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Dieser Artikel: Ausgabe 51/2012 vom 16.12.2012
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Rosen, Nachtigallen und Ayatollahs

Immer mehr Iraner leben im Widerstand gegen die diktierte Religion

Von Hans-Martin Gloël

Überdurchschnittlich viele Iraner, die nach Europa kommen, konvertieren zum Christentum. Doch wie leben die Menschen im Iran mit dem islamischen Regime? Der Nürnberger Pfarrkonvent machte sich vor Ort ein Bild.

»Politik der halb offenen Tür«: die evangelische Kirche in Teheran.
Foto: Gunnar Sinn
   »Politik der halb offenen Tür«: die evangelische Kirche in Teheran.

        

Ein alter Mann mit einem Kanarienvögelchen auf dem Arm steht am Tor zum Rosengarten in Schiraz, in dem täglich Tausende das Grab des persischen Dichters Hafez besuchen. Für jeden der mag, pickt das Vögelchen einen Zettel aus einer Pappschachtel, der über bevorstehendes Liebesglück oder dahin führende Strategien Auskunft gibt.

Wenn es im Iran einen religiösen Ort gibt, mit dem sich die Mehrheit der Bevölkerung identifiziert, dann ist es hier am Kenotaph des Dichters, der von Rosen und Nachtigallen, vom Wein und von der Liebe schrieb; hier, wo die Menschen den mit persischen Versen geschmückten Grabstein berühren, wo sich Junge und Alte, Männer und Frauen, Soldaten und angeblich auch schiitische Geistliche andächtig niederlassen und oft mit Tränen in den Augen die Gedichte des Hafiz rezitieren oder im Stillen lesen. Worte eines Dichters aus dem 14. Jahrhundert, der kein religiöser Dichter war, ja dessen Verse offensichtlich ganz »islamisch unkorrekt« erscheinen; Goethe war es, der seine Werke später rezipiert und bearbeitet und sie damit auch im Abendland bekannt gemacht hat.

Der Nürnberger Konvent mit Ayatollah Sobhani in Shiraz.
Foto: Gunnar Sinn
   Der Nürnberger Konvent mit Ayatollah Sobhani in Shiraz.

        

Mag man die Hafiz-Verehrung auch als versteckten Widerstand gegen die staatlich verordneten religiösen Zwänge betrachten, so äußert die Jugend in Schiraz ihren Protest gegen das Regime mittlerweilen auch weniger poetisch: Ein junger Mann aus Shiraz berichtet, dass die Religionspolizei in bei jungen Pärchen beliebten Restaurants immer wieder kontrolliert, ob die dort gemeinsam speisenden Männer und Frauen auch verheiratet sind. Als Religionspolizisten vor wenigen Monaten begonnen hätten, junge Männer bei einer Kontrolle zu schlagen, seien jene gemeinsam auf die Religionspolizisten losgegangen und hätten sie verprügelt. Seither halte sich die Religionspolizei auffallend zurück.

Offenbar hat die gegen das Regime gerichtete und gescheiterte »Grüne Revolution« vor drei Jahren immerhin deutlich gemacht, dass der Zorn des Volkes leicht zum politischen Risiko werden kann und nicht unnötig gereizt werden sollte.

»Was denkt ihr über den Iran? Wie gefällt es euch hier?« In perfektem Englisch kontaktieren viele Iranerinnen und Iraner auf den Straßen neugierig, freundlich und offen ausländische Besucher. Und wenn diese auf die gestellten Fragen eine positiv lautende Antwort geben, dann glauben sie es kaum, äußern aber immer wieder einen dringenden Wunsch: »Ihr müsst wissen: Die Menschen im Iran sind ganz anders als das Regime. Bitte sagt das weiter!«

Die Vank-Kathedrale in Isfahan.
Foto: Gloël
   Die Vank-Kathedrale in Isfahan.

        

Tatsächlich sprechen verschiedene Analysen davon, dass weit über 70 Prozent der Bevölkerung das Konzept der Islamischen Republik ablehnen. Und es war wohl auch dieses Polizeistaatsregime, das dem Volk, das sich ohnehin primär über seine alte persische Kultur definiert, auch noch den letzten Rest des positiven Bezugs zur islamischen Religion ausgetrieben hat: Der Iranexperte Michael Axworthy behauptet, dass heute nur noch 1,4 Prozent der Bevölkerung in der Islamischen Republik am Freitagsgebet teilnehmen. Von den Iranern, die nach Europa kommen ist bekannt, dass überdurchschnittlich viele von ihnen zum Christentum konvertieren.

Im Iran soll das nicht passieren. Deshalb müssen Kirchen wie die Deutschsprachige Evangelische Gemeinde in Teheran eine »Politik der halb offenen Tür« praktizieren, wie der dort seit drei Jahren arbeitende deutsche Pfarrer Ingo Koll sagt. Muslimische Iraner sollen eigentlich das Gelände der Gemeinde nicht betreten, wenn es nach dem Willen der Behörden geht. Aber wie bei den meisten hier geltenden Regeln sind es die zahlreichen Ausnahmen, die diese bestätigen. Wenn z. B. ein iranischer Chor europäische Weihnachtslieder in sein Repertoire aufgenommen hat und darum bittet, diese in einer Kirche als Konzert aufführen zu dürfen, dann sei das durchaus möglich, ohne lang um Genehmigung zu bitten. An anderer Stelle freilich ist zu erfahren, dass die Geheimdienste durchaus hinschauen, was wo geschieht, und die gesammelten Informationen im Bedarfsfall zu verwenden wissen.

Der Fatimaschrein in Qom.
Foto: Gunnar Sinn
   Der Fatimaschrein in Qom.

        

Papken Charian ist Bischof der Diözese von Isfahan mit ca. 10 000 Gläubigen. In einem Saal neben der durch Kreuze auf Kuppeln und Türmen weithin sichtbaren Vank-Kathedrale gibt er eine Audienz. Ja, auch aus dem Iran würden Christen nach Europa und in die USA auswandern, aber nicht weil sie Christen seien, sondern weil die wirtschaftliche Situation vielen keine andere Wahl lasse. Die Kirchen im Iran unterhalten Kindergärten, Schulen, Priesterseminare, Altenheime und Friedhöfe. Weder die zahlreichen Synagogen (allein 18 in Teheran) noch Kirchen bedürfen eines besonderen Schutzes.

Der Ayatollah empfängt die Pfarrerinnen als »Frauen Gottes«

Die Beziehungen zwischen dem Iran und dem Nachbarstaat Armenien, der ältesten christlichen Nation der Welt, sind traditionell gut. Der Iran gilt vielen Armeniern als Lebensretter, seit das Land in den 1990er-Jahren im Krieg mit Aserbaidschan lag. Die Grenze zum Iran war die einzige, über die noch Güter und Lebensmittel nach Armenien gelangten. Umgekehrt schätzen heute auch viele muslimische Iraner die Nachbarschaft Armeniens: In den Restaurants des christlichen Landes begegnet man vielen von ihnen bei Schweineschnitzel und Bier - außerhalb des Radius der heimischen Religionspolizei.

Qom: Hier hat Ayatollah Khomeini gelehrt. Ist das nun also die »Höhle des Löwen« - das Herz des Regimes?

Ayatollah Muhammad Djavad Allawi Boroujerdi mit langem weißen Bart und einem schwarzen Turban, der ihn als Sayed, als einen aus dem Hause des Propheten stammenden geistlichen Gelehrten ausweist, strahlt Güte und Würde aus. In der Bibliothek des FatimaSchreins von Qom empfängt er eine Delegation von 22 Nürnberger Pfarrerinnen und Pfarrern, die er als »Männer und Frauen Gottes« willkommen heißt.

In Qom: Ayatollah Muhammad Djavad Allawi Boroujerdi mit Pfarrer Hans-Martin Gloël.
Foto: Gunnar Sinn
   In Qom: Ayatollah Muhammad Djavad Allawi Boroujerdi mit Pfarrer Hans-Martin Gloël.

        

Es ist die Nacht des Eid al Ghadeer, eines der höchsten schiitischen Feste. Pilger aus dem Iran und Schiiten aus der ganzen arabischen Welt sind nach Qom gekommen und sitzen nun zu Tausenden auf Perserteppichen in den vielen Höfen des Fatima-Schreins. Sie beten und diskutieren, liturgische Gesänge klingen leise melodiös durch die Höfe, Kinder springen mit Luftballons umher, die bunten Lichterketten zwischen den mit wertvollen Fayencen gestalteten Minaretten lassen ihr Licht in den mit Abertausenden kleinen Spiegeln ausgelegten Stalaktitenmustern der Eingangstore zum Schrein und den Moscheen flirren. Eigentlich hat der Ayatollah nun anderes zu tun. Doch zweieinhalb Stunden zu Beginn dieser Nacht widmet er den Theologinnen und Theologen aus Bayern.

Ayatollah Allawi Boroujerdi stammt aus einer alten, bedeutenden Theologenfamilie, die eher zu den theologischen und politischen Gegenspielern Khomeinis gehörte. Sie vertrat, dass die Geistlichen die Politik allenfalls begleiten, sie aber nicht selbst machen sollten. Über 1000 Jahre haben schiitische Theologen über dieses Thema diskutiert - und es nicht entschieden. Erst Khomeini hat sich 1979 nach dem Sturz des Schahs mit seiner Minderheitsmeinung durchgesetzt, dass die Theologen die Politik in die Hand nehmen sollten.

Szene mit Mariä Verkündigung an der armenischen Vank-Kathedrale in Isfahan.
Foto: Gloël
   Szene mit Mariä Verkündigung an der armenischen Vank-Kathedrale in Isfahan.

        

Eigentlich gilt es als die Angelegenheit des seit über 1000 Jahren »verborgenen Imams«, eine gerechte Herrschaft zu errichten, wenn er wieder erscheint. Schiiten erwarten seine Wiederkunft als quasi messianische Persönlichkeit. Gefragt, was es nun mit der theologischen Legitimität der Herrschaft der schiitischen Theologen auf sich habe, antwortet der Ayatollah diplomatisch: Das Volk habe den Religiösen damals ein Mandat erteilt. Dies habe man angenommen, und nun mache man Erfahrungen damit und müsse sehen, wie sich die Dinge entwickeln und was künftig zu tun sei.

Umgekehrt zeigt sich der Ayatollah bestens informiert über die Debatten in der bayerischen Landeskirche: Was es mit der Genehmigung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften in Pfarrhäusern auf sich habe, fragt er. Was heiße das für den Umgang mit göttlichen Regeln, die sich doch in der Bibel fänden.

Es entwickelt sich ein ernstes und kritisches Gespräch über Gottes Liebe, über seinen Anspruch und Zuspruch, über Wege, sein Wort zu verstehen. Die Nacht ist fortgeschritten und die Stunden vergangen wie auf einem fliegenden Teppich. Was der Ayatollah über die Rosen und die Nachtigallen, über den Wein und die Liebe des alten Hafiz denkt, das hätte man doch gerne noch gefragt, bevor es wieder hinausging in die von Gesängen und Lichtern schillernde orientalische Festnacht …

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abgerufen 08.12.2016 - 06:54 Uhr

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