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Sonntagsblatt 04/ vom

»Was damals Recht war«

Ausstellung in der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg stellt Wehrmachtsjustiz und ihre Opfer gegenüber


In den rund 1000 nationalsozialistischen Konzentrationslagern wurden nicht nur Juden, Sinti und Roma zu Tode gequält und gefoltert. Auch Homosexuelle, »Staatsfeinde«, »Asoziale« und »Verräter« kamen dort ums Leben. Sie geraten oftmals in Vergessenheit, da sie noch lange nach dem Dritten Reich sogar von ihrer eigenen Familie verachtet wurden.

Unrecht und Willkür bestimmten den Alltag der Wehrmachtsjustiz.
Foto: Hampl
   Unrecht und Willkür bestimmten den Alltag der Wehrmachtsjustiz.

        

Zwei dieser Menschen, deren Leben als schändlich galt, waren Wilhelm Schlösser und Oskar Kusch. Sie wurden während des Nationalsozialismus Opfer der Wehrmachtjustiz. Ihr Schicksal und das der Richter zeigt die Wanderausstellung »Was damals Recht war«, die noch bis zum 23. Mai 2014 in der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg zu sehen ist.

Auf roten und grünen Säulen sind sich Angeklagte und Richter gegenübergestellt. Eine dieser Säulen zeigt das Foto von Wilhelm Schlösser, der 1922 in Mönchengladbach geboren und von seinen Eltern streng katholisch erzogen wurde. Er wusste schon früh, dass er Künstler werden wollte. Im Alter von 16 Jahren zog es ihn auf die Bühne und er trat bei Vereinsfesten auf. Dann kam der Krieg.

1941 wurde der Asthmatiker von der Wehrmacht nur als »arbeitsverwendungsfähig« eingestuft und arbeitete daraufhin als Lagerist. Als sich die Chance bot, zog er mit einer Kapelle durch das Rheinland. Aus unerklärlichen Gründen stellte er jedoch einen Antrag zur Nachmusterung und wurde von der Wehrmacht eingezogen.

»Was damals Recht war«: die Ausstellung im KZ Flossenbürg.
Foto: Hampl
   »Was damals Recht war«: die Ausstellung im KZ Flossenbürg.

        

Schlösser konnte sich der Schauspielerei dennoch nicht entziehen und entfernte sich immer wieder vom Einsatzort. Strafen nahm er billigend in Kauf, bis er schließlich festgenommen und noch 1944 in das Konzentrationslager Flossenbürg eingeliefert wurde. Binnen drei Wochen starb er im Alter von 22 Jahren.

Zweifel am Sieg

Mindestens genauso tragisch ist das Schicksal von Regimekritiker Oskar Kusch, dem eine große Karriere bevorstand. Als Offiziersanwärter trat er 1937 in die Kriegsmarine ein und wurde fünf Jahre später U-Boot-Kommandant.

Auf hoher See zeigte sich der junge Mann zunehmend systemkritisch. Er ordnete an, ein Bild Hitlers aus der Offiziersmesse zu entfernen und äußerte Zweifel daran, dass Deutschland den Zweiten Weltkrieg tatsächlich gewinnen könnte. Als das Unterseeboot von einem Einsatz zurückkehrte, wurde Kusch von einem Offizier gemeldet, der ihm vorwarf, eine »stark gegen die deutsche politische und militärische Führung eingestellte Gesinnung« gezeigt zu haben. Kusch wurde daraufhin zum Tode verurteilt und noch vor Kriegsende, im Mai 1944 mit 26 Jahren erschossen.

U-Boot-Kommandant und Regimekritiker: Oskar Kusch.
Foto: Hampl
   U-Boot-Kommandant und Regimekritiker: Oskar Kusch.

        

Das Urteil gegen Kusch fällte damals Oberkriegsgerichtsrat Hagemann, gegen den zwar nach dem Zweiten Weltkrieg ein Verfahren eingeleitet wurde - wie viele Verfahren gegen die Wehrmachtsjustiz endete jedoch auch dieses mit einem Freispruch.

Carsten Dierks, Rundgangsleiter in der KZ-Gedenkstätte, hat jedes Schicksal, das in Flossenbürg gezeigt wird, studiert. »Insgesamt«, sagt er, »lautete das Urteil von rund einem Prozent der über eine Million Prozesse: Todesstrafe. Ein großer Teil wurde zur Bewährung ausgesetzt.«

Nur in Verhandlungen, die mit großer Wahrscheinlichkeit für den Angeklagten mit dem Tod endeten, gab es einen Verteidiger: »Nicht selten wurden außerdem Prozesse in deutscher Sprache abgehalten, obwohl Ausländer auf der Anklagebank saßen. Diese konnten also ihren eigenen Prozess nicht verstehen.«

Laut Dierks gab es zwar auch immer wieder Richter, die sich um milde Urteile bemühten, viele zeigten sich jedoch erbarmungslos und erteilten möglichst harte Strafen. Ob die Urteile von damals gerecht waren oder nicht, interessierte danach niemanden mehr: »Alle Richter der Wehrmachtsjustiz sind nach dem Krieg ins Berufsleben zurückgekehrt, viele arbeiteten sogar weiter in ihrem alten Job.«

Anders erging es den Opfern der Wehrmachtjustiz. Für ihre Familien und in der Öffentlichkeit waren sie teilweise noch immer ›Verräter‹ und wurden als »Schande« bezeichnet. Erst 2002 wurden erste Urteile aufgehoben, 2009 galten schließlich auch sogenannte »Kriegsverräter« nicht mehr als solche.

27. JANUAR

  Am 27. Januar wird in ganz Deutschland der Opfer des Nationalsozialismus gedacht. Es ist der Tag, an dem 1945 das KZ Auschwitz-Birkenau befreit wurde. Der Holocaust-Gedenktag erinnert an die Millionen von Menschen, die während des Zweiten Weltkriegs von den Nationalsozialisten gequält und ermordet wurden.

TERMINE

  Öffentliche Führungen zur Ausstellung »Was damals Recht war« finden jeden Sonntag statt: so am 26. Januar, am 2. und 16. Februar sowie am 16. und 30. März. Weitere Führungen werden vom 13. April bis 18. Mai an gesetzlichen Feiertagen in der KZ-Gedenkstätte angeboten.

  Vortragsveranstaltungen: Am 11. März um 19.30 Uhr spricht der Historiker Norbert Haase über den Obersten Heeresrichter Karl Sack; am 9. April berichtet Johannes Ibel, Leiter der historischen Abteilung, zusammen mit Gedenkstättenleiter Jörg Skriebeleit um 19.30 Uhr über die Wehrmachtshäftlinge im KZ Flossenbürg.

 

 

 

Verena Hampl