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Dieser Artikel: Ausgabe 23/2015 vom 07.06.2015
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Neuer Sinn durch Begegnung mit Christus

Debatte ums Alte Testament: Darf die Tora als christliches Buch gelesen werden?


Unter evangelischen Theologen ist ein Streit entbrannt, der hohe Wellen schlägt: Gehört das Alte Testament zur verbindlichen Sammlung biblischer Schriften, die unaufgebbare Richtschnur für den christlichen Glauben sind? Nein, meint der Berliner Professor Notger Slenczka in einem Aufsatz von 2013. Erst im April 2015 reagierte der Koordinierungsrat der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit mit Kritik, ebenso zahlreiche Professoren-Kollegen Slenczkas. Auch der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm widersprach ihm. Im folgenden Text begründet Slenczka seine Meinung.

Triumphierende Ecclesia, blinde Synagoga? Mittelalterliche Allegorien der Kirche und des Judentums (Straßburger Münster).
Foto: Sodabottle/CC BY-SA-3.0
   Triumphierende Ecclesia, blinde Synagoga? Mittelalterliche Allegorien der Kirche und des Judentums (Straßburger Münster).

        

Ob man wissenschaftliche Debatten so darstellen kann, dass jeder versteht, worum es geht? Worum geht es in dem jüngsten Streit um das Alte Testament? Darum: Die christlichen Kirchen haben eine Sammlung »kanonischer« Schriften, unsere Bibel.

Das Wort »Kanon« und »kanonisch« hat zwei Bedeutungen: »Kanon« meint einerseits »die Bibel« als Sammlung normativer Schriften, »kanonisch« meint dann: »zur Bibel gehörig«. Zum anderen wird der Begriff »kanonisch« wörtlich verwendet: Etwas ist »kanonisch« im Sinne von »verbindlich«; »kanonisch« heißt dann dasselbe wie »normativ«.

Doch nicht alles, was in einer Sammlung von Normen, in einem »Kanon« steht, ist in gleicher Weise normativ oder kanonisch: Schon immer haben die Bergpredigt Jesu oder die Briefe des Paulus für evangelische Christen eine höhere normative Bedeutung als beispielsweise die Haustafeln im Epheserbrief -, ohne dass deshalb jemand auf die Idee käme, den Epheserbrief aus der Bibel auszuscheiden. Etwas kann im Kanon stehen, ohne dass es exakt so verbindlich (kanonisch) ist wie andere Teile des Kanons.

In der gegenwärtigen Debatte ist unstrittig, dass das Alte Testament Teil des Bibelkanons ist. Niemand will das Alte Testament »abschaffen« oder »verbannen«, wie das etwa im 2. Jahrhundert Markion wollte oder die rassistischen Positionen zur Zeit des »Dritten Reiches«, die das Alte und teilweise auch das Neue Testament als »jüdisches« Buch ablehnten. Das Alte Testament gehört zur Bibel; fraglich ist aber, welchen normativen Rang es im »Bibelkanon« hat.

Nun muss man zwei Fragen unterscheiden: Die erste ist die nach dem geschichtlichen Zusammenhang des Alten und des Neuen Testaments. Der besteht unstrittig, das Neue ist ohne das Alte Testament nicht denkbar. Aber kanonische Texte der Kirche werden auch gegenwärtig in der Kirche gelesen und ausgelegt, weil wir davon ausgehen, dass diese Texte die gegenwärtige Gemeinde ansprechen.

In welchem Sinn sollen sich Christen auf das Alte Testament beziehen?

Schleiermacher, Harnack und auf andere Weise Bultmann, auf die ich mich in meinem Aufsatz bezogen habe, haben eine letztlich sehr einfache Frage gestellt: An wen richten sich die alttestamentlichen Texte? Sprechen sie zu uns? Natürlich sprechen die alttestamentlichen Texte zur Kirche, hätten die Theologen bis zur Reformationszeit und darüber hinaus geantwortet, weil sie Jesus Christus verkündigen und das Israel des Alten Testaments in der Kirche seine Fortsetzung findet. Das Alte Testament ist - direkt oder indirekt - Verkündigung Christi, und es spricht zur Kirche, weil Israel die Vorgeschichte der Kirche ist - so meinte die kirchliche Tradition bis ins 20. Jahrhundert hinein.

Schleiermacher, Harnack und auf seine Weise Bultmann haben dies bestritten. Sie fragen, in welches Verhältnis sich nach dem Zeugnis des Neuen Testaments die Person Jesu zum Alten Testament und zum Judentum seiner Zeit stellt, und sie sagen: In Jesus von Nazareth wird ein Zug, der im Alten Testament angelegt ist, zur Vollendung gebracht. Die Einsicht, dass Gottes Liebe bedingungslos ist und jede menschliche Grenze, auch die Grenze zwischen dem erwählten Volk und den übrigen Völkern, überschreitet.

Das Alte Testament hingegen, so die genannten Theologen, handelt überwiegend von Gottes Zuwendung zum Volk Israel, mit dem wir Heidenchristen nicht identisch sind; in diesem Sinne ist es Ausdruck einer »partikularen« Religion. Dieser Gegensatz von »universal« (Neues Testament/Christentum) und »partikular« (Altes Testament/Judentum) klingt abwertend oder wie ein christlicher Überbietungsanspruch. Aber die Rede von der Partikularität der Zuwendung Gottes zu diesem bestimmten Volk im Alten Testament wird auch gerade im christlich-jüdischen Dialog hervorgehoben: Gott liebt genau dieses Volk Israel, das heutige Judentum, in besonderer Weise, und nur durch dieses Volk die Welt.

Notger Slenczka ist Professor für Systematische Theologie und Dogmatik an der Humboldt-Universität zu Berlin.
Foto: privat
   Notger Slenczka ist Professor für Systematische Theologie und Dogmatik an der Humboldt-Universität zu Berlin.

        

Wenn aber nun das Alte Testament zunächst einmal die Selbstzusage Gottes an Israel beziehungsweise an das heutige Judentum ist, dann ist, so hat Bultmann gesagt, das Alte Testament, als Anrede betrachtet, Evangelium, frohe Botschaft für das Judentum - und erst einmal nicht für die Heidenchristen.

Wie gehen dann aber wir Heidenchristen mit dem Alten Testament um? Teilen wir in den protestantischen Kirchen der Gegenwart die These der langen Tradition, die das Israel im Alten Testament mit der Kirche identifizierte: Verkündigt das Alte Testament tatsächlich der Kirche das Evangelium von Jesus Christus?

Eine historische Auskunft über den ursprünglichen Sinn der Texte ist das nicht; daher gibt es in der alttestamentlichen Forschung eine schon sehr lange andauernde Debatte darüber, ob und in welchem Sinne das Alte Testament als christliches Buch gelten kann.

Im christlich-jüdischen Dialog stellt die gegenwärtige Kirche fest, dass der Partner des Bundes, von dem die alttestamentliche Tradition berichtet, und damit die Adressaten dieser Texte in Gestalt des Judentums vor uns stehen. Also stellt sich auch hier die Frage: Verkündigt das Alte Testament dem Judentum Jesus von Nazareth als den Messias? Eine solche These würde heute als antijudaistisch bezeichnet.

Dann aber entsteht die Aufgabe, genau zu sagen, in welchem Sinne wir uns als Christen auf das Alte Testament beziehen. Wenn wir zu dem Ergebnis kommen, dass das Alte Testament Zeugnis des Glaubens Israels ist und in erster Linie zum heutigen Judentum spricht, also nicht Christus verkündigt, dann kann es in der Kirche nicht in demselben Sinne normativ sein wie die Schriften des Neuen Testaments, denn dort ist »Jesus Christus … das eine Wort Gottes, das wir zu hören … haben« (Barmer Theologische Erklärung, These 1).

Ich würde vorschlagen, das Alte Testament als vorchristliches Buch zu verstehen, das von den ersten Jüngern Jesu und von den ersten Gemeinden als Zeugnis ihrer Gotteserfahrung vor der Begegnung mit Christus vorausgesetzt wird. In den Schriften des Neuen Testaments hingegen sehen wir, wie dieses Zeugnis des vorchristlichen Glaubens an Gott neu bestimmt wird und durch die Begegnung mit Christus einen neuen Sinn gewinnt: Der Sinn der Welt ist Jesus Christus ( Johannes 1, 1-14;  Kolosser 1, 16f.); der Gekreuzigte ist der Gottessohn ( Markus 15, 34) und der »Herr«, der Träger des Gottesnamens, von dem das Alte Testament spricht ( Philipper 2, 11). Das vorchristliche Selbst-, Welt- und Gottesverständnis, das wir im Alten Testament vor uns haben, wird radikal neubestimmt.

Auch wir Christen haben ein vorchristliches Wirklichkeitsverständnis; dabei kann auch das Alte Testament eine Hilfe sein, weil es Worte für die vorchristliche Gotteserfahrung an die Hand gibt.

In der Begegnung mit Christus in der Predigt des Neuen Testaments widerfährt uns dann aber eine ähnliche Neubestimmung wie den ersten Jüngern und Gemeinden: Das Alte wird ganz neu.

Damit finden wir im biblischen Kanon im Verhältnis von Altem und Neuem Testament die Bewegung wieder, die sich in unser aller Leben vollzieht, wenn uns in unserer vorchristlich von Gott bestimmten Existenz das Evangelium von Jesus Christus ergreift. Darum gehört das Alte Testament in den Kanon - aber als Zeugnis der vorchristlichen Gotteserfahrung, die durch das Wort von Jesus Christus, das wir im Neuen Testament hören, neu bestimmt wird.

 

  Notger Slenczka ist Professor für Systematische Theologie und Dogmatik an der Humboldt-Universität zu Berlin.

  IN DER NÄCHSTEN AUSGABE des Sonntagsblattes lesen Sie eine Entgegnung von Jens Schröter, Theologieprofessor für Neues Testament an der Humboldt-Universität Berlin.

DEBATTE

Neuer Sinn durch Begegnung mit Christus. Debatte ums Alte Testament (I): Darf die Tora als christliches Buch gelesen werden? Von Notger Slenczka. » lesen!

Im Horizont der Schriften Israels. Debatte ums Alte Testament (II): Die Bibel ist die Grundlage von Theologie und Kirche. Von Jens Schröter. » lesen!

 

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Notger Slenczka

 


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abgerufen 09.12.2016 - 18:24 Uhr

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