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Sonntagsblatt 28/ vom

Konzentrationslager als Spielplätze

Google-Tochter entschuldigt sich für »Ingress«-Fauxpas


Auschwitz, Dachau, Sachsenhausen: Bei dem Smartphone-Spiel »Ingress« einer Google-Tochterfirma wurden ehemalige Konzentrationslager in das Gewaltspiel miteinbezogen.

Im Hintergrund der Wachturm des ehemaligen KZ Dachau. Das Smartphone-Spiel der Google-Tochterfirma »Niantic Labs«, das reale Orte in eine virtuelle Welt integriert, benutzte unter anderem etliche Aufnahmen ehemaliger Konzentrationslager
Foto: Screenshot/YouTube, PD; Fotomontage: sob
   Im Hintergrund der Wachturm des ehemaligen KZ Dachau. Das Smartphone-Spiel der Google-Tochterfirma »Niantic Labs«, das reale Orte in eine virtuelle Welt integriert, benutzte unter anderem etliche Aufnahmen ehemaliger Konzentrationslager.

        

Der Gründer der Google-Tochter Niantic Labs, John Hanke, hat sich für das Handy-Spiel »Ingress« entschuldigt. In das Spiel waren die Stätten ehemaliger Konzentrationslager einbezogen worden. Nachdem man erfahren habe, dass sogenannte »historische Marken« auf dem Gelände unter anderem von Auschwitz, Oranienburg oder Dachau gesetzt worden seien, »haben wir erkannt, dass dies unseren Richtlinien widerspricht«, heißt es in einer Stellungnahme Hankes. Man habe begonnen, solche Plätze herauszunehmen. »Wir entschuldigen uns dafür, dass dies passiert ist.«

»Unerträgliche Verharmlosung«

Die Leiterin der KZ-Gedenkstätte Dachau, Gabriele Hammermann, kritisierte das Spiel als »unerträgliche Verharmlosung der Geschichte«. Das Spiel mischt Realität und Fiktion und nutzt dabei KZ-Gedenkstätten in Deutschland, Österreich und Polen als Spielfelder: Diese Orte, sogenannte Portale, müssen erobert und zerstört werden.

Das Spiel betreibe eine Tilgung und Überformung der an diesen Orten repräsentierten Geschichte, kritisierte Hammermann. Die KZ-Gedenkstätte sei für die Überlebenden und ihre Angehörigen ein Ort der Trauer. Diesen Aspekt negiere das Spiel ebenso wie eine Auseinandersetzung mit der Geschichte. »Die Überlebenden haben ohnehin Angst, dass die Geschichte in Vergessenheit gerät«, sagte Hammermann. Diese Befürchtung werde von Spielen dieser Art bestätigt.

Beim Spiel »Ingress« der Google-Tochterfirma Niantic Labs müssen die Spieler eine weltweite Schlacht um die Menschheit gewinnen. Mit ihrem Smartphone suchen die Spieler per GPS markierte Orte und führen dort Spielaktionen durch. Die Orte werden wiederum von den Spielern vorgeschlagen. Etliche Bilder entstanden in der KZ-Gedenkstätte Dachau, erklärte Hammermann.

Nach einem Bericht des Magazins der Wochenzeitung Zeit über das Spiel wurde inzwischen ein »Großteil« der markierten Spielstationen aus ehemaligen Konzentrationslagern wie Dachau, Sachsenhausen, Buchenwald und Mittelbau-Dora entfernt. Allerdings sei die Löschaktion unvollständig geblieben, schreibt das Zeit-Magazin in seiner aktuellen Ausgabe. So könnten weniger bekannte Konzentrationslager wie Oranienburg und Osthofen immer noch für »Ingress« benutzt werden. Auch die Vernichtungslager Auschwitz und Auschwitz-Birkenau stünden weiter auf dem Spielplan.

KZ-Gedenkstättenleiterin Hammermann zufolge sind auch nicht alle Orte gelöscht worden, die mit der KZ-Gedenkstätte Dachau in Verbindung stehen. Dazu gehört der Ehrenfriedhof Leitenberg, auf dem über 7400 Häftlinge des Konzentrationslagers bestattet sind, und der Gedenkort »ehemaliger SS-Schießplatz Herbertshausen«, an dem die SS in den Jahren 1941/1942 über 4000 sowjetische Kriegsgefangene hingerichtet hat.

Ob die KZ-Gedenkstätte die Nutzung von Fotos für ein solches Computerspiel verhindern kann, werde von einem Medienanwalt überprüft, sagte Hammermann. Grundsätzlich sei die Nutzung von »Augmented Reality« durchaus denkbar für die Gedenkstättenarbeit. So könne damit die Geschichte vor allem für junge Menschen erlebbar gemacht werden. Doch dürften die historisch hochsensiblen Orte nicht für ein Spiel wie »Ingress« missbraucht werden.

Der Präsident des Comité International de Dachau, des Verbands der Überlebenden des Konzentrationslagers Dachau und ihrer Nachkommen, Jean-Michel Thomas, forderte ein »Verbot dieser Schändung«. Thomas ist Sohn des heute 95-jährigen Dachau-Überlebenden Jean Thomas, der 1944 als Angehöriger des französischen Widerstands per Zug von Paris nach Dachau transportiert wurde.

 

  Internet:  www.ingress.com. Das Spiel im  Apple App Store und auf  Google Play

 

 

Rieke C. Harmsen