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Dieser Artikel: Ausgabe 30/2012 vom 22.07.2012
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Die dunklen Winkel der Villa »Wahnfried«

Wissenschaftler untersuchen Antisemitismus in Bayreuth / Ausstellung zu den Wagner-Festspielen


Führt eine direkte Linie von Richard Wagner zu Adolf Hitler? Seit Jahrzehnten streiten sich die Gelehrten um die These, dass der Schöpfer des Bayreuther »Gesamtkunstwerks« mit seinen antisemitischen Schriften gleichsam ein Wegbereiter des Holocaust war - obwohl Wagner 1933, im Jahr der Machtübernahme der Nationalsozialisten, schon seit 50 Jahren nicht mehr unter den Lebenden weilte. Pünktlich zu den am 25. Juli beginnenden Bayreuther Festspielen ist auf dem »Grünen Hügel« und im Rathaus die Ausstellung »Verstummte Stimmen« zu sehen, die den Missbrauch der Festspiele als Mittel der politischen Mobilisierung und die dort lange vor 1933 einsetzende Ausgrenzung jüdischer Künstler thematisiert.

Familienanschluss bei den Wagners: Der von Hitler verehrte britische Adelige Houston Stewart Chamberlain gehört zu den Wegbereitern des »völkischen« Antisemitismus.
Foto: PD
   Familienanschluss bei den Wagners: Der von Hitler verehrte britische Adelige Houston Stewart Chamberlain gehört zu den Wegbereitern des »völkischen« Antisemitismus.

        

Eine Schlüsselrolle in der beklemmenden Geisteshaltung, die sich in der Wagner-Villa »Wahnfried« und im Bayreuther Festspielhaus ausbreitete, spielte der in England geborene Rassentheoretiker Houston Stewart Chamberlain (1855-1927). Sein 1200 Seiten umfassendes populärwissenschaftliches Hauptwerk »Grundlagen des 19. Jahrhunderts«, mit rund 30 Auflagen in Deutschland ein wahrer Bestseller, gilt als ein Standardwerk des rassischen Antisemitismus.

Chamberlain, der unter anderem Jesus Christus eine »arische« Abstammung zuschrieb, erfreute sich auch in protestantischen Kreisen einer zahlreichen Anhängerschaft: Bei der Tagung »Die Bayreuther Festspiele und die 'Juden' 1876 bis 1945« im Vorfeld von Ausstellung und Festspielen zitierte die Heidelberger Germanistin Anja Lobenstein-Reichmann beispielsweise den damaligen Präsidenten des Evangelischen Bunds, Hermann Kremers, der 1931 von Chamberlain als »gelähmter Seher von Bayreuth« schwärmte.

Nach seiner Hochzeit mit Richard Wagners Tochter Eva zog Chamberlain im Jahr 1909 nach Bayreuth in die unmittelbare Nachbarschaft von »Wahnfried«. Dorthin pilgerte wenige Wochen vor seinem Putschversuch im November 1923 auch Adolf Hitler; 1926 besuchte Hitler den bereits schwer kranken Chamberlain erneut und brachte diesmal Joseph Goebbels mit. Als der prominente Antisemitismus-Vordenker Anfang Januar 1927 starb, erschienen Hitler und zahlreiche hochrangige NSDAP-Mitglieder auf seiner Beerdigung. Wie die Forscher jetzt bei der Bayreuther Konferenz herausarbeiteten, war insbesondere der politische Einfluss von Houston Stewart Chamberlain auf die Familie Wagner größer als bislang bekannt. Als Galionsfigur der Deutsch-Nationalen warb er die Familie des Komponisten schon während des Ersten Weltkriegs für die Deutsche Vaterlandspartei.

Die Herrin von Wahnfried: Cosima Wagner (1837-1930) im Jahr 1905.
Foto: PD
   Die Herrin von Wahnfried: Cosima Wagner (1837-1930) im Jahr 1905.

        

Nach Überzeugung von Eckart Dietzfelbinger, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände (Nürnberg), geht auch die Mitgliedschaft der Wagners in der NSDAP und ihrer zwischenzeitlichen Tarnorganisation »Deutscher Block Bayreuth« auf Chamberlain zurück: Der Gründer des »Deutschen Blocks« war Christian Ebersberger, der als ein enger Vertrauter der »Wahnfried«-Familie gilt.

»Wer Jude ist, bestimmen wir...«

So wie ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Deutschland »Antisemitismus salonfähig geworden war«, wie es der Münchner Kulturwissenschaftler Jens Malte Fischer formulierte, spielte sich auch die antijüdische Haltung im Haus Wagner durchaus nicht im Verborgenen ab - lange vor Hitlers erstem Bayreuth-Besuch.

Vor allem war es Richards Witwe Cosima, die den zuweilen diffusen Antisemitismus des Verstorbenen zum Hass steigerte, wie es zahlreiche Dokumente belegen. Eines der ersten und prominentesten Opfer ihres »antisemitischen Psychoterrors« (so der Autor und Opernwelt-Chefredakteur Stephan Mösch), war Hermann Levi, Sohn eines Rabbiners und Dirigent des »Parsifal« seit der Uraufführung 1882. Obwohl er jahrelang der unverhohlenen Diskriminierung durch Cosima ausgesetzt war, löste sich Levi erst 1884, nach zwölfjähriger »Leidens- und Freudenszeit«, wie er es selbst ausdrückte.

Neben Cosima Wagner tat sich besonders der Dirigent Felix Mottl, lange Jahre im engsten Leitungskreis der Festspiele bei Besetzungs­fragen mitverantwortlich, bei Auswahl und Beurteilung von Sängerinnen und Sängern mit rassistischen Formulierungen hervor. Künstler, die an anderen Opernhäusern zu den gefeierten Wagner-Interpreten gehörten, wurden in Bayreuth allein wegen ihrer - bisweilen auch nur unterstellten - jüdischen Herkunft mit Nebenrollen betraut oder gänzlich abgelehnt.

»Mottl hatte schon früh die Maxime der Chefin in seine eigenen Worte übersetzt: 'Wenn es nicht sein muss, wollen wir doch die Juden außen lassen'«, merkte der Hamburger Historiker Hannes Heer an. So seien Künstler mit pauschalen Attributen wie »jüdisch«, »oberflächlich« oder »orientalisch« schon bei der Planung aussortiert worden. Die Bayreuther Erstaufführung der »Meistersinger von Nürnberg« im Jahr 1888 markierte, sagt Heer, bereits »die erste mit Absicht judenfreie Inszenierung in einem deutschen Theater«.

Heer, 1999 als Leiter der ersten Ausstellung zu den Verbrechen der Wehrmacht einer breiteren Öffentlichkeit bekannt geworden, widmet sich seit 2006 der zielstrebig organisierten Ausgrenzung jüdischer Künstler aus dem Opernbetrieb während des Nazi-Regimes - ein bis dahin kaum systematisch erforschtes Thema. Gemeinsam mit dem Musikpublizisten Jürgen Kesting und dem aus Bayreuth stammenden Gestalter Peter Schmidt erarbeitete er damals die Ausstellung »Verstummte Stimmen«, die nun in Bayreuth zu sehen ist (siehe Kasten). Für die Präsentation in Bayreuth - ein Ort, der wie kaum ein anderer verstrickt ist in das historische Gemenge von völkisch-nationalistischen Gedanken, obskuren Rassentheorien und »heil'ger deutscher Kunst« - wurde die Ausstellung aktualisiert und erweitert.

Heer hat erstmals den Briefwechsel Cosima Wagners (Foto rechts) mit Mottl und Chamberlain umfassend ausgewertet und dabei sogar Belege für ein »konstruiertes« Judenbild gefunden: Der Bayreuther Bannstrahl traf also nicht allein prominente Sänger wie Ludwig Schorr, Alexander Kipnis oder Ottilie Metzger-Lattermann und Mitglieder des Festspielorchesters. Die antisemitische Hauspolitik bekam beispielsweise auch Felix Weingartner zu spüren, später unter anderem Direktor der Volksoper und der Staatsoper in Wien: Nachdem er sich als Assistent unter Cosima Wagner kritisch über den Umgang mit Hermann Levi geäußert hatte, wurde er von ihr wider besseres Wissen als »Jude« denunziert - ein Stigma, das Weingartner bis in die Zeit des NS-Regimes hinein verfolgte.

VERSTUMMTE STIMMEN

Die dunklen Winkel der Villa »Wahnfried«. Wissenschaftler untersuchen Antisemitismus in Bayreuth - Ausstellung zu den Wagner-Festspielen. Von Wolfgang Lammel. » lesen!

»Verstummte Stimmen«. Die »Nazifizierung« der Bayreuther Festspiele und ihre Opfer. » lesen!

 

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Wolfgang Lammel

 


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abgerufen 08.12.2016 - 06:52 Uhr

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