz »die vollständige Umgestaltung von Staat, Gesellschaft und individuellem Lebensvollzug« auf Basis des Islam. Salafisten rufen zwar nicht offen zum Sturz der Demokratie auf, doch ihr Idealstaat ist ein Kalifat auf Basis der Scharia (islamisches Recht). Die salafistische Propaganda richtet sich zunächst an junge Muslime in einer schwierigen Lebenssituation und dann an junge deutsche Nicht-Muslime.

  ETWA 4000 Salafisten leben in Deutschland. Zu den führenden Köpfen zählen der salafistische Prediger und Ex-Boxer Pierre Vogel (33), der Ex-Gangster-Rapper »Deso Dogg« (36), der sich als Prediger Abou Maleeq nennt, sowie der Kölner Laienprediger und Initiator der Koran-Aktion, Ibrahim Abou Nagie (47). Von ihm stammt der Satz: »Christen, Juden kommen in die Hölle, wenn sie den Islam nicht annehmen.«

  DIE IDEOLOGIE des Salafismus bietet seinen Anhängern ein Schwarz-Weiß-Werteschema an. Demokratie oder Gleichberechtigung werden als »unislamisch« abgelehnt. Einige Salafisten gelten zudem als gewaltbereit und befürworten den Dschihad, den »Heiligen Krieg«, um einen Gottesstaat zu errichten. Der Verfassungsschutz warnt: »Nicht jeder Salafist ist ein Terrorist; aber jeder uns bekannte Terrorist war irgendwann in salafistischen Kreisen unterwegs.« Die islamistischen Terroristen des 11. September 2001 gehörten der salafistischen Strömung an.

  DIE SALAFISTISCHE GLAUBENSPRAXIS umfasst neben strengen Glaubensgrundsätzen auch eine spezielle Zahnputztechnik mit Holzstöckchen. Viele Salafisten tragen weite Gewänder, lange Bärte und Kopfbedeckungen. Frauen spielen eine untergeordnete Rolle.

 

 

 

 

Helmut Frank, Thomas Paterjey