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Dieser Artikel: Ausgabe 19/2015 vom 10.05.2015
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»Muttersein bedeutet große Einbußen«

Die evangelischen Frauenrechtlerinnen Isolde Heine-Wirkner und Andrea König über Frauen, die ihre Mutterschaft bereuen


Selten ruft eine Studie so heftige Reaktionen hervor: Eine israelische Befragung berichtet von Frauen, die ihre Mutterschaft bereuen. Wie kann es sein, dass manche Frauen ihre Kinder lieben und sich doch wünschen, sie niemals bekommen zu haben? Diese Frauen sind weder Rabenmütter noch gefühlskalt, davon sind Andrea König und Isolde Heine-Wirkner vom FrauenWerk Stein überzeugt.

Andrea König (39), Leiterin der Fachstelle für Frauenarbeit beim FrauenWerk Stein und Isolde Heine-Wirkner (63), Rechtsanwältin und geschäftsführender Vorstand.
Foto: Frauenwerk Stein / epd_by
   Andrea König (39), Leiterin der Fachstelle für Frauenarbeit beim FrauenWerk Stein und Isolde Heine-Wirkner (63), Rechtsanwältin und geschäftsführender Vorstand.

        

  Die 23 israelischen Studienteilnehmerinnen haben auf die Frage »Wenn Sie die Zeit zurückdrehen könnten, würden Sie mit dem Wissen von heute noch einmal Mutter werden wollen?« mit einem klaren »Nein« geantwortet. Ist dieses Ergebnis überhaupt auf andere Gesellschaften übertragbar? Oder sprechen wir gar über ein im Internet hochstilisiertes Randphänomen?

König: Die Studie war tiefgehend, ist aber schwer übertragbar, da die gesellschaftliche Erwartung an die Mutterrolle in Israel viel höher als bei uns ist. Trotzdem gibt es natürlich auch in Deutschland Frauen, die sich wünschen, sie wären nie Mutter geworden. Ich bewundere diese Frauen, die den Mut zu diesem Tabubruch hatten, und halte es für anmaßend, sich darüber kritisch zu äußern. Denn natürlich haben all diese Frauen gute Gründe, so zu empfinden. Meiner Ansicht nach hätte man die Fragestellung auf die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zuspitzen müssen. Ich bin überzeugt, dass keine Frau ihre Mutterschaft an sich bereut. Vielmehr sind es die nach wie vor schlechten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, die Mütter zu solchen Aussagen treiben.

  Viele Frauen hadern nach wie vor, fühlen sich mit der Zuständigkeit für Familie, Karriere und Freundeskreis überlastet. Aber ist es realistisch, anzunehmen, dass eine Frau deshalb ihr Mutterdasein hasst? Oder sprechen wir doch von einer Art genetischem Defekt?

Heine-Wirkner: Dieser Gedanke führt in eine falsche Richtung. Die Ablehnung der Mutterschaft hat nichts mit Genetik, sondern vielmehr mit tradierten Rollenbildern zu tun. Sobald das Baby geboren ist, bekommt man als Mutter einen Stempel aufgedrückt. Man muss ganz klar sagen, dass mit dem Muttersein große Einbußen verbunden sind. Die ganze Diskussion über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist doch eine hohle Scheindebatte. Es ist Fakt, dass Frauen nach wie vor selbst in gut situierten Familien alleinerziehend sind, sich um alles kümmern müssen, während der Mann Karriere macht. Ich muss sagen, ich bin ehrlich entsetzt, wie naiv und ahnungslos junge Frauen selbst heute noch in die Ehe gehen, um dann schließlich an der Erfüllung des klischeehaften Rollenbildes zu scheitern.

  Frauen würden ihre Mutterschaft also nicht ablehnen, wenn Politik und Gesellschaft Frauen und Männer gleich stellen würden, Frauen per Gesetz mehr Macht gäben?

König: Davon bin ich überzeugt. Ich bin sicher, dass Frauen in skandinavischen Ländern, in denen beide Elternteile gleichberechtigt für Familie und Beruf zuständig sind, sich nie derart äußern würden. Aber in Deutschland stellt die Mutterschaft leider noch immer einen Knick dar, den sich die emanzipierte Frau einfach nicht leisten kann. Ich sage es ganz klar, Mutterschaft ist ideologisch toll, bringt Frauen aber viele Nachteile. Dafür können die Frauen aber natürlich nichts.

  Es gibt sie aber doch durchaus, die erfüllte berufstätige Mutter, die es geschafft hat, sich gegen starre Strukturen zu wehren. Ist das stets heraufbeschworene Bild der gestressten, überforderten Frau nicht überstrapaziert?

König: Nein, gar nicht, und es ist auch kein Klischee. Wir beobachten bei unserer Arbeit täglich, dass Frauen im Alltag ganz unverschuldet in einen Kreislauf geraten. Man muss sich das wie eine Kette vorstellen. Frau und Mann planen einen Lebensentwurf, der freilich gleichberechtigte Partner vorsieht. Dann kommt das erste Kind, die Frau gibt nach und übernimmt die klassische Rolle, sie zieht die Kinder groß und verdient ein bisschen dazu.

Heine-Wirkner: Das frustriert die Frauen, die ihr Leben ja eigentlich ganz anders führen wollten. Schlussendlich wird die Mutterschaft in Frage gestellt. Mich erschreckt dieses gesamtgesellschaftliche Problem massiv. Ich hatte wirklich gedacht, wir wären schon einen Schritt weiter. Hätte Orna Donath die Studie mit Vätern gemacht, das Ergebnis wäre anders ausgefallen.

  Sie setzen sich täglich für Frauen ein. Wie könnte man überholte Strukturen aufbrechen?

König: Frauen müssen aus der Komfortzone heraus, sie müssen den Willen haben, füreinander zu kämpfen. Das kann aber nur gelingen, wenn Mütter auch Führungspositionen besetzen.

Heine-Wirkner: Ich denke auch, Frauen müssen selbst Druck aufbauen, sie müssen radikaler denken und werden. Männer werden von selbst nichts an der gesellschaftlichen Situation ändern. Es gibt sie ja leider immer noch, diese Väter, die es als Privileg empfinden und stolz darauf sind, wenn ihre Ehefrauen nicht arbeiten müssen.

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Fragen: Katrin Riesterer-Kreutzer

 


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abgerufen 31.07.2016 - 00:33 Uhr

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