Sonntagsblatt Archiv

Sonntagsblatt 17/ vom

Qual der Wahl

Die Landessynode debattiert über die Zukunft des traditionellen Gottesdiensts


Der Gottesdienst war das Schwerpunktthema der Frühjahrssynode in Nürnberg.

Was alles ein Gottesdienst sein kann, erfährt man im bunten Programmflyer der Nürnberger Jugendkirche LUX: Bei einem »FAITHbook-Gottesdienst« wird ein »kreativer Blick« auf die Bibel geworfen, bei einem »Alles-Quatsch-Gottesdienst« geht es um die Zweifel an Gott und die bohrenden Fragen des Lebens, beim »Was'n-Sound-Gottesdienst« kann man ganz in Klängen und Musik aufgehen. Es sind die besonderen Formen und Angebote, die Jugendliche ansprechen. Ein traditioneller Gottesdienst mit Orgel, Chorälen und Predigt würde dort wahrscheinlich unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden.

Die Jugendkirche LUX - Gastgeberin der Landessynode in Nürnberg.
Foto: McKee
   Die Jugendkirche LUX - Gastgeberin der Landessynode in Nürnberg.

        

Auch in vielen Gemeinden werden deshalb besondere Gottesdienste angeboten, oft am Samstag oder Sonntagabends. Welche Zukunft da noch der traditionelle Sonntagsvormittagsgottesdienst hat, das war die Frage, mit der sich die Synode schwerpunktmäßig beschäftigte.

»Dem normalen Sonntagsgottesdienst gehört meine Leidenschaft«, bekannte Professor Martin Nicol, Praktischer Theologe in Erlangen. Alternative Gottesdienstformate kann er nur tolerieren, wenn in der Gemeinde auch ein traditioneller Hauptgottesdienst angeboten wird. Die beiden verhalten sich für ihn wie Standbein und Spielbein: »Wie soll das Spielbein spielen, wenn das Standbein nicht steht?«, fragt Nicol. Wer glaube, dass er den Gottesdienst jeden Sonntag neu erfinden müsse, dürfe sich nicht wundern, wenn der Gottesdienst nach und nach verschwindet.

Nicol sieht die Krise des Gottesdiensts als Chance: Mittlerweile könne man schließlich die fast schon vergessene Tradition als etwas aufregend Neues präsentieren. Er wandte sich gegen die zunehmend angebotenen Themengottesdienste: »Der Gottesdienst hat kein Thema, sondern seine Zeit«, merkte er an. Er kritisierte, dass Estomihi nun Faschingssonntag heißt, Lätare zum Frauensonntag wird, Judika zum Partnerschaftssonntag. Kein Verständnis hat er, wenn ein »Gottesdienst zum Thema Grüner Gockel auf dem Kirchendach« angeboten wird. Für Nicol ist klar: Gottesdienst wird gefeiert, ein Thema aber wird erörtert.

Nicol ist in der Landeskirche mit seiner Sichtweise nicht alleine. Professor Hanns Kerner vom Gottesdienstinstitut in Nürnberg sieht momentan einen leichten Trend zur klassischen Form. 60 Prozent der Gottesdienstbesucher bevorzugten einen traditionsgeprägten Gottesdienst, im Übrigen auch diejenigen, die eher selten einmal beim Gottesdienst vorbeischauen, um vom Getriebe des Alltags abzuschalten. Laut einer Untersuchung schätzt der typische Gottesdienstbesucher vertraute und immer wiederkehrende liturgischen Formen und Rituale. Als wichtigstes Element gaben die Kirchengänger der Umfrage zufolge die Predigt an, gefolgt von der Kirchenmusik und der Liturgie und Gebeten.

In den Gottesdiensten wollen die Menschen laut Umfrage vor allem Gemeinschaft und Ruhe finden. Deshalb sollte es dort mehr »Elemente von Stille« geben, wie Kerner vorschlug. Auch das gemeinsame Singen bereits zu Beginn des Gottesdiensts sollte mehr Raum bekommen.

Auch Professor Klaus Raschzok von der Augustana-Hochschule plädiert für den traditionellen Gottesdienst, mit einem Seitenhieb auf alternative Angebote: Besucherinnen und Besucher von anderen Gottesdiensten seien häufig die »hochfrustiert Engagierten«. Der Gottesdienst ist aus seiner Sicht auch keine missionarische Veranstaltung für die, die vielleicht kommen, sondern Stärkung auf dem Weg für die, die sich dort versammelten.

Durch die Einführung neuer Gottesdienstformen sieht Raschzok neue Rollen im Gottesdienst: Etwas larmoyant beklagte Raschzok das Verschwinden des klassischen Liturgen. Dafür gebe es nun Moderatoren, Entertainer und Spaßvögel. »Jeder bastelt da an seiner eigenen Rolle.«

Johanna Haberer, Professorin für christliche Publizik in Erlangen, hob die Vielfalt des Gottesdienstangebots an einem Sonntagvormittag hervor. Man habe die »Qual der Wahl« zwischen Gottesdiensten in der Ortsgemeinde, in der Dekanatskirche, einem Radiogottesdienst im Deutschlandfunk, dem ZDF-Fernsehgottesdienst und der Morgenfeier im Bayerischen Rundfunk. Mit 10 bis 15 Prozent Reichweite sei der Gottesdienst zusammengerechnet ein wöchentlicher Blockbuster. Das Entscheidende dabei sei, dass man sich durch das Wort Gottes im Alltag, aber auch im Wettbewerb der Leistungsgesellschaft unterbrechen lasse, dass man sich als Teil einer Gemeinschaft erleben und seine Sorgen und sein Glück mitbringen könne.

SYNODE

Qual der Wahl. Die Landessynode debattiert über die Zukunft des traditionellen Gottesdiensts. Von Helmut Frank. » lesen!

Von Syrien bis Sünde. Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm und Synodalpräsidentin Dorothea Deneke-Stoll vor der Landessynode in Nürnberg. » lesen!

 

 

 

Helmut Frank