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Dieser Artikel: Ausgabe 38/2015 vom 20.09.2015
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Vier Porträts (II): Der Großstadtpfarrer

»Eine asynchrone Gesellschaft lässt sich schlecht begleiten«


Thomas Grieshammer macht in seiner Nürnberger Gemeinde St. Leonhard nur noch selten Besuche bei Gemeindemitgliedern. In vielen Dörfern wäre es ein Affront, wenn der Pfarrer nicht zum Geburtstagskaffee erscheint, »in der Stadt wird das nicht erwartet«, erklärt der 59-jährige evangelische Seelsorger. Grieshammer ist seit 22 Jahren in der Großstadt und stellt immer deutlicher fest, »in der Stadt hat der Pfarrer keinen sozialen Status mehr«.

Der Großstadtpfarrer: Thomas Grieshammer ist Pfarrer in der Nürnberger Gemeinde St. Leonhard.
Foto: epd-by
   Der Großstadtpfarrer: Thomas Grieshammer ist Pfarrer in der Nürnberger Gemeinde St. Leonhard.

        

In der Großstadt leben die Menschen nicht mehr im Rhythmus des Kirchenjahrs oder des Schuljahr, stellt der Nürnberger Pfarrer Thomas Grieshammer fest. »Eine asynchrone Gesellschaft ist schwer zu begleiten«, sagt er. »Was soll man gemeinsam feiern, wenn man nicht mehr gemeinsam lebt?«

7400 Protestanten gehören zur evangelischen Gemeinde St. Leonhard im Stadtteil Schweinau. Sie wohnen in 5200 Haushalten. Allein in ihrer Wohnung leben also 70 Prozent der Gemeindemitglieder, für die zwei Pfarrer und der Dekan mit einem Drittel seiner Stelle zuständig sind. Dass die Pfarrer den persönlichen Kontakt mit ihren Schäfchen suchen, ist nicht mehr möglich und nicht gewollt.

Pfarrer sein, das ist für Grieshammer »ein Lebensstil« gewesen. In seinem Beruf habe er nicht wirklich zwischen Arbeit und Freizeit unterschieden. »Man kann doch nicht stundenweise aufrechnen, was wir tun«, die Qualität der Arbeit des Pfarrers könne man ohnehin nicht messen, sagt er. Dennoch findet er Gutes daran, dass eine neue Dienstordnung nun eine Regelarbeitszeit für Pfarrer von 48 Stunden beziffert.

Diese Stundenzahl sei eine Hilfe, »darf aber kein Korsett sein«, sagt Grieshammer. Mit einer Aufstellung der Zeit, könne kann besser planen, welche Schwerpunkte gesetzt werden müssen, wo mehr Personal nötig ist. Und die Pfarrer können besser auf ihre Gesundheit und das Wohl der Familie achten.

Der Lebensstil-Seelsorger kollidiert heute mit dem Anspruch der Gesellschaft, dass der Pfarrer oder die Pfarrerin ein Dienstleister sein muss, stellt Grieshammer fest. Er müsse Trauungen, Taufen und Beerdigungen und die Gottesdienste sozusagen »im Angebot haben« und dies »soll die Kirche gescheit machen«, werde erwartet.

Dienstleister ist Grieshammer aber auch als erster Pfarrer der Gemeinde. Die Aufgaben, die er da als Geschäftsführer hat, haben nichts mit dem zu tun, was er im Theologiestudium gelernt hat: 80 hauptamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, zum größten Teil in den Kindertageseinrichtungen, wollen korrekte Arbeitsverträge, der Friedhofsgärtner will wissen, welche Sicherheitsbestimmungen einzuhalten sind und manchmal ist eine neue EDV-Anlage nötig: All das landet auf Grieshammers Schreibtisch, ebenso wie die Hygienevorschriften für die Ehrenamtlichen beim Kirchweihfest und natürlich der Haushaltsplan.

Mit dem Vorteil des sicheren monatlichen Gehalts eines Pfarrers im Rücken fühle er sich »wie ein freier Unternehmer, der den Gemeindebetrieb erwirtschaften muss«, erklärt Grieshammer. Das »Kopfgeld«, das die Landeskirche den Gemeinden zuweise, reiche jedenfalls für den Betrieb nicht. Anderweitige Einkünfte und Spenden müssen hereingeholt werden.

Dass sich Pfarrer in einem veränderten Berufsumfeld nicht mehr mit solchen Verwaltungsaufgaben befassen müssen, sondern sie Profis überlassen, damit sich Pfarrer wieder ganz der Seelsorge und ihrer Predigt widmen können - das ist Grieshammers Traum.

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Jutta Olschewski

 


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abgerufen 29.08.2016 - 23:30 Uhr

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