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Sonntagsblatt 46/ vom

Anknüpfen ans Heute

Schüler auf Spurensuche, Durchsage im Stadion, Thementage für Azubis: Gedenkstätten testen neue Formen


Neue Wege für das Gedenken an den Holocaust hat Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München, kurz vor dem 75. Jahrestag der Reichspogromnacht von 1938 gefordert - ein Thema (nicht nur) für die KZ-Gedenkstätten. Ein Blick nach Dachau und Flossenbürg.

Erfolgreiche Aktion: Seit es den »Erinnerungstag im deutschen Fußball« gibt, besuchen immer mehr Fangruppen die KZ-Gedenkstätte Dachau.
Foto: ddp
   Erfolgreiche Aktion: Seit es den »Erinnerungstag im deutschen Fußball« gibt, besuchen immer mehr Fangruppen die KZ-Gedenkstätte Dachau.

        

Kranzniederlegungen, Namenslesung, Besuche in KZ-Gedenkstätten, Begegnungen mit Überlebenden, mahnende Worte von Politikern und das viel beschworene »Nie wieder!«: An Jahrestagen der NS-Verbrechen ist das Programm für öffentliches Gedenken klar festgelegt. Doch die Zeitzeugen werden weniger, und Jugendliche können mit ritualisierten Formeln oft nichts mehr anfangen.

Gabriele Hammermann, Leiterin der KZ-Gedenkstätte Dachau, versucht dem Paradox aus dem Bedürfnis nach einem vertrauten Gedenkzeremoniell und der Kritik an erstarrten Ritualen mit neuen Formen zu begegnen: »Ein erfolgreiches Beispiel war die szenische Lesung anlässlich des 80. Jahrestags der Eröffnung des KZ Dachau mit zeitgenössischen Berichten, Häftlingserinnerungen und Musik aus dem Jahr 1933, die Schauspieler des Jugendtheaters Schauburg in München vorgetragen haben.«

Ein anderes Erfolgsmodell ist das Gedächtnisbuch für Häftlinge im KZ. »Wir ermuntern Jugendliche, sich selbst auf Spurensuche zu begeben: Was geschah damals in meiner Straße?«, sagt Pfarrer Björn Mensing von der Versöhnungskirche in der KZ-Gedenkstätte Dachau. Einmal im Jahr werden die neuen Gedächtnisblätter vorgestellt; 150 Biografien wurden bislang so wieder ans Licht geholt.

Oder der »Erinnerungstag im deutschen Fußball«, bei dem seit nunmehr zehn Jahren immer Ende Januar in vielen Fußballstadien ein Aufruf gegen Rassismus und Antisemitismus verlesen wird. »Damit erreichen wir Menschen, die nicht in eine Gedenkstätte gehen würden«, sagt Mensing. Seit es die Aktion gibt, hat das Team der Versöhnungskirche häufiger Fangruppen zu Gast, die den Besuch eines Bundesligaspiels mit einem Besuch in der KZ-Gedenkstätte koppeln.

Ähnliche Wege beschreitet man im oberfränkischen Flossenbürg. Alle nordbayerischen Bereitschaftspolizisten kommen seit Kurzem während ihrer Ausbildung für einen Tag in die KZ-Gedenkstätte, um sich mit dem Thema »Polizei im Nationalsozialismus« zu beschäftigen.

Für angehende Krankenpflegekräfte gibt es analog einen Thementag »Medizin im Nationalsozialismus«, und für Rechtsreferendare wurde die Wanderausstellung »Was damals Recht war« konzipiert. »Die Frage 'Was geht mich das an?' bekommt bei diesen Angeboten sofort einen Bezug zur Gegenwart: Was ist heute ein Rechtsstaat? Was ist Medizinethik heute?« erklärt Gedenkstättenleiter Jörg Skriebeleit.

Einig ist man sich in Dachau und Flossenbürg darüber, dass Erinnerungsarbeit immer etwas mit der Gegenwart zu tun haben muss. »Das formelhafte 'Nie wieder!' reicht nicht«, sagt Herbert Sörgel, evangelischer Pfarrer von Flossenbürg. Wer über die NS-Zeit spreche, müsse auch davon berichten, wo heute ungerechte Strukturen existierten, Völkermorde und Menschenrechtsverletzungen passierten. Der Satz »Wir haben's nicht gewusst« sei nicht mehr haltbar. »Wir haben es gewusst, aber wir wollen es nicht wahrhaben«, sagt Sörgel. Den Mechanismus der Verdrängung könne man beim Besuch von KZ-Gedenkstätten gut studieren.

Auch in Dachau setzt man darauf, Jugendliche für Ausgrenzung und Diskriminierung heute zu sensibilisieren. Allerdings könnten die KZ-Gedenkstätten nicht allein dafür sorgen, dass Fremden- und Judenfeindlichkeit - die einer Studie zufolge bei 25 Prozent der Bevölkerung verbreitet ist - abnehme, sagt Pfarrer Mensing. »Es ist auch Aufgabe der alltäglichen kirchlichen Arbeit, antijüdischen Stimmungen gegenzusteuern, wo immer sie auftreten« - egal ob im Seniorenkreis oder in der Jugendarbeit.

Der Besuch einer Gedenkstätte allein könne gefestigte Einstellungen nicht verändern, stimmt Gedenkstättenleiterin Gabriele Hammermann zu. Oder wie ihr Kollege Jörg Skriebeleit aus Flossenbürg es formuliert: »Wer in Gedenkstätten aufklärungspolitische Marien-Erscheinungen erwartet, der überfrachtet das, was an diesen Orten möglich ist.« Es gebe in Deutschland nach wie vor einen hohen Anteil an Vorurteilen und Stereotypen. »Wir können nur immer versuchen, diesen mit Fakten zu begegnen«, sagt Skriebeleit, »das ist unser Auftrag, das ist unsere Überzeugung, das ist auch das Vermächtnis der ehemaligen Häftlinge.«

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Susanne Schröder