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Sonntagsblatt 23/ vom

Flüche

Sonntagsblatt-Serie: Das Beste aus der Bibel


Unter dem Begriff »fluchen« versteht man heute meist den Gebrauch von Kraftausdrücken. In der Bibel hatten Flüche eine viel weitreichendere Bedeutung.

Der erste Fluch in der Bibel gilt der Schlange, die Adam und Eva zum Biss in die verbotene Frucht verführt hat (Michelangelo, Sixtinische Kapelle, Sündenfall, 1508-1512).
Foto: sob
   Der erste Fluch in der Bibel gilt der Schlange, die Adam und Eva zum Biss in die verbotene Frucht verführt hat (Michelangelo, Sixtinische Kapelle, Sündenfall, 1508-1512).

        

Gott flucht schon am Anfang - 1. Mose 3, 14 u.17; 4, 11

Gott muss sich gleich zu Beginn der Schöpfung mächtig über Mensch und Tier geärgert haben. Denn schon auf den ersten Seiten der Bibel spart er nicht mit Flüchen. Als Erstes ist die Schlange dran, die Adam und Eva zum Biss in die verbotene Frucht verführt hat: »Weil du das getan hast, seist du verflucht ... auf deinem Bauche sollst du kriechen und Erde fressen dein Leben lang«, sagt Gott zu ihr. Und auch Adam und Eva bekommen Gottes Zorn zu spüren. Sie werden aus dem Paradies verbannt und Gott verkündet: »Verflucht sei der Acker um deinetwillen! Mit Mühsal sollst du dich von ihm nähren dein Leben Lang.« Der Nächste, der von Gott verflucht wird, ist Kain, nachdem er seinen Bruder Abel ermordet hat: »Verflucht seist du auf der Erde, die ihr Maul hat aufgetan und deines Bruders Blut von deinen Händen empfangen.« ( 1. Mose 3, 14)

Zitat: »Weil du das getan hast, seist du verflucht.«

 

Fluchkataloge - 5. Mose 27

Mehrere Listen finden sich in der Bibel, die Flüche aufzählen. Vermutlich wurden sie neben Segensworten bei wichtigen Gelegenheiten oder Festen rituell gesprochen. »Verflucht sei, wer einen Götzen oder ein gegossenes Bild macht«, heißt es da zum Beispiel, oder: »Verflucht sei, wer seines Nächsten Grenze verrückt.« Außerdem: »Verflucht sei, wer bei der Frau seines Vaters liegt.« Und: »Verflucht sei, wer seinen Nächsten heimlich erschlägt.« ( 5. Mose 27)

Zitat: »Verflucht sein, wer nicht alle Worte dieses Gesetzes erfüllt!«

 

Wem man nicht fluchen sollte - 2. Mose 21, 17; Sprüche 20, 20; Sirach 21, 30

Da Flüche eine eigene Macht haben, warnt die Bibel vor unbedachtem Fluchen. Vor allem davor, die eigenen Eltern zu verfluchen: »Wer seinem Vater und seiner Mutter flucht, dessen Leuchte wird verlöschen in der Finsternis.« Aber auch »einem Obersten in deinem Volk sollst du nicht fluchen«, heißt es da. Ebenso soll man sich Schwächeren gegenüber mit Flüchen zurückhalten: »Du sollst dem Tauben nicht fluchen und sollst vor den Blinden kein Hindernis legen, denn du sollst dich vor deinem Gott fürchten.« Und wenn man selbst Dreck am Stecken hat, sollte man aufpassen, dass der Fluch, den man ausspricht, nicht auf einen selbst zurückfällt. Denn, »wenn der Gottlose seinem Widersacher flucht, so flucht er sich selber«. ( 2. Mose 21, 17,  Sprüche 20, 20,  Sirach 21, 30)

Zitat: »Wer Vater oder Mutter flucht, der soll des Todes sterben.«

 

Fluch der Benachteiligten - Sprüche 28, 27; Sirach 4, 5

Arme und benachteiligte Menschen hatten damals - wie heute - kaum eine Chance, ihre Rechte zu verteidigen oder einzuklagen. Für sie war der Fluch ein wichtiges Mittel, sich dennoch durchsetzen zu können. So konnten sie Flüche aussprechen, um Gegner von Grenzverletzungen abzuhalten. Bei ungeklärten Verbrechen wurden der unbekannte Täter und alle Mitwissenden verflucht, was die Betreffenden oft dazu bewegte, sich doch noch zu melden. Außerdem warnt die Bibel davor, Bedürftigen nicht zu helfen, denn »wer dem Armen gibt, dem wird nichts mangeln; wer aber seine Augen abwendet, der wird von vielen verflucht.« ( Sprüche 28, 27,  Sirach 4, 5)

Zitat: »Wende deine Augen nicht weg von dem Bittenden, und gib ihm keinen Anlass, dir zu fluchen«

 

Ein Fluch gerät zum Segen - 4. Mose 22ff

Bileam war ein Prophet - also eigentlich ein Mann Gottes. Doch als der Moabiterkönig Balak ihn mit Silber und Gold bestach, vergaß Bileam offensichtlich seine Berufung. Die Israeliten solle er verfluchen und dadurch besiegbar machen, forderte Balak. Also macht sich Prophet Bileam gegen Gottes Willen auf den Weg. Ein Engel stellt sich ihm auf geheimnisvolle Weise in den Weg. Als Bileam ihn erkennt, lässt er von seinem Fluch-Plan ab. Schließlich steht Bileam vor den gegnerischen Fürsten, die sich auf die Verfluchung freuen. Doch Bileam erfüllt ihre Erwartungen nicht. »Wie soll ich fluchen, dem Gott nicht flucht?« fragt er. Auftraggeber Balak ist empört: »Was tust du mir an? Ich habe dich holen lassen, um meinen Feinden zu fluchen, und siehe, du segnest.« ( 4. Mose 22)

Zitat: »Ich habe dich gerufen, dass du meine Feinde verfluchen solltest, und siehe, du hast sie nun dreimal gesegnet.«

 

Verfluchter Feigenbaum - Matthäus 21, 21; Markus 11, 21

Obwohl sich Jesus eigentlich gegen das Fluchen aussprach, fluchte auch er gelegentlich. Eine recht merkwürdige Überlieferung berichtet davon, dass einer seiner Flüche einen Feigenbaum traf. Und dass nur, weil er keine Früchte trug, als Jesus welche essen wollte. Als ihn der Hunger plagte, sah er einen Feigenbaum, »ging hin und fand nichts daran als Blätter und sprach zu ihm: Nun wachse auf dir niemals mehr Frucht! Und der Feigenbaum verdorrte sogleich.« ( Matthäus 21, 21,  Markus 11, 21)

Zitat: »Rabbi, sieh, der Feigenbaum, den du verflucht hast, ist verdorrt.«

 

Segnet, die euch verfluchen - Lukas 6, 28; Römer 12, 14; Galater 3, 13

Jesus und später auch Paulus sprechen sich grundsätzlich gegen das Fluchen aus - auch wenn sie es beide nicht immer lassen können. »Segnet, die euch verfluchen; bittet für die, die euch beleidigen«, fordert Jesus. Paulus formuliert ähnlich: »Segnet, die euch verfolgen; segnet und flucht nicht.« Seine Gewissheit, dass Christen auf die Erlösung durch Jesu Kreuzestod vertrauen können, formuliert er etwas überspitzt so: »Christus aber hat uns erlöst ..., da er zum Fluch wurde für uns; denn es steht geschrieben: 'Verflucht ist jeder, der am Holz hängt.'« ( Lukas 6, 28,  Römer 12, 14,  Galater 3, 13)

Zitat: »Segnet, die euch verfluchen.«

BIBLE'S DIGEST

»Das Beste aus der Bibel« - eine Bibelkunde der besonderen Art.

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  »Das Beste aus der Bibel« - eine Bibelkunde der besonderen Art.

Der Theologe Uwe Birnstein macht sich in der Sonntagsblatt-Serie »Das Beste aus der Bibel« Woche für Woche auf die Suche nach den bewegendsten und außergewöhnlichsten Geschichten der Bibel. »Das meistgedruckte Buch der Welt verstaubt in den Bücherregalen«, klagt er. Der Grund: Die Heilige Schrift ist kein Roman und eignet sich nicht zur raschen Lektüre. Die Perlen, die sie birgt, müssen erst entdeckt werden. »Das Buch der Bücher birgt Geschichten, die es mit jedem Liebesroman und jedem Thriller, mit jedem Krimi und jeder Generationen-Saga mühelos aufnehmen kann.« Das Beste der Bibel - eine Bibelkunde der besonderen Art.

 

MEHR ALS KRAFTAUSDRÜCKE

  Anders als heute verstand man in biblischen Zeiten unter dem Begriff »fluchen« mehr als den Gebrauch von Kraftausdrücken. Man ging davon aus, dass das Aussprechen von Worten unmittelbare Auswirkung auf die Wirklichkeit haben kann, im Guten (als Segen) wie im Vernichtenden (als Fluch). War ein Fluch ausgesprochen, konnte er dieser Auffassung nach nur durch einen gleichstarken Segen aber aufgehoben werden.

  Zum Weiterlesen: Jürgen Ebach: Schrift-Stücke. Biblische Miniaturen, Gütersloh 2011.

 

 

 

 

Uwe Birnstein