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Sonntagsblatt 38/ vom

Die Stärke des Christentums

Margot Käßmanns Lächeln und ihr falsches Rezept

Kommentar von Helmut Frank

Als Angela Merkel vergangene Woche an der Universität Bern die Ehrendoktorwürde verliehen wurde, stellte sie sich anschließend den Fragen der Studierenden. Wie man Europa und die westliche Kultur vor einer fortschreitenden Islamisierung schützen könne, wollte eine junge Frau wissen.

Merkels Antwort war klug und zugleich Balsam für christliche Seelen: »Haben wir doch auch den Mut zu sagen, dass wir Christen sind! Wir haben alle Chancen und Freiheiten, uns zu unserer eigenen Religion zu bekennen.« Dazu gehöre es, die biblischen Inhalte zu kennen und hin und wieder einen Gottesdienst zu besuchen.

Merkel stellte klar: Anstatt andere für den Niedergang der christlichen Prägung in Europa verantwortlich zu machen, sollten sich viel mehr Menschen intensiver mit der eigenen Tradition befassen.

Margot Käßmann, EKD-Botschafterin, nutzte Merkels Steilvorlage: »Ich muss bei den besorgten Mitbürgern immer ein wenig lächeln«, sagte sie der Hamburger Morgenpost. »Ich sage denen gern: Gehen Sie sonntags in die Kirchen, dann müssen Sie keine Angst vor vollen Moscheen haben.« In der Talkshow Hart aber fair legte Käßmann noch einmal nach. Wer »Angst vor vollen Moscheen habe«, müsse eben »für volle Kirchen« sorgen.

Für die christlichen Kriegsflüchtlinge aus Syrien und dem Irak müssen Käßmanns Worte wie Hohn klingen. Sie traten für ihren Glauben ein, bekannten sich zu Jesus und besuchten jeden Gottesdienst. Die Kirchen in Mossul waren voll. Aber als Christen war für sie in ihrem Land kein Platz mehr.

Auch auf Deutschland bezogen sorgt Käßmanns Argumentation für Unbehagen. Volle Kirchen gegen volle Moscheen? Das riecht nach Kulturkampf. Ganz sicher taugt das Christentum nicht dazu, sich mit Stärke und Macht durchzusetzen. Die Schwäche des Christentums ist sein Hang zum Säkularen - und das ist gleichzeitig auch seine Stärke. Das Christentum sollte eher Religionsfreiheit garantieren, als in einen Wettbewerb einzutreten, welche Gotteshäuser voller, welche Glaubensvertreter eifriger und glaubensfester sind.

Dem türkischstämmigen Grünen-Vorsitzenden Cem Özdemir liegt die Religionsfreiheit am Herzen. »Wir sind das Land des Grundgesetzes«, betonte er. »Hier gilt Gleichberechtigung von Mann und Frau und hier gilt Religionsfreiheit.« Das bedeute »auch die Freiheit, auf Religion in seinem Leben zu verzichten oder sie zeitgemäß auszulegen«.

Herkunft, Ethnie, Religion sind für jeden Menschen wichtig. Aber wer in die Bundesrepublik eintritt, so Özdemir, der muss verstehen, dass diese Identitätsmerkmale dann an die zweite Stelle rücken.

 

Sonntagsblatt-Chefredakteur Helmut Frank

 

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