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Sonntagsblatt 19/ vom

Kulturkampf in Südwest

Henri hat Down-Syndrom - und will trotz geistiger Behinderung in Baden-Württemberg aufs Gymnasium


Kann ein elfjähriger Junge mit Down-Syndrom von der Grundschule aufs Gymnasium wechseln? Der »Fall Henri« scheidet derzeit in Baden-Württemberg die Geister.

Henri hat eigene Lernziele - und einen eigenen Willen.
Foto: pa/dpa
   Henri hat eigene Lernziele - und einen eigenen Willen.

        

Der elfjährige Henri Ehrhardt aus dem badischen Walldorf hat das Down-Syndrom. Wenn es nach seinen Eltern ginge, soll der geistig behinderte Junge dennoch im kommenden Schuljahr von der Grundschule aufs Gymnasium in Walldorf wechseln. Doch das Gymnasium lehnt dies bisher ab, weil das Kind vom Lernstoff überfordert würde. Inzwischen sorgt der »Fall Henri« bundesweit für Aufregung. Manche sprechen schon von einem »Kulturkampf«. Dabei geht es letztlich um die Frage, ob ein geistig behindertes Kind an einem Gymnasium unterrichtet werden kann.

Die Eltern, aus deren Sicht die Debatte um ihren Sohn teilweise absurde Züge trägt, geben jedenfalls nicht auf. Henris Mutter, Kirsten Ehrhardt, sagte auf Anfrage des Evangelischen Pressediensts (epd): »Ich bin schon überrascht über den Aufschrei der Gymnasiallobby.« Diese sehe das Gymnasium allein als Lernort für eine Elite. Bei der Umsetzung der Inklusion - also dem gemeinsamen Unterricht von behinderten und nicht behinderten Kindern in einer Regelschule - sei Baden-Württemberg »noch ein Entwicklungsland«. Es gebe in Deutschland mindestens zehn Gymnasien, in denen Kinder mit geistiger Behinderung zur Schule gingen, davon mehrere Kinder mit Down-Syndrom, sagte Ehrhardt. Nur in Baden-Württemberg sei dies so problematisch.

Landeskultusminister Andreas Stoch (SPD) hat hingegen davor gewarnt, den Streit um Henri zu einem »symbolischen Fall« zu machen. Es bestehe die Gefahr, dass das Wohl des Kindes aus dem Blick gerate. Eine Ministeriumssprecherin sagte dem epd in Stuttgart, das Schulamt Mannheim sei im Moment dabei, eine sogenannte Bildungswegekonferenz vorzubereiten. Dabei werde nach »alternativen Bildungsangeboten« gesucht. Zu der Konferenz lädt das Schulamt die Eltern ein, außerdem können auch beteiligte Schulen, Schulträger, Vertreter von sonderpädagogischen Einrichtungen sowie Leistungs- und Kostenträger dabei sein. Das Kultusministerium geht davon aus, dass die Bildungswegekonferenz bis Mitte Mai stattfindet.

Von den Gegnern wird etwa betont, dass das Down-Syndrom-Kind das Abitur niemals schaffen könne. Doch seine Mutter hält dagegen, dass dies auch gar nicht das Ziel sei: »Natürlich schafft er nicht das Abi, aber er schafft auch keinen Realschulabschluss oder Hauptschulabschluss.« Ihre Hauptmotivation, Henri auf ein Gymnasium zu schicken, liegt darin, dass er nur so mit seinen Schulfreunden zusammenbleiben könne. »Wir wollen, dass er nicht durchgereicht wird an irgendeine Schule, wo er keinen einzigen seiner nichtbehinderten Freunde aus seiner Klasse mehr hat«, sagt Kirsten Ehrhardt.

Das Argument der Lehrergewerkschaft VBE, dass Henri im Gymnasium das Schulziel nicht erreichen, immer wieder sitzenbleiben und somit seine Freunde verlieren könnte, hält die Juristin Ehrhardt für irreführend. »Bei der Inklusion geht er immer in die nächste Klasse mit.« Er könne also gar nicht sitzenbleiben, da er als »Inklusionskind« am Gymnasium eigene Lernziele habe.

Auch Elterninitiativen für Inklusion aus Nordrhein-Westfalen schauen »fassungslos« nach Baden-Württemberg: »Wir finden es zutiefst verstörend, dass Menschen in Deutschland wegen der Einschulung eines Jungen mit Down-Syndrom an einem Gymnasium meinen, eine Art Kulturkampf anzetteln zu müssen«, betonte Eva-Maria Thoms vom Elternverein »mittendrin e. V.« aus Köln mit Blick auf die seit Wochen anhaltende Debatte. Es sei »erschütternd, dass selbst hoch gebildete Menschen sich Schulunterricht offenbar nur als Veranstaltung vorstellen können, in der alle Schüler im Gleichschritt einen Durchschnitts-Lernstoff pauken«.

Henris Mutter verweist auch darauf, dass letztlich nicht sie selbst, sondern das staatliche Schulamt Mannheim diesen Schulversuch ans Gymnasium gebracht habe. Insgesamt geht es darum, dass drei Eltern von Kindern mit einer Behinderung wünschen, dass ihre Kinder, die gemeinsam in die Grundschule in Walldorf gehen, künftig auch zusammen am Gymnasium in Walldorf unterrichtet werden. Neben Henri sind dies zwei körperlich behinderte Kinder.

Nach Angaben seiner Mutter kann Henri derzeit auf dem Niveau eines Zweitklässlers lesen, er kann alles abschreiben, kennt alle Buchstaben, rechnet bis 20 relativ sicher und erschließt sich gerade den Zahlenbereich bis 100. Er fange jetzt sogar an, kleine Sätze selbst zu schreiben. Und zwar - seit seiner Erstkommunion - viel über das Thema Glaube und Kirche. Henri schreibe »am liebsten über den Papst«.

 

 

Norbert Demuth