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Sonntagsblatt 23/ vom

Ist der Heilige Geist eine Frau?

Die Pfingst-Darstellung im oberbayerischen Urschalling ist weltberühmt


Pfingsten feiern die Christen die Ausschüttung des Heiligen Geists. Im oberbayerischen Urschalling hat ein Freskenmaler dem Heiligen Geist weibliche Züge verliehen: Zwischen Gottvater und Christus lächelt eine Frauenfigur die Betrachter an.

Die wohl ungewöhnlichste Darstellung der Dreifaltigkeit: Zwischen Gottvater und Christus lächelt im Urschallinger Fresko eine Frau. Manche erkennen in dem Faltenwurf unten zwischen den Gewändern sogar eine weibliche Scham und einen Phallus - die als Symbol gelten könnten für die göttliche Liebe in Person.
Foto: epd-by
   Die wohl ungewöhnlichste Darstellung der Dreifaltigkeit: Zwischen Gottvater und Christus lächelt im Urschallinger Fresko eine Frau. Manche erkennen in dem Faltenwurf unten zwischen den Gewändern sogar eine weibliche Scham und einen Phallus - die als Symbol gelten könnten für die göttliche Liebe in Person.

        

Romantischer kann eine Kirche kaum liegen: hoch oben auf einem Berg, umringt von grünen Wiesen mit weidenden Pferden. Die Zwiebelhaube der St. Jakobuskirche von Urschalling im Chiemgau ist weithin zu sehen. Die kleine Kapelle ist weltberühmt. Denn sie beherbergt die wohl ungewöhnlichste Darstellung der Heiligen Dreifaltigkeit:

Zwischen dem weißhaarigen Gottvater und dem bärtigen Christus lächelt eine Frau mit langem Haar und roten Wangen die Betrachter an.

Die Pfingsterzählung schildert, wie die Jünger erfüllt wurden von »dem Heiligen Geist und anfingen, zu predigen in anderen Sprachen«. Dann »sah man etwas wie Feuer, das sich zerteilte, und auf jeden von ihnen ließ sich eine Flammenzunge nieder«, heißt es in der Apostelgeschichte. Petrus rief die Menschen auf, Buße zu tun und sich auf den Namen Jesu Christi taufen zu lassen. Ihm folgten laut Pfingsterzählung an dem Tag 3000 Menschen.

In der christlichen Kunst wird das Ereignis oft mit dem Symbol einer Taube, einem Auge in einem Dreieck oder Zungen auf den Köpfen der Jünger dargestellt. Das Urschallinger Fresko zeigt drei Figuren. Ist der Heilige Geist also eine Frau?

>Die »Heilige Geistin« von Urschalling.
Foto: epd-by
   Die »Heilige Geistin« von Urschalling.

        

»Die Darstellung in Urschalling lässt diese Interpretation vermuten«, erklärt Kirchenführerin Helga Schömmer den Gästen, die neugierig den Kopf heben. »Allerdings streiten sich Kunsthistoriker und Theologen bis heute, wie sie dieses Fresko interpretieren sollen.«

Die gotischen Fresken auf den Wänden der Kapelle sind außergewöhnlich. Überlebt haben sie nur, weil sie fast 400 Jahre unentdeckt unter Putzschichten verborgen blieben. Der Grundstein für die Kapelle wurde Anfang des 12. Jahrhunderts gelegt, vermutlich zur Zeit, als die mächtige Adelsfamilie der Grafen von Falkenstein über die Ländereien um den Chiemsee herrschte. Die Kapelle befand sich damals am Rand einer heute nicht mehr vorhandenen Burganlage. Zwar wurde die Kirche barockisiert und erhielt um 1711 die markante Zwiebelhaube, die wertvollen Fresken wurden mehrfach übertüncht. Ein Foto von 1926 zeigt die Kapelle noch mit Barockaltar und weißen Wänden. Erst in den 1960er-Jahren wurden die Fresken vorsichtig freigelegt.

Um die Deutung des Freskos mit der »Heiligen Geistin« gebe es immer wieder kontroverse Diskussionen, erklärt Schömmer. Vor allem die mittlere Figur ist umstritten. Befürworter der Theorie, dass es sich hier um eine Frau handele, verweisen auf die alttestamentliche Rede vom Gottesgeist: Der hebräische Begriff dafür lautet »Ruach« und ist einer der wenigen weiblichen Begriffe der hebräischen Sprache. Möglich, dass sich der Freskenmaler auf diese Idee berufen hat.

Die kleine Kirche ist zwar eine Jakobuskirche. Dennoch sind bei den Fresken viele Darstellungen der Mutter Gottes zu sehen, und auch ein Zierband schmückt die Wand, in dem sich in gotischer Minuskelschrift »Ave Maria« lesen lässt. Anfang des 15. Jahrhunderts, als die Fresken entstanden, wurde Maria oft als Braut des Heiligen Geists bezeichnet, erklärt Schömmer. Manche erkennen in dem Faltenwurf der Gewänder sogar eine weibliche Scham und einen Phallus - die als Symbol gelten könnten für die göttliche Liebe in Person.

Handelt es sich also bei der Mittelfigur der Dreifaltigkeit um eine Mariendarstellung? Gegner dieser Interpretation meinen, dass die Mittelfigur einen jungen Mann zeige und sich die Szene auf Abraham beziehe. Dann würde es sich um die Darstellung der drei Männer handeln, die Abraham bei der Eiche von Mamre voraussagen, dass er einen Sohn bekommen wird.

Kirchenführerin Schömmer jedenfalls will sich nicht festlegen: »Ich mache diese Führungen seit acht Jahren, und immer wieder werden neue Thesen aufgestellt«, erklärt sie. Viel wichtiger sei der Erhalt der kleinen Kapelle und ihrer Fresken - und dass sich »noch viele Besucher der Kirche be-Geistern lassen«.

 

 

Rieke C. Harmsen