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Sonntagsblatt 37/ vom

Tischgemeinschaft

Das Spirituelle Zentrum St. Martin in München kocht für männliche Prostituierte


Die Mitglieder des Spirituellen Zentrums St. Martin wollen nicht nur schweigen und beten - sondern auch handeln. Seit Kurzem kümmern sie sich deshalb auch um männliche Prostituierte.

»Aktion der Nächstenliebe«: Pfarrer Andreas Ebert und Gudrun Past bereiten für männliche Prostituierte das Mittagessen vor.
Foto: Hagenmaier
   »Aktion der Nächstenliebe«: Pfarrer Andreas Ebert und Gudrun Past bereiten für männliche Prostituierte das Mittagessen vor.

        

Pünktlich um zwölf Uhr mittags begibt sich Pfarrer Andreas Ebert in die Küche. Es könnte sein, dass bald die ersten jungen Männer vor der Tür stehen, hungrig und müde nach einer Nacht auf der Straße. Eberts Mittagsgäste verdienen ihr Geld als Stricher. Jetzt wollen sie sich ausruhen, dem harten Alltag entfliehen. Und essen.

»Es kann auch sein, dass keiner kommt«, sagt Ebert, »das weiß man vorher nie.« Gekocht wird auf jeden Fall. In kurzer Hose und Plastik-Clogs, eine altmodische Küchenschürze um den Bauch, werkelt der Pfarrer in der Küche der Beratungsstelle Marikas, der Anlaufstelle des Evangelischen Hilfswerks für anschaffende junge Männer. Einmal pro Woche bringt die Tafel Lebensmittel vorbei. Aus allem, was im Kühl- und Gefrierschrank lagert, improvisieren die freiwilligen Köche ein einfaches Mittagessen. Heute zaubert der Pfarrer aus wenigen Zutaten eine große Menge Wurstsalat. Dazu gibt es grünen Salat, Obst und Hähnchenschenkel aus dem Backofen. Die Mikrowelle zickt, die Mayonnaise klebt, aber Ebert lässt sich nicht beirren. »Kochen macht mir Spaß und Erfahrung habe ich auch«, sagt er und lacht. Unterstützung hat er ebenfalls: von ehrenamtlichen Helfern wie Gudrun Past.

Eine ungewöhnliche Kooperation

Seit einigen Wochen läuft im Münchner Glockenbachviertel eine ungewöhnliche Kooperation. Ganz in der Nähe der Beratungsstelle liegt das Spirituelle Zentrum St. Martin der evangelisch-lutherischen Kirche in Bayern. Etwa zehn Ehrenamtliche von dort engagieren sich nun an drei Tagen pro Woche bei Marikas. Die einen sperren um halb sieben in der Früh die Räume auf, in denen acht Betten für die jungen Stricher bereitstehen. Hier können sie bis 14 Uhr schlafen. Die anderen Ehrenamtlichen kommen mittags zum Kochen - und essen gemeinsam mit den Männern.

Der Kontakt entstand über eine Kollekte, die St. Martin Marikas zukommen ließ. »Dann wollten wir mehr erfahren über die Arbeit der Beratungsstelle und die Situation der jungen Männer«, sagt Ebert, geistlicher Leiter von St. Martin. Das Ergebnis fasst Michaela Fröhlich von Marikas so zusammen: »Die Ehrenamtlichen bereichern unsere Arbeit durch ihre Erfahrungen, neue Sichtweisen und Meinungen. Und sie kochen gerne.«

Kochen an sich ist für die meisten Helfer alltäglich. Doch ihre neue Einsatzstelle ist doch eine Herausforderung. »Ich wusste nicht, was da auf mich zukommt, ich hatte ja keine Einblicke in diese Szene«, sagt Gudrun Past. »Am Anfang hatte ich Herzklopfen. Aber das war ganz schnell weg.« Die 62-Jährige ist Therapeutin, arbeitet aber nicht mehr Vollzeit und »wollte nicht nur beten und studieren, sondern auch eine Aktion der Nächstenliebe beginnen«. Jetzt bewirtet sie junge Männer, die vom Anschaffen kommen. »Ich habe einer Freundin erzählt, was ich mache. Die hat gesagt: ›Unglaublich! Mein Mann würde mir das nicht erlauben.‹« Past lacht.

Gott suchen in allem, was ist

Auch Ebert wollte nicht nur der Vermittler sein, sondern selbst mithelfen. »Das Motto von St. Martin ist: Schweigen, Reden, Handeln. Aber zum Handeln sind wir bisher nicht so häufig gekommen«, sagt er. »Präsent sein, sich einlassen auf die Wirklichkeit der Stadt, und Gott suchen in allem, was ist: Das ist unser Anliegen.« Dabei will er kein »pures Helferprogramm« abspulen. Ihm geht es um mehr: um diakonisches Handeln und um Spiritualität. »Gastfreundschaft war eine der grundlegenden Haltungen Jesu«, sagt der Pfarrer. Empören kann er sich über die politischen Umstände, die die jungen Männer in die Prostitution zwingen: Die meisten Stricher kommen aus Bulgarien, sind also EU-Bürger - aber sie dürfen hier nicht arbeiten. Zuhause gehören sie einer Minderheit an, sind häufig Analphabeten und hoffen darauf, in Deutschland Geld für ihre Frauen und Kinder zu verdienen. »Die haben die absolute Not.«

Für Michaela Fröhlich und ihr Team sind die Ehrenamtlichen eine große Bereicherung. »Unsere Klienten sind stigmatisiert und multiproblembeladen. Und hier kommen Menschen, die sie so akzeptieren.« Neue Ideen schweben schon durch den Raum, kleine Einheiten zum Deutschlernen etwa, ein Alphabetisierungskurs und Freizeitangebote. Aber das ist Zukunftsmusik. Jetzt wird erst einmal gegessen. Am Tisch sitzen die Hauptberuflichen und die Ehrenamtlichen und ein junger, kräftiger Mann. Er kommt gerade von der Arbeit.

 

 

Susanne Hagenmaier