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Sonntagsblatt 10/ vom

Abenteuer im Wald

Abraham Ben verbrachte seine Kindheit in einem Lager für »Displaced Persons«


»Für uns Kinder war es das größte Paradies, für die Erwachsenen die Hölle.« So sieht Abraham Ben im Rückblick das Leben im »Displaced Persons«-Lager Föhrenwald bei Wolfratshausen im Süden Münchens. Für eine Ausstellung, die noch bis 13. März im Jüdischen Gemeindezentrum München zu sehen ist, kehrte der 67-Jährige in die Landeshauptstadt zurück - und erzählte mit Humor und einem warmen bayerischen Dialekt seine Geschichte.

Kulturnachmittag im Lager: Abraham Ben (links im Hintergrund) und sein Freund Leibl Rosenberg.
Foto: Privatbesitz
   Kulturnachmittag im Lager: Abraham Ben (links im Hintergrund) und sein Freund Leibl Rosenberg.

        

Ben gehört zu den rund 6,5 Millionen Displaced Persons, die nach dem Ende des zweiten Weltkriegs in Deutschland lebten. Als Displaced Person bezeichneten die Alliierten Menschen, die von den Nazis aus ihrer Heimat verschleppt worden waren und ohne Hilfe nicht nach Hause zurückkehren konnten: Zwangsarbeiter, KZ-Häftlinge, Kriegsgefangene oder Osteuropäer, die vor der Sowjet-Armee geflüchtet waren. Ein Großteil von ihnen kehrte mit Hilfe der alliierten Streitkräfte bis September 1945 in ihre jeweilige Heimat zurück oder wanderten nach Israel aus. Die verbliebenen 1,2 Millionen Menschen wurden von den Alliierten in 60 DP-Lagern in der westlichen Besatzungszone untergebracht. Mehr als die Hälfte dieser Lager befand sich wiederum in der amerikanischen Zone.

Abraham Bens Eltern flohen nach dem Krieg aus Polen in die amerikanische Besatzungszone. Ihr Weg führte von Linz über Bamberg - wo Abraham 1947 geboren wurde - und Feldafing in ein Lager für ausschließlich jüdische Displaced Persons nach Föhrenwald. Weil der Vater an Tuberkulose erkrankt war, konnte die Familie nicht auswandern - »uns hat keiner genommen«, erinnert sich Ben.

Schabbes mit der Leih-Oma

Das Leben in Föhrenwald ähnelte in mancher Hinsicht dem eines jüdischen Stetls vor dem Krieg. Das Lager wurde autonom verwaltet und war geprägt durch die jiddische Sprache und jüdische Kultur. Die Bewohner feierten gemeinsam Chanukka, Purim und den wöchentlichen Schabbat. Wenn der Vater zur Behandlung der Tuberkulose in Gauting war, verbrachte Abraham Ben den »Schabbes« bei Freunden.

Heute berichtet Ben in Vorträgen über seine Kindheit als »Displaced Person«.
Foto: Privatbesitz
   Heute berichtet Ben in Vorträgen über seine Kindheit als »Displaced Person«.

        

»Das war ergreifend und etwas ganz Besonderes«, erzählt er, vor allem, wenn er bei Freunden zu Besuch war, die noch eine Oma hatten - schließlich gab es nur noch wenige Überlebende dieser Generation. Wenn die Erwachsenen sich über ihre traumatischen Erfahrungen austauschten, konnte Abraham Ben das Gesagte oft nicht nachvollziehen. »Ich habe das als Kind nicht so verstanden, für mich klang das eher nach einem Abenteuer: Hüttenbauen im Wald.« Vielen Kindern sei nicht bewusst gewesen, »dass da draußen andere Menschen wohnen«. Zusammen mit seinen Freunden habe er Kindergarten und Schule besucht oder Geburtstag gefeiert, mit anderen Jungen Fußball gespielt oder gegeneinander gekämpft. Leibl Rosenberg, ein Freund von Abraham Ben, kam einmal mit einer blutenden Platzwunde nach Hause, woraufhin seine Mutter entsetzt rief: »Dafür habe ich Hitler nicht überlebt«.

In den Nachkriegsjahren wurde das Lager immer kleiner, schließlich blieben nur noch die »hard core cases« übrig - Menschen, die aufgrund gesundheitlicher oder persönlicher Probleme nicht ausreisen konnten oder wollten. 1955 kaufte das Katholische Siedlungswerk die Häuser auf. Dem »Rest der Geretteten« wurden Wohnungen in München zugeteilt. Abraham Bens Familie kam noch in ein letztes DP-Lager in Ludwigsfeld, bevor sie endlich eine Wohnung im Münchner Stadtteil Giesing beziehen konnte.

Abraham Ben gründete später ein Bekleidungsgeschäft und beteiligte sich am Wiederaufbau der jüdischen Gemeinde in München. Seit 2010 verbringt er seinen Ruhestand in Frankfurt. Dort trifft er sich heute noch mit Freunden, unter anderem aus Föhrenwald, um die jiddische Sprache zu pflegen.

 

 

Birte Mensing