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Sonntagsblatt 21/ vom

Im Bibelgürtel

Im Nachrichtenmagazin Spiegel werden konservative Christen diffamiert

Kommentar von Helmut Frank

Droht Deutschland ein Staatsstreich? Ziehen fanatische Christen - ähnlich den Kriegern des »Islamischen Staats« in Nahost - durch die Republik?

Diesen Eindruck muss man bekommen, wenn man die aktuelle Ausgabe des Spiegel in die Hand bekommt. »Konservative Christen erobern Deutschland«, wird auf der Titelseite gewarnt. In einem mehrseitigen Artikel wird dann versucht, den Nachweis für diese steile These zu bringen. Das dreiköpfige Reporterteam hat dafür eine Freikirche in Stuttgart-Feuerbach besucht, den Bremer Pastor Olaf Latzel noch einmal ausgegraben und eine Imagebroschüre der Evangelischen Allianz ausgewertet.

Für die Eroberungsthese reicht das nicht. Vieles ist an den Haaren herbeigezogen, überzeichnet, dramatisiert - oder schlichtweg falsch recherchiert.

»Evangelikale Christen erobern Deutschland«, behauptet der »Spiegel« in seiner aktuellen Ausgabe (Nr. 21 / 16.5.2015).
Foto: sob
   »Evangelikale Christen erobern Deutschland«, behauptet der »Spiegel« in seiner aktuellen Ausgabe (Nr. 21 / 16.5.2015).

        

Der Spiegel schließt von den evangelikalen Gemeinden in den USA in sehr willkürlicher Weise auf Evangelikale in Deutschland. Die Autoren machen - ohne große Kenntnis geschichtlicher Zusammenhänge - einen »Bibelgürtel« rings um Dresden aus, der an den »bible belt« in den südlichen USA erinnere. Da muss man eben wissen, dass es um Dresden Stammgegenden des Pietismus gibt, der sich seit dem 18. Jahrhundert in Deutschland ausgebreitet hat.

Auch die Behauptung, »für die Evangelische Kirche in Deutschland sind die evangelikalen Glaubensbrüder ein Ärgernis« ist Unsinn. Der Ratsvorsitzende der EKD, Heinrich Bedford-Strohm, hat gerade erst die Zusammenarbeit zwischen der EKD und den Evangelikalen gewürdigt. Und der Vorsitzende der Deutschen Evangelischen Allianz, Michael Diener, wurde soeben einstimmig in die EKD-Synode berufen.

Im Artikel des Spiegel werden außerdem Spitzenpolitiker wie Hermann Gröhe, Volker Kauder und Angela Merkel gebrandmarkt, weil sie an Veranstaltungen der Evangelikalen teilgenommen haben. Wäre eine entpolitisierte Abschottung konservativer Christen vielleicht besser?

Genauso absurd erscheint der Vorwurf an die Evangelikalen, sie würden in die politische Auseinandersetzung um den Bildungsplan in Baden-Württemberg eingreifen. Demonstrationen, Petitionen, Briefe an Politiker - alles verkehrt?

Man fragt sich, warum in den Medien immer wieder Beiträge mit dieser Stoßrichtung platziert werden, meist im Stil eines »Enthüllungsjournalismus«.

Erst kürzlich musste der BR-Rundfunkrat konservative Christen in Schutz nehmen. Eine Radiosendung des BR hatte in alarmistischem Ton vor konservativen Christen gewarnt unter dem Titel »APO von christlich-rechts? Wie sich unter dem Deckmantel der Kirchen eine wertkonservative und demokratiefeindliche Opposition zusammenfindet - und die Gesellschaft beeinflusst«. Mit bedrohlicher musikalischer Untermalung wurde eine Drohkulisse produziert. Bisher zündeten christliche Fundamentalisten allerdings nur »verbale Sprengsätze«, heißt es am Ende der Sendung.

Der Hörfunkausschuss attestierte den Machern des Beitrags »handwerkliche Fehler«. Die kann man auch dem Spiegel vorwerfen.

Sonntagsblatt-Chefredakteur Helmut Frank

 

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