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Sonntagsblatt 38/ vom

Verständigung per Häkelmuster

SERIE Kreative Gemeinde (41): Das evangelische Frauenzentrum in Hof hilft Migrantinnen beim Ankommen


Ein Gartenzwerg steht auf dem Grün des internationalen Mädchen- und Frauenzentrums in Hof gleich neben einer Mamuschka und Figuren aus Pakistan und der Türkei. Und eigentlich bringt dieses Bild auf den Punkt, was das Projekt ausmacht: Beim Gärtnern, Häkeln oder beim Behördengang lernen sich Frauen verschiedener Nationen kennen und helfen einander, sich zurechtzufinden.

Stephanie Thies zeigt die Briefe, die mit den Häkelquadraten eingesandt werden. Dahinter Hülya Wunderlich (Mitte) und Gertrud Fiedlschuster (links).
Foto: Meier
   Stephanie Thies zeigt die Briefe, die mit den Häkelquadraten eingesandt werden. Dahinter Hülya Wunderlich (Mitte) und Gertrud Fiedlschuster (links).

        

Der Briefkasten in der Landwehrstraße 38 in Hof ist aus Holz. Die Postadresse und der Name der Evangelischen Jugendsozialarbeit sind liebevoll mit einem Lötkolben eingebrannt. Im internationalen Mädchen- und Frauenzentrum wird viel in Handarbeit gefertigt. Die Frauen deutscher, türkischer, russischer, makedonischer und griechischer Herkunft greifen bei den kreativen Treffen zur Häkelnadel oder setzen sich an die Nähmaschine.

In diesen Tagen holen die Frauen eine große Spende an Wolle ab. Fast ein ganzer Raum steht voll mit Kisten und Wannen. Darin sind Garne und Wolle in verschiedener Stärke, Farbe und Qualität. »Die Wolle haben wir geerbt«, erzählt Hülya Wunderlich. Sie begleitet und koordiniert hauptamtlich die Räumlichkeiten, die Materialbeschaffung durch Spenden und die Termine sowie die Öffentlichkeitsarbeit.

»Unser Kreativtreff entwickelte sich aus einer Initiativgruppe, die Astrid von Waldenfels ins Leben gerufen hat«, erinnert sich Frau Wunderlich. In dem Stadtteil nahe dem Bahnhof leben viele Migranten und wenige deutsche Mitbürger. An Veranstaltungen, zu denen türkische und griechische Jugendliche eingeladen wurden, durften die Mädchen nicht teilnehmen. »Also haben wir nach einem Angebot gesucht, das auf die Interessen von Mädchen zugeschnitten war.«

Die Benefizdecke besteht aus 252 Quadraten, die aus verschiedenen Ländern geschickt werden. Zum Weltfrauentag wird die Decke versteigert.
Foto: Thies
   Die Benefizdecke besteht aus 252 Quadraten, die aus verschiedenen Ländern geschickt werden. Zum Weltfrauentag wird die Decke versteigert.

        

Der erste Kurs im Bahnhofsviertel war ein Friseurkurs. Damit stärkten Hülya Wunderlich und ihre Helferinnen das Selbstbewusstsein der Teenager. Später trafen sich auch Mütter und Frauen regelmäßig und schafften es, Vertrauen aufzubauen. Bei den Treffen machten sie das, was sie konnten: handarbeiten. Oft war das Geld, das die Frauen auf einem Basar dafür einnahmen, das erste eigene Einkommen, das sie in der Tasche hatten. »Ich habe gesagt, dass sie mit diesem Geld auch einmal an sich denken dürfen und etwas für sich selbst kaufen können«, sagt Wunderlich.

Stephanie Thies kam zu dem Kreis, als ihre Tochter Emma zwei Monate alt war. Heute ist sie acht Jahre alt und geht mit Begeisterung in den Gesangsunterricht und den Tanzkreis, der im Mädchen- und Frauenzentrum angeboten wird. »Ich war die einzige deutsche Frau«, erzählt sie. Die Verständigung hat über die Häkelmuster geklappt. Anfangs fast ohne Worte. »Ich hatte von Anfang an großen Respekt vor den Lebensgeschichten und den Fertigkeiten dieser Frauen. Noch dazu konnte ich mit meiner Leidenschaft, dem Häkeln, etwas Gutes tun.«

Stephanie Thies begeistern die traditionellen Muster der türkischen Frauen. Sie schätzt die »Ceyiz«, die Aussteuer aus der arabischen Welt. Pubertierende Mädchen fertigen Handarbeiten zur Vorbereitung auf die Ehe. Die Rechte an den Arbeiten hat allein die Frau. Selbst der spätere Ehemann darf nur mit der Erlaubnis der Frau darüber verfügen.

Muruvvet Benli und Gertrud Fiedlschuster (von links) beim gemeinsamen Häkeln.
Foto: Sammer
   Muruvvet Benli und Gertrud Fiedlschuster (von links) beim gemeinsamen Häkeln.

        

Der größte Teil der Aussteuer sind kunstvolle, farbenfrohe und mühsam erstellte, feine Handarbeiten. »Meine Liebe zur Häkelei sollte keine Eintagsfliege sein«, sagt Thies. Mittlerweile ist aus den Benefizhäkeldecken ein Projekt mit hoher Anerkennung geworden: Aus 252 Quadraten wird eine Decke angefertigt, die zum Frauenfest, jeweils am Weltfrauentag, versteigert wird. »Sieben Quadrate fehlen nur noch, dann ist wieder eine Decke fertig.« Stephanie Thies rechnet nach und während sie darüber plaudert, aus welchen Städten und Ländern die vielen Quadrate geschickt werden, durchtrennt sie bei den nächsten eigenen Werken den Faden und schlingt ihn durch die letzte Masche.

Im September wird es spannend für alle, die bisher mitgehäkelt haben. Im Rahmen des »Kreativtreffs« wurde das Projekt für den Ehrenamtspreis der evangelisch-lutherischen Kirche in Bayern nominiert. »Allein dass wir vorgeschlagen wurden, ist eine hohe Auszeichnung. Darüber freuen wir uns sehr. Ich bin stolz, dass unsere Arbeit mit so viel Aufmerksamkeit honoriert wird.« Auf ihrem Blog  www.haekeln-pro-bono.blogspot.de veröffentlicht Stephanie Thies die Post aus aller Welt. Fantasievolle Karten und Grüße samt den Häkelquadraten über »innere Buntwerdung« und Farbfindungen landen in dem Briefkasten in der Landwehrstraße.

Die Maße und Angaben, nach denen gearbeitet wird, stehen auf dem Blog. Im Mai erst wurde mit der neuesten Decke begonnen. Zum Frauenfest im März 2014 wird es vermutlich zwei geben, die bei der Benefizveranstaltung versteigert werden. »Bis zu zehn Stunden haben wir an diesem Tag Nonstop-Programm«, freut sich Wunderlich. Trommlergruppen, Vorträge, Tanz, Köstlichkeiten aus der internationalen Küche sind der Rahmen eines fröhlichen Fests.

Nicht ganz so rosig wie beim Miteinander und den längst geschlossenen Freundschaften schaut es bei den Finanzen aus. »Wir bekommen keine Regelförderung«, sagen die Frauen und zählen auf, mit welchen Projekten sie um das Überleben des beliebten Treffpunkts gekämpft haben. »Stadtteil-Mütter« war in den vergangenen Jahren ein Programm, mit dem Frauen unterstützt und gefördert werden konnten. Hülya Wunderlich ging mit den Frauen zu Behörden, baute ein Netzwerk mit anderen sozialkompetenten Einrichtungen auf und vermittelte Hilfe bei Erziehungsfragen. Auf die Hoferinnen und Hofer ist sie stolz: »Sie haben gesagt, dass bei uns sehr gute Arbeit gemacht wird.«

Dann setzten sie sich mit Patenschaften für den Erhalt des Zentrums ein. Drei Mitglieder des Bundestags aus dem Stimmbezirk übernahmen die Schirmherrschaft. Mit ihnen sind es 35 Paten, die helfen, das Mädchen- und Frauenzentrum finanziell über Wasser zu halten.

Den Eigenanteil, der gefordert ist, bestreiten die Frauen aus ihren Handarbeiten. Aktuell arbeiten die Verantwortlichen der Jugendsozialarbeit mit dem Alevitischen Kulturverein, der türkisch-islamischen Union und dem FC Türk Hof im Projekt »Hand in Hand« und koordinieren Jugendarbeit. Wunderlich sieht ihr Team als Vermittler zwischen der Mehrheitsgesellschaft und den Bürgern mit Migrationshintergrund. Vorurteile können im Miteinander abgebaut werden und der eine kann vom anderen lernen.

Bei einem Blick aus dem Sprossenfenster des Altbaus fallen ein typisch deutscher Gartenzwerg neben einer Mamuschka und Figuren aus Pakistan und der Türkei auf. Beim wöchentlichen Gartentreff tauschen sich die Gärtner mit Migrationshintergrund untereinander aus und bebauen, frei nach ihrer Kultur, eine eigene kleine Parzelle.

Einmal im Monat wird ein internationales Gericht gekocht. Auch auf dem Frühlingsmarkt werden die Produkte vorgestellt, außerdem nehmen die Gärtner am Weltkindertag teil. Mädchen und Jungen dürfen ein eigenes Beet bepflanzen. »Zukunft für Kinder« nennt sich das Projekt, unter dessen Dach die Kleiderbörsen, Frühstückstreffen mit den Müttern sowie ein Forum für Alleinerziehende und Betreuung der Kinder während der Veranstaltungen im Frauenzentrum gepflegt werden.

Während die Damen die Fäden vernähen und mit kleinster Nadel fein säuberlich einen Sektkorken umhäkeln, auf dem Tisch stehen Kaffee, Wasser und Kekse, nennt Hülya Wunderlich ihre Wünsche für die nächsten Monate. »Wir wünschen uns noch mehr Patenschaften.« Mit jedem ausgefüllten Antrag, der im Holzbriefkasten in der Landwehrstraße eingeworfen wird, fühlen sich die Frauen in ihrer Arbeit stärker akzeptiert. Motiviert können sie dann weiterhin Starthilfe geben und ausländischen Mitbürgern Stabilität anbieten. Bestenfalls engagieren sich die Frauen dann selbst und leisten einen wertvollen Beitrag in der Gesellschaft.

 

 

Silke Meier