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Sonntagsblatt 34/ vom

Die Tänzer der Bibel

Sonntagsblatt-Serie: Das Beste aus der Bibel


Für besonders strenge Christen ist Tanzen bis heute tabu, erst recht in der Kirche. Obwohl die Menschen in der Bibel sogar bisweilen zum Lobe Gottes tanzten.

Salomes Tanz - des Täufers Tod: Franz von Stuck, 1906, Lenbachhaus München.
Foto: PD
   Salomes Tanz - des Täufers Tod: Franz von Stuck, 1906, Lenbachhaus München.

        

Tanz ums Goldene Kalb - 2. Mose 32, 18f.

Als Mose auf dem Berg Sinai war, um die Zehn Gebote zu empfangen, wurde das wartende Volk unruhig. Unsicher, was denn nun los sei mit Mose und seinem unsichtbaren Gott, baten sie Moses Bruder Aaron: »Auf, mach uns einen Gott, der vor uns hergehe!« Aaron goss aus dem Schmuck der Israeliten ein Goldenes Kalb und rief für den nächsten Tag ein Fest zu Ehren des neuen Gottes aus. Als Mose nun zum Lager zurückkehrte »und das Kalb und das Tanzen sah, entbrannte sein Zorn und er warf die Tafeln aus der Hand und zerbrach sie unten am Berge und nahm das Kalb, das die gemacht hatten, und ließ es im Feuer zerschmelzen.« ( 2. Mose 32, 18f.)

Zitat: »Ich höre Geschrei wie beim Tanz!«

 

Tanzen zum Lobe Gottes - Psalm 149, 3ff.; 2. Mose 15, 20

Musik und Tänze als Ausdruck der Freude dienten auch dem Lob Gottes. So fordert ein Psalmbeter seine Mitmenschen auf: »Lobet ihn mit Pauken und Reigen, lobet ihn mit Saiten und Pfeifen!« Auch Mose sSchwester Mirjam praktizierte das. Nach dem Durchzug der Israeliten durch das Schilfmeer freute sie sich, »nahm eine Pauke in ihre Hand und alle Frauen folgten ihr nach mit Pauken und Reigen. Und Mirjam sang ihnen vor: Lasst uns dem Herrn singen, denn er hat eine herrliche Tat getan; Ross und Mann hat er ins Meer gestürzt.« ( Psalm 149, 3ff.,  2. Mose 15, 20)

Zitat: »Sie sollen loben seinen Namen im Reigen, mit Pauken und Harfen sollen sie ihm spielen.«

 

Darf ein König tanzen? - 2. Samuel 6

Die Bundeslade war in alttestamentlicher Zeit der wichtigste Kultgegenstand Israels, denn sie symbolisierte die Gegenwart Gottes. Als König David diese Lade nach Jerusalem holte, »tanzten David und ganz Israel vor dem Herrn her mit aller Macht im Reigen, mit Liedern, mit Harfen und Psaltern und Pauken und Schellen und Zimbeln.« Davids Frau Michal jedoch gefiel dieses übermütige Treiben gar nicht. Sie »verachtete ihn in ihrem Herzen«, als sie ihn so tanzen sah, heißt es da. Und als er nach Hause kam warf sie ihm voller Ironie vor: »Wie herrlich ist heute der König von Israel gewesen, als er sich vor den Mägden seiner Männer entblößt hat, wie sich die losen Leute entblößen.« ( 2. Samuel 6)

Zitat: »Als die Lade des Herrn in die Stadt Davids kam, guckte Michal, die Tochter Sauls, durchs Fenster und sah den König David springen und tanzen vor dem Herrn und verachtete ihn in ihrem Herzen.«

 

Tanzen hat seine Zeit - Sprüche 26, 7; Prediger 3, 4; Matthäus 11, 17

Wer keine Ahnung hat, der sollte besser nicht versuchen, klug daherzureden, raten die Sprüche Salomos. Denn »wie einem Gelähmten das Tanzen, so steht dem Toren an, von Weisheit zu reden«. Prediger Salomo weiß, das alles seine Zeit hat - auch das Tanzen. Tanzverweigerern redet Jesus einmal ins Gewissen. Einige Menschen seien wie Kinder, die anderen zurufen: »Wir haben euch aufgespielt und ihr wolltet nicht tanzen; wir haben Klagelieder gesungen und ihr wolltet nicht weinen.« ( Sprüche 26, 7,  Prediger 3, 4,  Matthäus 11, 17)

Zitat: »Klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit.«

 

Hinkende Götzendiener - 1. Könige 18, 26

Der Prophet Elia hatte einst die Propheten des Baal zum Wettstreit herausgefordert. Schließlich stand er 450 Propheten gegenüber, um die Frage zu klären, welcher Gott denn nun der wahre sei. Die Propheten durften einen Stier zum Opfer vorbereiten; sie bauten einen Altar und tanzten um ihn herum. Tanzten? Nein, sie hinkten, spottete Elia. ( 1. Könige 18, 26)

Zitat: »Sie hinkten um den Altar, den sie gemacht hatten.«

 

Tanzparty für den verlorenen Sohn - Lukas 15, 25

Als sein verlorengeglaubter Sohn zurückgekehrt war, ließ der Vater voller Freude einen Bock schlachten und ein Fest ausrichten. Nichtsahnend kam der zweite Sohn von der Feldarbeit zurück. »Und als er nahe zum Hause kam, hörte er Singen und Tanzen.« Erstaunt fragte er einen Knecht, was denn da los sei. Und erfuhr, dass der Vater ein Freudenfest für den zurückgekehrten Bruder veranstaltete. »Da wurde er zornig und wollte nicht hineingehen.« Voller Neid warf er dem Vater vor: »Siehe, so viele Jahre diene ich dir und habe dein Gebot noch nie übertreten, und du hast mir nie einen Bock gegeben, dass ich mit meinen Freunden fröhlich gewesen wäre.« ( Lukas 15, 25)

Zitat: »Als er nahe zum Hause kam, hörte er Singen und Tanzen.«

 

Salomes Tanz - Markus 6, 22

Am Geburtstag des Herodes tanzte seine Stieftochter Salome - zur Freude aller Anwesenden. Von ihrer Anmut betört versprach Herodes, ihr jeden Wunsch zu erfüllen. Salome hatte offensichtlich keinen eigenen Wunsch und fragte zunächst ihre Mutter, was sie sich denn wünschen solle. Die Mutter sah die Gelegenheit gekommen, den kritischen Prediger Johannes den Täufer loszuwerden, der ihr schon lange ein Dorn im Auge war. Sie schickte ihre Tochter mit diesem Wunsch los und die bat den Vater: Ich will, dass du mir gibst, jetzt gleich auf einer Schale, das Haupt des Johannes des Täufers. Da Herodes es vor allen Leuten versprochen hatte, musste er nun wohl oder übel tun, was sie forderte. ( Markus 6, 22)

Zitat: »Da trat herein die Tochter der Herodias und tanzte und gefiel Herodes und denen, die mit am Tisch saßen.«

 

BIBLE'S DIGEST

»Das Beste aus der Bibel« - eine Bibelkunde der besonderen Art.

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  »Das Beste aus der Bibel« - eine Bibelkunde der besonderen Art.

Der Theologe Uwe Birnstein macht sich in der Sonntagsblatt-Serie »Das Beste aus der Bibel« Woche für Woche auf die Suche nach den bewegendsten und außergewöhnlichsten Geschichten der Bibel. »Das meistgedruckte Buch der Welt verstaubt in den Bücherregalen«, klagt er. Der Grund: Die Heilige Schrift ist kein Roman und eignet sich nicht zur raschen Lektüre. Die Perlen, die sie birgt, müssen erst entdeckt werden. »Das Buch der Bücher birgt Geschichten, die es mit jedem Liebesroman und jedem Thriller, mit jedem Krimi und jeder Generationen-Saga mühelos aufnehmen kann.« Das Beste der Bibel - eine Bibelkunde der besonderen Art.

 

KULTISCHER REIGEN

  Das Tanzen wird in der Bibel vor allem in Zusammenhang mit kultischen Ritualen erwähnt. Im Kult oder auch nach einem Sieg tanzte man einen oft nach Geschlechtern getrennten Reigen. Der Tanz einer einzelnen Frau wie Salome vor männlichem Publikum geht vermutlich auf hellenistischen Einfluss zurück.

  Zum Weiterlesen: Michaela Ginger/Rainer Kessler: Musik, Tanz und Gott, Stuttgart 2007.

 

 

 

 

Uwe Birnstein