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Sonntagsblatt 06/ vom

Glück und Glaube

Die Ratschläge eines Glücksforschers im Lichte der Bibel

Von Heinrich Bedford-Strohm

Der Erlanger Glücksforscher Karl-Heinz Ruckriegel formuliert auf der Basis von psychologischen Erkenntnissen Ratschläge zum Glück. Dabei zeigt sich eine große Nähe zu biblischen Inhalten und christlichen Traditionen. Ist Glück nicht etwa ein urbiblisches Thema? Gibt es eine christliche Lehre vom Glück?

Antriebsmoment unseres Lebens: Glücklich zu sein.
Foto: fotolia
   Antriebsmoment unseres Lebens: Glücklich zu sein.

        

Gegenwärtig gibt es kaum ein Thema der Sinnproduktion und Sinnvermarktung, das breitere Kreise zieht als das Glücksthema. Allein wegen dieser fast magischen Anziehungskraft des Glücksbegriffs tut die Theologie gut daran, sich damit zu beschäftigen. Glück ist ein urbiblisches Thema: Die Seligpreisungen, eine der meistzitierten Textpassagen des Neuen Testaments, thematisieren das Thema Glück. Mit guten Gründen ist das dort gebrauchte griechische Wort »makarios« immer wieder auch mit »glücklich« übersetzt worden. Das Evangelium vom Reich Gottes ist etwas, was uns im Innersten berührt, was unsere Seele trifft, was unsere Seele mit der Welt verbindet, was die Leidenschaft für das Ergehen der Welt, also das Leiden unter Unrecht und Gewalt und die Hoffnung auf eine neue Welt, in unser Herz hineinschreibt.

Kirche und Theologie können nicht stumm bleiben, wenn sich ein gesellschaftliches Klima ausbreitet, in dem persönlicher materieller Wohlstand, beruflicher Erfolg und ein harmonisches Familienleben zur zentralen Signatur dieses großen Begriffs Glück werden. Und Christenmenschen kann es nicht kaltlassen, wenn immer deutlicher vor Augen tritt, wie desaströs das Scheitern an einem solchen Glücksideal sich in den Biografien der Menschen auswirkt! Das Streben nach Glück kann auch zum tragischen Überlebenskampf eines Ertrinkenden werden. Arthur Millers »Tod eines Handlungsreisenden« ist ein ebenso eindrucksvolles wie erschütterndes Dokument dieses verzweifelten Kampfes ums Glück, das sich in vielen Biografien heute, zumal in einer Zeit zunehmend prekärer Arbeitsverhältnisse und anderer Erscheinungsformen der Risikogesellschaft, abbildet.

Glück und Glaube: die Ratschläge eines Glücksforschers im Licht der Bibel.
Foto: Frank
   Glück und Glaube: die Ratschläge eines Glücksforschers im Licht der Bibel.

        

Die Erfahrungen des Scheiterns an einem bestimmten gegenwärtig vorherrschenden Glücksideal bedeuten nicht, dass das Streben nach Glück als solches von vornherein im Konflikt mit den Grundorientierungen des christlichen Glaubens steht. Wer sich am Glück anderer Menschen nicht mitfreuen kann, leidet entweder nur selbst am Fehlen des Glücks oder geht einem gerade im Protestantismus nicht ganz unbekannten Verständnis des christlichen Glaubens auf den Leim, nach dem das Kreuz in sich schon eine Tugend ist und die Leidensmiene zum Gesichtsausdruck des Reiches Gottes mutiert. Aber wenn das Leiden ein Selbstzweck wäre, warum hat Jesus dann in seinen Heilungen gerade die Befreiung vom Leiden als Vorschein des Reiches Gottes verstanden? Und warum ist das Feiern, das gemeinsame Essen, die zärtliche Berührung und die Neuverteilung des materiellen Reichtums zum Markenzeichen von Jesu Reich-Gottes-Verkündigung geworden? Es gibt eine christliche Lehre vom Glück. Und ihr nachzuspüren ist gerade dann wichtig, wenn die gesellschaftlich dominanten Lehren vom Glück in der Gefahr stehen, vom Ausdruck von Freiheit zur subtilen Form von Knechtschaft zu werden.

Kommt die Dimension des Scheiterns noch vor?

Welch kraftvolles Orientierungsangebot der christliche Glaube gerade in der gegenwärtigen gesellschaftlichen Landschaft bedeutet, wird besonders dann deutlich, wenn wir uns anschauen, zu welchen Ergebnissen moderne Glücksforscher kommen. Religion - so ihr Befund, etwas plakativ auf den Punkt gebracht - macht glücklich. Was viele Christinnen und Christen persönlich erfahren, haben die Soziologen inzwischen auch empirisch-wissenschaftlich nachgewiesen. Ihre Ergebnisse sind zuweilen sehr konkret: Gottesdienstbesuch macht glücklich! So eine Studie, die amerikanische Forscher vor einigen Jahren im Journal of Economic Psychology veröffentlicht haben.

Macht es glücklich, bestimmte Dinge zu haben? Macht es unglücklich, sie nicht zu haben? Sich »glücklich kaufen« - das funktioniert nur teilweise.
Foto: Katharina Christoforidis / plazaa.de
   Macht es glücklich, bestimmte Dinge zu haben? Macht es unglücklich, sie nicht zu haben? Sich »glücklich kaufen« - das funktioniert nur teilweise.

        

Wenn man in der Glücksforschung liest, welch enge Verbindung zwischen den Merkmalen eines glücklichen Lebens, die sie beschreiben, und den Grundorientierungen des christlichen Glaubens bestehen, muss man schon fast die Sorge entwickeln, Menschen würden nur deswegen wieder zum christlichen Glauben finden, weil sie darin, ganz nutzenorientiert, ein Ticket zum glücklichen Leben sehen. Dennoch sollten wir dies wahrnehmen.

Der Erlanger Glücksforscher Karl-Heinz Ruckriegel formuliert auf der Basis von Forschungen in der Psychologie Ratschläge zum Glück. Einige der Ratschläge haben eine große Nähe zu zentralen biblischen Inhalten und christlichen Traditionen:

  ERSTENS: »Üben Sie Dankbarkeit.« Hier wird eine Haltung empfohlen, die wie kaum etwas anderes Teil christlicher Gebetspraxis ist, ohne die kein Gottesdienst denkbar ist und die untrennbar verbunden ist mit dem Bekenntnis zu Gott als Schöpfer der Welt und als Geber unseres eigenen Lebens. Kirchliche Feste wie das Erntedankfest stehen für diese Grundorientierung ebenso wie Kirchenlieder wie das altehrwürdige »Nun danket alle Gott« oder der Familiengottesdienstschlager »Danke für diesen guten Morgen« ...

  ZWEITENS: »Seien Sie optimistisch und vermeiden Sie negatives Denken. Optimistisch zu sein bedeutet, voller Zuversicht in die Zukunft zu blicken. Optimisten sind die besseren Realisten.« Sosehr die Gefahr besteht, dass ein solcher Rat im Sinne eines billigen Optimismus verstanden wird, so sehr ist die Zuversicht ein Grundsignum christlicher Existenz. Schon Dietrich Bonhoeffer hat in seiner Ethik gegenüber solchem billigen Optimismus die bleibende Bedeutung des Optimismus als »Willen zur Zukunft« betont.

  DRITTENS: »Vermeiden Sie Grübeleien ... und soziale Vergleiche. Neid und Glück passen nicht zusammen.« Wer diesen Rat hört, denkt an das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg, die den Wert ihres Lohns allein am Vergleich mit den anderen festmachen ( Matthäus 20, 1-16). Dem kommt in den Sinn der Streit der Jünger um den Platz am Tisch neben Jesus ( Matthäus 20, 20-28). Der oder die denkt an die Geschichte vom verlorenen Sohn und dessen Bruder, der sich im Blick auf die Liebe des Vaters zurückgesetzt fühlt ( Lukas 15, 11-32). Es ist nicht zu gewagt, dem Glücksforscher die Bibel als eine Schule des Glücks anzuempfehlen.

  VIERTENS: »Stärken Sie Ihre sozialen Beziehungen. Wir sind soziale Wesen und daher auf andere Menschen angewiesen ...« Dass es sich hier wiederum um den Hinweis auf eine zentrale Dimension christlicher Lebensorientierung handelt, ist nicht schwer zu erkennen. Es geht um eine Orientierung, die in der Kirche als Gemeinschaft der Heiligen ihren dichtesten Ausdruck findet, deren Horizont aber im Doppelgebot der Liebe und der Goldenen Regel auf alle Menschen ausgeweitet wird.

  FÜNFTENS: »Lernen Sie zu vergeben, das schwächt negative Emotionen.« Ohne dabei das Ziel der »Schwächung negativer Emotionen« zu verfolgen, beten viele Hunderttausend Menschen in Deutschland und viele Hundert Millionen weltweit jeden Sonntag im Gottesdienst und weit darüber hinaus im Alltag jenen gewichtigen Satz im Vaterunser: »Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.« Es gibt wohl keine kraftvollere Form, den Satz des Glücksforschers zu leben, als das regelmäßige ernsthafte Beten dieser Bitte. Wie würde sich unser Leben verändern, welch kraftvolle Erneuerung des gesellschaftlichen und auch des politischen Klimas würden wir erleben, wenn das ernsthafte Beten dieser Bitte der Normalfall wäre? Und so darf man mit dem Glücksforscher durchaus sagen: Wie glücklich würde uns das machen!

»Leben Sie im Hier und Jetzt«? Auch das ist kein unbiblischer Rat.
Foto: fotolia
   »Leben Sie im Hier und Jetzt«? Auch das ist kein unbiblischer Rat.

        

  SECHSTENS: »Leben Sie im Hier und Jetzt. Genuss und Flow schaffen Wohlbefinden, genießen Sie die Freuden des Lebens. Ständig daran zu denken, was morgen anders sein könnte, fördert das Glücklichsein nicht, sondern vermiest uns das Heute.« Man kann auch hier kommentarlos die Bibel zitieren, um auf die Berührungspunkte aufmerksam zu machen: »Sorgt nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet; auch nicht um euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr als die Nahrung und der Leib mehr als die Kleidung? Seht die Vögel unter dem Himmel an: Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel mehr als sie? … Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen. Darum sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen.« ( Matthäus 6, 25f.33f).

  SIEBTENS: »Kümmern Sie sich um Leib und Seele. Sport für den Körper, das bringt unmittelbar Wohlbefinden, und die Beschäftigung mit etwas Transzendentem, mit etwas, das über unser Ich hinausgeht, bringt Sinn und Tiefe in unser Leben.« Hier spricht der Glücksforscher wörtlich die Dimension der Transzendenz an.

Man kann bei diesen sieben Ratschlägen fast schon den falschen Eindruck bekommen, Glück sei machbar, so wie man bei einem Kochbuch nur die richtigen Zutaten nehmen und sie richtig verarbeiten muss, um zu einem wohlschmeckenden Essen zu kommen. Und man wird auch fragen müssen, ob bei diesen Ratschlägen eigentlich die Dimension des Scheiterns und des Leidens als Dimension des Lebens genügend vorkommt.

Unser Autor Heinrich Bedford-Strohm ist Landesbischof der evangelischen Kirche in Bayern.
Foto: PÖP
   Unser Autor Heinrich Bedford-Strohm ist Landesbischof der evangelischen Kirche in Bayern.

        

Sicher ist jedoch: Für die Suche nach Glück in unserer Zeit hat das Orientierungsangebot des christlichen Glaubens eine erstaunliche Bedeutung. Man fragt sich, warum sich nicht wenige Menschen heute fernöstlichen Glückslehren zuwenden, wenn die tragfähigsten Grundorientierungen gelingenden Lebens direkt vor der Tür liegen. Warum strahlen die Kirchen nicht mehr von dem Glück aus, das mit diesen Grundorientierungen verbunden ist? Brauchen wir heute eine missionarische Offensive ganz neuer Art, die den Menschen unserer Zeit deutlich macht, welche Lust es ist, ein Christ oder eine Christin zu sein, und die auch ausstrahlt, wovon sie spricht? Und welche Konsequenzen hätte es für Politik und Sozialkultur, wenn wir neu lernen würden, aus der Dankbarkeit zu leben?

Es ist inzwischen erwiesen, dass Gesellschaften dann glücklicher werden, wenn sie gerechter gestaltet sind. Nicht das absolute materielle Niveau entscheidet über die Zufriedenheit der Menschen, sondern die Frage, ob alle daran teilhaben oder ob manche davon ausgeschlossen sind. Interessanterweise sind auch die Reichen in egalitären Gesellschaften glücklicher als in solchen, die von großen Ungleichheiten geprägt sind. Es zeigt sich also, dass auch beim öffentlichen Eintreten der Kirchen für soziale Gerechtigkeit eine innere Verbindung zum Glücksthema zu identifizieren ist.

GLÜCK

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