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Sonntagsblatt 18/ vom

Der falsche Fälscher

Streit um Dürers »Selbstbildnis im Pelzrock« - ein kunsthistorischer Kriminalfall

Von Markus Springer

Die Geschichte fehlt in keiner Liste der spektakulärsten Kunstfälschungsskandale: Wie Abraham Küfner (1760-1817) Dürers berühmtes »Selbstbildnis im Pelzrock« kopierte und das Original an den bayerischen Kurfürsten nach München verkaufte, sorgt, wie zuletzt im Vorfeld der Nürnberger Dürer-Schau, bis heute für Streit zwischen Franken und Oberbayern. Aber stimmt die Räuberpistole überhaupt?

Original und Kopie - oder Fälschung? Albrecht Dürers im Jahr 1500 entstandenes »Selbstbildnis im Pelzrock« (links) gilt zum Verdruss der Nürnberger und in Abgrenzung zu dem in Madrid aufbewahrten »Selbstbildnis mit Landschaft« (Titelseite) als Dürers »Münchner Selbstbildnis«. Aus konservatorischen Gründen wurde keines der drei »großen« Dürer-Selbstbildnisse - von 1493, 1498 und 1500 - für die Nürnberger Dürer-Schau ausgeliehen. In Nürnberg befindet sich nur die Kopie des »Münchner Selbstbildnisses« (rechts), die lange als das Werk des angeblichen Kunstfälschers Abraham Wolfgang Küfner galt. Doch die Zweifel mehren sich, ob das »Selbstbildnis im Pelzrock« tatsächlich auf kriminellen Wegen in die Münchner Alte Pinakothek gelangte.
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   Original und Kopie - oder Fälschung? Albrecht Dürers im Jahr 1500 entstandenes »Selbstbildnis im Pelzrock« (links) gilt zum Verdruss der Nürnberger und in Abgrenzung zu dem in Madrid aufbewahrten »Selbstbildnis mit Landschaft« (Titelseite) als Dürers »Münchner Selbstbildnis«. Aus konservatorischen Gründen wurde keines der drei »großen« Dürer-Selbstbildnisse - von 1493, 1498 und 1500 - für die Nürnberger Dürer-Schau ausgeliehen. In Nürnberg befindet sich nur die Kopie des »Münchner Selbstbildnisses« (rechts), die lange als das Werk des angeblichen Kunstfälschers Abraham Wolfgang Küfner galt. Doch die Zweifel mehren sich, ob das »Selbstbildnis im Pelzrock« tatsächlich auf kriminellen Wegen in die Münchner Alte Pinakothek gelangte.

        

Noch 1788 soll Johann Wolfgang von Goethe Dürers legendäres »Selbstbildnis im Pelzrock« in der Silberstube des Nürnberger Rathauses gesehen haben. Der Dichter machte auf dem Heimweg von Italien in der Reichsstadt Station und sah sich das nicht zuletzt wegen der Christushaltung Dürers mit einer Vielzahl von Bedeutungen aufgeladene Gemälde an.

Nur wenige Jahre später soll es zu einem ebenso perfiden wie genialen Kunstbetrug gekommen sein, der das Dürer'sche Schlüsselwerk zum dauerhaften Verdruss der Franken in die Münchner Alte Pinakothek spülte. Die »vier Apostel« lassen grüßen!

Es sind unruhige Zeiten in Europa. Am 9. August 1796 besetzen die Franzosen erstmals Nürnberg. 1801 und 1806 kommen sie wieder und treiben die Verschuldung der Stadt ins Astronomische. Die Reichskleinodien, seit 1424 »zur ewigen Verwahrung« in der Reichsstadt, sind am frühen Morgen nach Regensburg in Sicherheit gebracht worden. Von dort gelangen sie später nach Wien. Dort sind sie bis heute. Es ist die Zeit des dramatischen Abstiegs der ehemals stolzen Stadt Nürnberg, die im sterbenden Heiligen Römischen Reich ihre Unabhängigkeit verliert und ab 1806 schließlich Teil des bayerischen Königreichs wird.

Dreister Fälscher oder Opfer kunsthistorischer Kolportage? Der Kupferstecher Abraham Wolfgang Küfner (1760-1817) aus Betzenstein.
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   Dreister Fälscher oder Opfer kunsthistorischer Kolportage? Der Kupferstecher Abraham Wolfgang Küfner (1760-1817) aus Betzenstein.

        

Nürnberg ist hoch verschuldet, doch 1799 beauftragt man - so beginnt die Skandalgeschichte - den Nürnberger Kupferstecher Abraham Wolfgang Küfner. Der soll das Dürer-Selbstbildnis aus dem Jahr 1500 restaurieren. Auf der Rückseite bringt man das Stadtsiegel als Echtheitszertifikat an, bevor man Küfner das Bild aushändigt.

Doch Küfner hat eine Idee, mit der die Nürnberger nicht rechnen: Er spaltet die etwa 15 Millimeter starke Holztafel einfach der Länge nach. Auf die neu entstandene Vorderseite der einen Tafel malt er seine Kopie und gibt sie - beglaubigt durch die Zertifikate der originalen Rückseitenhälfte - unbeanstandet an die Stadt zurück. Die Hälfte mit dem echten Dürer-Porträt behält er, um sie schließlich im Jahr 1805 für 600 Gulden nach München an den damaligen bayerischen Kurfürsten und späteren König Max I. Joseph zu verkaufen.

Innerbayerische Raubkunst also? Der heftige Streit quer durch die Parteien, den Anfang des Jahres die Frage auslöste, ob man das Bild für die Dürer-Ausstellung von München nach Nürnberg ausleihen könne, zeigt die bis heute bestehenden Empfindlichkeiten zwischen Franken und Altbayern. »Das Dürer-Bild ist gewissermaßen als Hehlerware auf betrügerische Weise an das Haus Wittelsbach gelangt«, lautete im Februar das Verdikt von Joachim Kalb vom Fränkischen Bund. Eine Kommission aus Nürnberger und Münchner Experten kam am Ende zum Ergebnis, das »Selbstbildnis im Pelzrock« dürfe aus restauratorischen Gründen nicht transportiert werden. Zu viele Spannungen in der alten rissigen Holztafel.

Meilenstein der Kunstgeschichte: Das Original von Dürers »Selbstbildnis mit Pelzrock« gelangte 1805 in den Besitz der Wittelsbacher.
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   Meilenstein der Kunstgeschichte: Das Original von Dürers »Selbstbildnis mit Pelzrock« gelangte 1805 in den Besitz der Wittelsbacher.

        

Der Dürer-Schwindel sei zu Küfners Lebzeiten zwar nie aufgeflogen, so geht die Geschichte weiter, aber der schillernde Kupferstecher habe auch später das Kopieren nicht lassen können: 1807 habe man ihn beim Münzfälschen erwischt, worauf er in der Festung Rothenberg bei Schnaittach eingesessen habe. 1817 sei Abraham Wolfgang Küfner in Ingolstadt an einem Schlaganfall gestorben.

Nun könnte man sagen, der in Betzenstein in der Fränkischen Schweiz geborene Abraham Wolfgang Küfner befinde sich als Kunstfälscher durchaus in guter Gesellschaft. Michelangelo Buonarroti (1475-1564) soll, folgt man dessen Zeitgenossen Giorgio Vasari (1511-1574), dem Urvater aller Kunsthistoriker, beispielsweise ein begnadeter Fälscher gewesen sein.

Einen Vasari zur Mehrung seines Ruhms hatte der eher mittelmäßige Kupferstecher Abraham Wolfgang Küfner nie. Zu seinen größten Erfolgen gehört, dass er das Libretto zu einer Kurzfassung von Mozarts Zauberflöte illustrieren durfte, die 1795 in Passau aufgeführt wurde. Und einige Hundert von seinen Arbeiten sind im Kupferstichkabinett auf der Veste Coburg gesammelt. Stattdessen mehren sich die Hinweise, dass Küfner zum Opfer fantasievoller Kunsthistoriker wurde, die es mit den Quellen nicht so genau nahmen, dafür aber gerne voneinander abschrieben.

Der Betzensteiner Lokalhistoriker Karl Heinz Fietta (58) - eigentlich Diplominformatiker bei der Telekom - hat sich in die Spuren des größten Sohns der kleinen fränkischen Stadt regelrecht verbissen. Er hat herausgefunden, dass es da zwar diesen Brief vom 15. Juli 1805 gibt, in dem der Nürnberger Ratskonsulent Georg Gustav Wilhelm Petz von Lichtenhof (1759-1813) und A. W. Küfner der kurfürstlichen Galerie in München das Dürer-Bild für 600 Gulden zum Kauf anbieten.

Von wem stammt die Kopie? Sie befindet sich schon seit Ende des 18. Jahrhunderts im Besitz der Stadt Nürnberg. In der Nürnberger Dürer-Ausstellung wird sie nicht gezeigt.
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   Von wem stammt die Kopie? Sie befindet sich schon seit Ende des 18. Jahrhunderts im Besitz der Stadt Nürnberg. In der Nürnberger Dürer-Ausstellung wird sie nicht gezeigt.

        

Alles andere aber haben Fietta zufolge seit 1827 der Bamberger Sammler, Kunsthistoriker und Dürer-Forscher Joseph Heller (1798-1849) und ab 1837 der Dürer-Biograf Georg Kaspar Nagler in die Welt gesetzt - auf reines Hörensagen hin. Nagler schmückte die Räuberpistole kräftig aus, denn die Geschichte war zu schön, um nicht wahr zu sein. Seither schrieb sie einer vom anderen ab, ohne die Quellen zu prüfen.

War es also in Wirklichkeit ein Notverkauf im Auftrag der stark verschuldeten Stadt Nürnberg? War Küfner, der nur als Zweiter unterschrieb, weniger die treibende Kraft eines kriminellen Plans als vielmehr der Vermittler und Kunstsachverständige? Von einem Siegel auf der Rückseite der vermeintlichen Küfner-Kopie fehlt jedenfalls jede Spur.

Bei Daniel Hess, Dürer-Experte am Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg und einer der Ausstellungskuratoren, rennt der Betzensteiner Lokalpatriot Fietta mit seiner Verteidigung Küfners offene Türen ein. Hess meint, dass Küfner »als Sündenbock herhalten« musste. »Wann und wie auch immer Dürers Selbstbildnis im Rathaus durch eine Kopie ersetzt wurde«, sagt Hess, »offenbar war niemand mehr in der Lage, Original und Kopie zu unterscheiden.« Einer Quelle zufolge ist das echte »Selbstbildnis im Pelzrock« schon 1625 »verschencket« worden. In jedem Fall ließen die Nürnberger so - aus Finanznöten oder Ignoranz - ein Hauptwerk Dürers und eines der größten Meisterwerke der Malerei aus den Händen gleiten.

ALBRECHT DÜRER

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