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Sonntagsblatt 23/ vom

Tweets aus der Vergangenheit

»Was andere dürfen, interessiert mich nicht!« - Twitterer erinnern sich an die Elternsprüche ihrer Kindheit


Auch TV-Enfant-Terrible Jan Böhmermann macht mit: Unter dem Hashtag #spruchausderkindheit twittern Menschen Sprüche, die sie von ihren Eltern gehört haben. Man könnte meinen, sie seien so verschieden, wie die Familien es sind. Aber viele Sprüche ähneln sich.

»Dreck macht Speck«: Viele Eltern- und Großelternsprüche ähneln sich in einer Generation.
Foto: yevgeniy11/fotolia, PD; Montage: sob
   »Dreck macht Speck«: Viele Eltern- und Großelternsprüche ähneln sich in einer Generation.

        

»Die Kinder in Afrika wären froh, wenn sie das zu essen hätten«, »Wieso willst du telefonieren? Ihr habt euch doch den ganzen Tag in der Schule gesehen!« Viele kennen solche Sprüche aus der Kindheit. Manche sind mit einem Augenzwinkern formuliert, manche auch deutliche Mahnungen: »Solange du deine Füße unter meinen Tisch stellst ...« Seit Pfingsten beteiligen sich unzählige Twitterer an dem Hashtag  #spruchausderkindheit. Auch Prominente wie Fernsehmoderator Jan Böhmermann machen mit.

Unter dem Schlagwort twittern Menschen über die Aufforderungen, Mahnungen und Kommentare, die sie von ihren Eltern und Erziehungsberechtigten als Kinder jahrelang gehört haben. Zu den Favoriten gehören Sprüche wie »Hauptsache, das Herzerl bleibt sauber, alles andere kann man waschen« ( @JuliaSinglesias), »Warte nur, bis dein Vater heimkommt und das sieht!« ( @derLehnsherr), »Was andere Kinder dürfen und haben interessiert mich nicht!« ( @Pfaelzerin96) oder »Wenn du dein Zimmer nicht aufräumst, dann hole ich einen blauen Sack und schmeiße alles weg!« ( @Janina_86).

Viele Sprüche gleichen oder ähneln einander - das fiel auch dem Twitterer » Lukelster« auf: »Hatten wir alle die gleichen Eltern, oder gab es einen Ratgeber ›100 Sprüche zur Erziehung Ihres Kindes‹?«

»Die Sprüche sind Ausdruck gesellschaftlicher Verhältnisse und deshalb stark zeitabhängig«, sagt Peter Schlobinski, Professor für Germanistische Linguistik an der Leibniz Universität Hannover und Vorsitzender der Gesellschaft für deutsche Sprache. »Die Sprüche dienen dazu, Orientierung im Leben zu geben.«

Auch der Initiatorin des Hashtags, Daniela Hofmann aus Frankfurt, haben sie einst Orientierung gegeben. Hofmann twittert unter dem Namen »Wilde Hilde«. Auf den Hashtag  #spruchausderkindheit sei sie eher zufällig gekommen. Am Pfingstmontag, 25. Mai, um 16.46 Uhr setzte sie den ersten ab: »Du bist zu Hause, wenn es dunkel wird.« Dieser Spruch war ihr besonders in Erinnerung geblieben, hatte sie als Kind doch keine Uhr, und der Hinweis auf den Einbruch der Dunkelheit war eine wichtige Orientierung.

Hofmann ist in einem sogenannten Problemviertel groß geworden, in Dietzenbach bei Offenbach. Ihre Mutter hat vier Kinder »durchboxen« müssen und ihnen klare Regeln gesetzt. Die Sprüche aus der Kindheit seien für sie und ihre Geschwister Regelwerk gewesen. »Klar waren wir alle genervt von den Sprüchen, im Nachhinein waren die aber nicht verkehrt.«

Manche Sprüche auf Twitter seien offenbar familienspezifisch, aber viele ähnelten sich, sagt der Linguist Schlobinski. »Mach die Augen zu, dann siehst du, was deins ist«, schreibt zum Beispiel »Coco Catastrophe«.

Mehrere Nutzer erinnern sich an die Mahnung, nicht zu viel Fernsehen zu schauen: »Schau nicht so viel fern, sonst bekommst du viereckige Augen.« Sprüche seien oft prägnante Bilder, deshalb seien sie so einprägsam, so Schlobinski.

 

 

Elisa Makowski / Matthias Klein