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Sonntagsblatt 33/ vom

Neuer König, neue Gesetze

Gehört der Islam zu katholischen Schützenvereinen?

Kommentar von Brigitte Vordermayer

Die Sau sticht den König. Viele Kartenspiele machen aus dieser willkürlichen Rangfolge eine verbindliche Regel. Auch andernorts haben sich Menschen Regeln ausgedacht, die ihnen Ordnung, Sicherheit und Identität geben sollen. Vergangene Woche bekam Mithat Gedik aus Westfalen das bitter zu spüren: Auch hier zog ein König den Kürzeren.

Doch der Reihe nach. Der türkischstämmige Muslim wirkt wie das Vorzeigebeispiel von Integration: In Deutschland geboren, ist er im örtlichen Schützenverein und bei der Feuerwehr und hat mit seiner katholischen Frau vier katholische Kinder. Der 33-Jährige wählte sogar katholische Religion als Abiturfach und weiß damit mehr über das Christentum als mancher seiner Kollegen im katholischen Schützenverein.

Beim diesjährigen Sommerfest zielt Gedik dann besser als seine Mitstreiter und schießt sich zum Schützenkönig. Die Vereinsfreunde jubeln, beim Festgottesdienst spricht der Pfarrer von »gelebter Integration und christlichen Werten«.

Doch dann wird der katholische Dachverband, der Bund der Historischen Deutschen Schützenbruderschaften (BHDS), auf den muslimischen König aufmerksam. Er lehnt nicht nur seinen Sieg ab, sondern will ihn aus dem Verein werfen - weil Gedik die falsche Religion hat. Denn dem Regelwerk zufolge ist die schießende Bruderschaft ausschließlich eine »Vereinigung von christlichen Menschen«.

Die Forderung der Überorganisation der 400 000 Mitglieder sorgt für öffentliches Gegenfeuer. Gediks Verein stellt sich geschlossen hinter ihn, der NRW-Integrationsminister spricht von einem »Stück aus dem Tollhaus« und die Antidiskriminierungsstelle kritisiert den BHDS. Der beugt sich schließlich mit einem »Kompromiss«: Gedik dürfe »als Ausdruck von Respekt und Integration« »ausnahmsweise« seine Königswürde behalten. Doch auf Bezirksebene dürfe er keine Ämter ausüben und auch nicht an weiteren Meisterschaften teilnehmen. Schließlich gelte es Regeln einzuhalten, verteidigt sich die christliche Schützenbruderschaft; es gehe um die Bewahrung ihrer Identität.

»Für Glaube, Sitte, Heimat«: So lautet bis heute das Motto des BHDS. Doch jemanden wegen seines Glaubens in seiner Heimat auszuschließen, hat mit guten Sitten wenig zu tun. Oder gehört der Islam jetzt zwar zu Deutschland, aber nicht zu katholischen Schützenvereinen?

Eine Forsa-Umfrage der letzten Woche zeigt, dass die Islam-Skepsis in der Bevölkerung noch immer sehr hoch ist; die zunehmenden Flüchtlingsströme machen das nicht besser.

Doch um gemeinsam friedlich und tolerant in diesem Land zu leben, braucht es unbedingt Annäherung und Kennenlernen. Es sind genau diese verbindenden Aktivitäten beim Sport oder im Vereinsleben, die Barrieren und Vorurteile abbauen. Hier begegnen sich verschiedene Nationen oder Religionen jenseits des Trennenden als Menschen, Fußballer oder Schützen. Und wenn dabei wie in Westfalen angestaubte Statute schlicht vergessen werden: umso besser.

Neuer König, neue Gesetze, sagt ein Sprichwort. Vielleicht ist es höchste Zeit, dass im BHDS künftig der König die Sau sticht.