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Sonntagsblatt 31/ vom

Wasser für die dürren Gebiete

SERIE Kreative Gemeinde (78): Die Bewegung »fresh expressions« sucht auch in Bayern nach neuen Ausdrucksformen von Kirche

Von Michael Wolf

Wie können Menschen für den christlichen Glauben begeistert werden, die bisher noch keinen Kontakt zu einer Gemeinde haben? Die Bewegung »fresh expressions of church« (frische Ausdrucksformen von Kirche) versucht neue Wege - seit einiger Zeit auch in Bayern.

Kirche im Neuland: Die Bewegung »fresh expressions« sucht auch in Bayern nach neuen Ausdrucksformen von Kirche.
Foto: 123rf / otnaydur
   Kirche im Neuland: Die Bewegung »fresh expressions« sucht auch in Bayern nach neuen Ausdrucksformen von Kirche.

        

In der Nürnberger Weißgerbergasse pulsiert normalerweise das Nachtleben in Kneipen und Bars. An einem Mittwochabend im Juli strömen Menschen in eine Hip-Hop-Bar, die dort sonst nicht regelmäßig anzutreffen sind: Es sind Ehrenamtliche und Hauptberufliche aus verschiedenen Kirchen und Gemeinden in Nürnberg und Umgebung, die zu einem Infoabend zu »fresh expressions of church« (Fresh X) zusammenkommen.

Warum in einer Hip-Hop-Bar statt in den Räumen eines Gemeindehauses?

Weil »Inkulturation« ein zentrales Thema von Fresh X ist: Grenzen überschreiten, neue Wege gehen, die Milieus und die Kultur der Menschen ernst nehmen, die man erreichen möchte - da können auch andere Räumlichkeiten inspirierend wirken.

Und so entwickelt sich an diesem Abend in der »old'n' dirty soundbar« eine ganz eigene Atmosphäre: Bei schummrigem Licht und gesprayten Wänden sitzen die Besucher an der Bar oder auf Sofas, haben ein Bier in der Hand und kommen so in verschiedenen Nischen der Bar miteinander ins Gespräch.

Wie können kirchenferne Menschen erreicht werden? Für Fresh-X gibt es kein fertiges Konzept.
Foto: Angelika Kamlage
   Wie können kirchenferne Menschen erreicht werden? Für Fresh-X gibt es kein fertiges Konzept.

        

Beim Infoabend wurde über Fresh X informiert und eingeladen zu einem Kurs, der ab September für Nürnberg und Umgebung angeboten wird. An sieben Abenden, zwei Kurssamstagen und einem Wochenende sind Ehrenamtliche und Hauptberufliche eingeladen, den Grundlagen von Fresh X auf den Grund zu gehen und gemeinsam zu überlegen, was das für die Praxis heißt.

Die 24-jährige Hannah sagt nach dem Infoabend: »Mir ist Kirche wichtig, aber ich merke, wie viele meiner Freunde überhaupt keinen Zugang zu Kirche oder Glaube haben.« Das liegt ihrer Erfahrung auch daran, »dass Christen immer meinen, sie wüssten alle Antworten, dabei kennen sie die Fragen der Menschen gar nicht«. Für viele ihrer Freunde wäre es »ein absoluter Kulturschock«, wenn sie in einen ganz normalen Sonntagsgottesdienst geraten würden. An Fresh X findet Hannah faszinierend, »dass man die Menschen ernst nimmt, ihnen zuhört und dass sich dann etwas entwickeln kann, was zu ihnen passt«.

Den Kurs in Nürnberg unterstützen neben dem Amt für Gemeindedienst Nürnberg auch die Evangelische Jugend Nürnberg, der Lorenzer Laden, die Evangelische Studierendengemeinde, der CVJM Kornmarkt, das Amt für Jugendarbeit und die Jesus Freaks Nürnberg.

Eine Fresh X entsteht dort, wo Menschen

  auf Gott hören

  sich der Lebenswelt anderer zuwenden

  ihnen liebevoll dienen

  das Evangelium verkörpern

  andere in die Nachfolge Jesu führen

Zur Fresh-X-Bewegung gehört die Vision einer »Kirche in doppelter Gestalt«: Die neuen Ausdrucksformen von Gemeinde machen den christlichen Glauben bedeutsam für den Alltag von Menschen, die bisher der Kirche eher kritisch gegenüberstanden. Damit ergänzen Fresh Xdie bestehenden Ortsgemeinden, können und wollen sie aber nicht ersetzen.

Dieses Miteinander von traditionellen und alternativen Gemeindeformen wird in England als »mixed economy« bezeichnet. Am besten kann man diesen Ausdruck mit dem Bild einer Seen-Fluss-Landschaft beschreiben: Ortsgemeinden gleichen Seen. Sie sind tief, beständig, in sich ruhend, mit vielen Ressourcen - auch unter der Oberfläche. Sie »bewässern« alles, was nahe ist, und um diese Seen herum grünt es.

Entfernt man sich jedoch weiter von den Seen, so fehlt das »Wasser des Lebens«, man begibt sich in dürre Gebiete. Damit diese geistlich ausgetrockneten Gebiete aber blühen können, muss auch hier neu das »Wasser des Lebens« fließen. Bäche und kleine Flüsse (Fresh X)können es dorthin tragen, indem sie sich ihren Weg durch das Gelände suchen. Fresh X »grünen« entlang von Beziehungsnetzwerken, docken an Alltags- und Freizeitorten an.

Fresh-X-Treffen in der Nürnberger »old`n dirty soundbar«.
Foto: Daniela Mailänder
   Fresh-X-Treffen in der Nürnberger »old`n dirty soundbar«.

        

Um nachhaltig bestehen zu können, brauchen diese kleinen Flüsse das große Reservoir der Seen. Die Seen wiederum brauchen Abflüsse und Zuflüsse, sonst versumpfen und verlanden sie. Ortsgemeinden und Fresh X sind zwar sehr verschieden (wie Bodensee und Rhein), gehören aber trotzdem zum gleichen Ökosystem und helfen einander in ihren je spezifischen Aufgaben und Herausforderungen.

Die Vision einer Kirche in doppelter Gestalt macht deutlich: Ortsgemeinden und Fresh X sind keine Konkurrenten, sondern verschiedene Ausdrucksformen, durch die das eine Reich Gottes im heutigen Leben Gestalt gewinnen will.

Daniela Mailänder, Referentin der Evangelischen Jugend Nürnberg, ist mit einem Stellenanteil für das Fresh-X-Netzwerk Deutschland aktiv. Sie sieht in Fresh X keine neue Form von Jugendarbeit, auch kein neues Veranstaltungsmodell einer Kirchengemeinde. »Es ist ein ganz neuer Ansatz in einer sich verändernden Gesellschaft.« Sie sieht darin die Chance, mit den unterschiedlichsten Menschen an der missio Dei - der Mission Gottes - beteiligt zu sein. »Fresh X hilft dabei.«

Bereits im November 2014 gab es auf Einladung des Amts für Gemeindedienst in Nürnberg ein Netzwerktreffen »Fresh X in Bayern«. Über 30 Personen kamen dabei zusammen. Es ging um eine erste Annäherung an das Thema, Erfahrungsaustausch und Überlegungen, wie man den Gedanken weitertragen kann. Das Spannende an Fresh X ist, dass es kein fertiges Konzept gibt, sondern dass man gut in den Alltag der Menschen hineinhören muss, um dann offen dafür zu sein, was durch Beziehungen und Gespräche über den Glauben entsteht.

Michael Wolf ist im Nürnberger Amt für Gemeindedienst für missionarische Projekte zuständig.

 

   MICHAEL WOLF ist im Nürnberger Amt für Gemeindedienst für missionarische Projekte zuständig Kontakt:  michael.wolf@afg-elkb.de

        

Fresh-X-Logo.

  »fresh expressions of church« - ein englischer Begriff, der in Deutschland im Moment in evangelischen, freikirchlichen, aber auch in katholischen Kirchen intensiv diskutiert wird, - übersetzt heißt es: frische Ausdrucksformen von Kirche.

  Es ist ein Modell, das aus der eher liturgisch geprägten anglikanischen Kirche kommt und unter dessen Überschrift dort in den letzten zehn Jahren über 3500 neue Gruppen oder Gemeinschaften entstanden sind.

   Die grundlegenden Fragen von Fresh X sind: Kann die Kirche neu Gestalt gewinnen für Menschen, die bisher noch keinen Kontakt zu einer Gemeinde haben? Wie drückt sich christlicher Glaube in verschiedenen Milieus aus? Zu den Grundlagen von Fresh X
gehört es, dass Kirche nicht mehr nur Angebote präsentiert und wartet, bis Menschen kommen, sondern dass Christen hinausgehen zu den Menschen. Das erste Ziel dabei ist nicht, die Angesprochenen in die bestehenden Gemeinden zu holen, sondern zunächst Beziehungen aufzubauen, zu hören, zu dienen und zu schauen, ob sich an diesem Ort oder in jenem Milieu eine neue Form von Gemeinde entwickelt.

   Das Konzept Fresh X steht für überraschende und neue Formen von Kirche: Jugendgemeinden, Café-Kirchen, Gemeindeinitiativen in sozialen Brennpunkten, eine Nagelstudio-Kirche und vieles mehr.

   Auf deutscher Ebene gibt es einen Runden Tisch Fresh X, zu ihm gehören mittlerweile schon sechs evangelische Landeskirchen, die methodistische Kirche und einzelne Bistümer der katholischen Kirche, z.B. das Bistum Hildesheim. Verschiedene Kirchen und kirchliche Gruppen machen sich gemeinsam auf den Weg und versuchen die Bewegung der Kirchen von England »ins Deutsche« zu übersetzen. In Bayern ist die Koordination von fresh expressions an das Amt für Gemeindedienst in Nürnberg angedockt, im Münchner Landeskirchenamt setzt sich Gemeindeaufbau-Referent Jörg Hammerbacher für Fresh X ein.

 

  Weitere Infos:  www.freshexpressions.de