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Sonntagsblatt 44/ vom

»Mein Leben ist nun stimmig«

Die transsexuelle Pfarrerin Dorothea Zwölfer erzählt von ihrem neuen Leben als Frau


Fast 50 Jahre war Andreas Zwölfer ein Mann - allerdings gefühlt im falschen Körper. Andreas heißt heute Dorothea. Inzwischen entwickelt sich auch ihr Körper mithilfe einer Hormonbehandlung zur Frau. Vor eineinhalb Jahren hatte sich Zwölfer mit 49 Jahren in einem emotionalen Gottesdienst im niederbayerischen Neufahrn dazu bekannt, transsexuell zu sein und als Frau weiterleben zu wollen. Dorothea Zwölfer ist in Bayern bisher die einzige transsexuelle Pfarrerin.

Krawatten und Anzüge trug Zwölfer nie gern: »Die habe ich als Erstes aus dem Kleiderschrank aussortiert, nachdem feststand, dass ich als Frau leben werde«, erzählt die transsexuelle Pfarrerin.
Foto: Johnen
   Krawatten und Anzüge trug Zwölfer nie gern: »Die habe ich als Erstes aus dem Kleiderschrank aussortiert, nachdem feststand, dass ich als Frau leben werde«, erzählt die transsexuelle Pfarrerin.

        

Seit rund zwei Monaten ist Zwölfer qua Gerichtsbeschluss amtlich eine Frau. Sowohl Personenstand als auch Vornamen wurden gemäß den Vorgaben des Transsexuellengesetzes geändert. Auf ihren neuen Namen ausgestellt sind bereits der Personalausweis sowie Bankkarten. Bald wird es so auch im Führerschein stehen.

»Mein Leben ist anders, aber es ist nun stimmig«, sagt Dorothea Zwölfer, die jetzt als evangelische Pfarrerin im Dekanat Landshut arbeitet. Den großen Leidensdruck, ein Mann sein zu müssen, ohne es wirklich sein zu können, und Psychiatern erklären zu müssen, warum man eigentlich eine Frau sei, verspüre sie nicht mehr. Das neue Lebensgefühl sei schwierig zu beschreiben. »Es gibt Farben, Licht und Blumen«, die sie früher so nicht gesehen habe.

Als Mann habe sie es gehasst, Krawatten und Anzüge anziehen zu müssen. »Die habe ich als Erstes aus dem Kleiderschrank aussortiert, nachdem feststand, dass ich als Frau leben werde.« Transsexuell zu sein habe nichts mit Laune, Spiel oder einer Entscheidung zu tun, erklärt Zwölfer. Dazu weist sie auf neueste neurowissenschaftliche Untersuchungen hin, die zwischen Hirngeschlecht und Genitalgeschlecht unterscheiden.

Auch gibt es ihrer Ansicht nach keine Schöpfungsordnung, die allgemeingültig ist. In der Bibel sei der Begriff Transsexualität zwar so nicht zu finden, aber das Phänomen tauche darin durchaus auf. Und so weist Zwölfer beispielsweise auf Eunuchen hin oder darauf, dass manche Menschen von Geburt an zur Ehe unfähig sind.

Zwölfer und andere Transsexuelle treten dafür ein, dass es keine Zwangspsychotherapie und Gutachten mehr gibt. Um als transsexueller Mensch in Deutschland eine Hormonbehandlung zu erhalten und den Namen ändern zu können, sind bislang zwei Gutachten nötig. Ihre Forderungen haben sie unlängst in die sogenannte Waldschlösschen-Erklärung gefasst, die auf Entpsychopathologisierung und Entstigmatisierung sowie eine Überarbeitung der medizinischen Leitlinien abzielt. So müsse das Transsexuellengesetz an die neueren medizinischen und gesellschaftlichen Entwicklungen angepasst und das gutachtliche Verfahren zum Nachweis vorliegender Transsexualität gestrafft werden.

Dass »etwas nicht stimmt«, spürte Zwölfer schon in der Kindheit. »Mit fünf Jahren habe ich meine Mutter gefragt, wann ich schwanger werden würde.« Ihre Antwort habe ihn als Jungen damals schon traurig gemacht. Das Gefühl, eigentlich ein anderer Mensch sein zu wollen, »habe ich jahrelang unterdrückt«, sagt sie.

Heute ist Dorothea Zwölfer froh und dankbar darüber, dass die bayerische Landeskirche weiter zu ihr steht. Denn beim Outing seiner Transsexualität wisse keiner, wie es weitergeht mit dem Partner, der Familie, Freunden oder der Arbeit. »Ich bin sehr glücklich, dass meine Frau und Familie zu mir hält.«

Aber auch Beschimpfungen habe sie erlebt, »weil ich meinen Körper angleichen lassen will«. So habe jemand sein Kind nicht von ihr taufen lassen wollen, weil sie mit ihrer Transsexualität kein Vorbild sein könne. »Das ist doch absurd«, kann sich Dorothea Zwölfer darüber durchaus ärgern. Auf die geschlechtsangleichende Operation muss sie noch warten. Mit sich selbst im Reinen stellt sie aber schon jetzt zufrieden fest: »Ich habe Freude am Leben, die ich bisher nicht kannte.«

 

  TV-TIPP: Im Bayerischen Rundfunk (BR) gibt es am 20.11. um 17 Uhr einen Beitrag über das Leben von Dorothea Zwölfer und ihrer Frau.

  MEHR ZUM THEMA: Pfarrerin Dorothea Zwölfer bloggt im Internet über ihre Transsexualität:  www.aufwind2012.wordpress.com

 

 

Dirk Johnen