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Dieser Artikel: Ausgabe 38/2015 vom 20.09.2015
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Am Anfang war das Wort

Personen der Bibel (38): Der Evangelist Johannes - Er zeigte einen anderen Jesus als die Synoptiker


Das Johannesevangelium führt seinen Lesern die Göttlichkeit Jesu auf besonders eindringliche Weise vor Augen. Zugleich wirft es Fragen auf, auf die Exegeten bis heute keine eindeutigen Antworten gefunden haben. Eine der wichtigsten Fragen lautet: Wer war überhaupt der Verfasser?

Der Evangelist mit dem Attribut des Adlers verfasst auf Patmos die Offenbarung des Johannes; aus dem Stundenbuch des Herzogs von Berry, 1416.
Foto: PD
   Der Evangelist mit dem Attribut des Adlers verfasst auf Patmos die Offenbarung des Johannes; aus dem Stundenbuch des Herzogs von Berry, 1416.

        

»Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. […] Und das Wort ward Fleisch« ( Johannes 1, 1.14) - Jesus als fleischgewordenes Wort Gottes. Wer schreibt einen Text, der mit solch gewaltigen Worten beginnt? War es der Lieblingsjünger Jesu, wie es der Nachtrag am Ende des Johannesevangeliums nahelegt? Oder arbeiteten sogar mehrere Verfasser an diesem Text, der sich formal und inhaltlich so sehr von den anderen drei Evangelien unterscheidet?

Mehrfach ist im Johannesevangelium die Rede von einem Jünger, »den Jesus lieb hatte« ( Johannes 13, 23). Sein Name wird nicht genannt. Doch schon kurz nach der Entstehung des Texts meinte man, in diesem »Lieblingsjünger« Johannes, den Sohn des Zebedäus, zu erkennen, der zum engsten Jüngerkreis Jesu gehört hatte.

Im zweiten Jahrhundert nach Christus berichtete der Bischof Irenäus von Lyon zudem von einem Apostel Johannes, der sich in Ephesus aufgehalten haben soll. Kurzerhand setzte Irenäus den namenlosen Lieblingsjünger, den Zebedäussohn und den Apostel namens Johannes gleich und folgerte: »Zuletzt gab Johannes, der Jünger des Herrn, der auch an seiner Brust ruhte, selbst das Evangelium heraus.«

Obwohl schon früh Zweifel an dieser Gleichsetzung laut wurden, folgte die christliche Tradition lange der Vorstellung des Irenäus. Von nun an benannte man das Evangelium nach Johannes. Viele Legenden berichten vom Leben des Evangelisten und von seinen Wundertaten, doch die Überlieferungen widersprechen sich. Während die einen davon ausgehen, er habe in Ephesus gelebt und sei recht alt geworden, sind andere überzeugt, Johannes sei schon in jungen Jahren den Märtyrertod gestorben.

Die Meinungen der Experten zur Frage nach der Identität des Verfassers lassen sich auch heute noch nicht auf einen Nenner bringen. Die meisten Forscher halten es heute jedoch für unwahrscheinlich, dass der Verfasser des Evangeliums Jesus persönlich gekannt hat. Eventuell gehörte er aber einer Denkschule an, die auf einen solchen Augenzeugen zurückging. Dessen Autorität unterstrich das Johannesevangelium dann durch die Einführung des Lieblingsjüngers.

Da das Evangelium die Bedeutung Jesu auf recht eigenständige Weise darstellt, kann man davon ausgehen, dass es sich bei dieser Denkschule um eine relativ geschlossene Gruppe gehandelt hat. Eventuell haben die Mitglieder in einiger Entfernung zu anderen frühchristlichen Gemeinden gelebt. In späteren Jahren hielten sie sich vielleicht auch in der Gegend um Ephesus auf, auf die die altkirchliche Johannestradition ja hinweist.

Der Verfasser kennt sich aus mit den Lebensverhältnissen und jüdischen Bräuchen zur Zeit Jesu. Vermutlich wuchs er in Palästina als Jude auf. Seinen wohl hauptsächlich heidenchristlichen Lesern erklärt er jüdische Begriffe und Traditionen. Deutliche Polemik gegen die Juden weist darauf hin, dass sich die Christen zur Abfassungszeit des Evangeliums schon vom Judentum losgelöst hatten.

Das Johannesevangelium ist das jüngste der vier Evangelien. Es entstand um das Jahr 100 n. Chr. herum. Man kann davon ausgehen, dass dem Verfasser und auch seinen Lesern mindestens das Markusevangelium bekannt war. Als direkte Quelle für sein eigenes Evangelium nutzte er es jedoch nicht. Stattdessen entfaltete er eine von den Traditionen der eigenen Denkschule geprägte Darstellung des Wirkens Jesu.

Sein Text scheint von weiteren Mitgliedern des johanneischen Kreises intensiv überarbeitet worden zu sein. Unter anderem findet sich am Ende des Evangeliums ein Nachtrag, in dem diese Gruppe von Redakteuren als »wir« ( Johannes 21, 24) die Wahrheit der Überlieferung des Lieblingsjüngers bezeugt.

Die Herrlichkeit Jesu

Liest man das Johannesevangelium, fällt sofort die philosophisch wirkende Sprache auf. Auch inhaltlich unterscheidet es sich deutlich von den anderen drei Evangelien. Laut Johannes war Jesus über zwei Jahre lang als Wanderprediger tätig und hielt sich nicht nur einmal, sondern mehrfach in Jerusalem auf. Statt der Taten Jesu stehen seine Lehren und Reden im Vordergrund, in denen er verschiedene Themen auf hohem Niveau reflektiert.

Alles wirkt pompöser und bedeutungsschwerer als in den anderen Evangelien. Häufig verwendet Johannes zum Beispiel gegensätzliche Begriffe wie Licht und Finsternis. Außerdem erzählt er von anderen Wundertaten als die anderen Evangelisten und stellt sie im Vergleich zu seinen Kollegen recht übersteigert dar - ganze vier Tage lang liegt beispielsweise Lazarus schon im Grab, als Jesus ihn auferweckt ( Johannes 11, 39). Diese Wunder versteht Johannes als »Zeichen« der »Herrlichkeit« Jesu ( Johannes 2, 11).

Jesu Verkündigung des Reiches Gottes - der Mittelpunkt der anderen Evangelien - fehlt im Johannesevangelium fast ganz. Stattdessen verkündigt Jesus sich selbst unter anderem in den sogenannten »Ich-bin-Worten«. »Ich bin das Licht der Welt« ( Johannes 8, 12), betont er zum Beispiel, oder: »Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben, niemand kommt zum Vater denn durch mich« ( Johannes 14, 6).

Johannes stellt Jesus nicht nur als Sohn Gottes und als sein fleischgewordenes Wort dar, sondern führt den Lesern Jesu Göttlichkeit noch unmissverständlicher vor Augen, indem er ihn sagen lässt: »Ich und der Vater sind eins« ( Johannes 10, 30).

In den letzten Kapiteln des Evangeliums tritt der geheimnisvolle Lieblingsjünger immer wieder in Erscheinung. Während alle anderen Jünger geflohen sind, erlebt er die Kreuzigung mit und wird von Jesus mit der Sorge für seine Mutter betraut. Als Erster der Jünger sieht er am Ostertag das leere Grab, lässt aber zunächst Petrus hineingehen. Ob die ersten Leser des Evangeliums noch wussten, was es mit diesem rätselhaften Lieblingsjünger genau auf sich hatte?

Johannes gibt keinen historischen Überblick über die Geschehnisse um Jesus und die ersten Christen wie Lukas. Er knüpft nicht ausdrücklich an alttestamentliche Überlieferungen an wie Matthäus, um zu unterstreichen, dass Jesus tatsächlich der ersehnte Messias ist. Johannes schreibt nicht, um Menschen zu missionieren. Er wendet sich an diejenigen, die bereits Christen sind und um die besondere Bedeutung Jesu wissen. Diesen Gläubigen versucht er wortmächtig und durch außergewöhnliche Sprachbilder die Göttlichkeit Jesu vor Augen zu halten. Das macht das Johannesevangelium bis heute zum Lieblingsevangelium all derer, die sich dem Glauben auf kontemplative Weise nähern.

JOHANNES

  NAME: Der Name leitet sich vom hebräischen Johanan ab und bedeutet Gott ist gnädig.

  BERUF: unbekannt

  HERKUNFT: Er wuchs vermutlich als Jude in Palästina auf.

  ZEIT: Johannes schrieb sein Evangelium um das Jahr 100 n. Chr.

  WICHTIGE BIBELSTELLEN:  Johannes 1, 1-18;  2, 1-12;  6, 1-20;  8, 1-11;  10, 1-30;  11, 1-45;  13, 1-20;  19, 1-10.

  ZITAT: »Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. […] Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit).« ( Johannes 1, 1.14)

  WIRKUNGSGESCHICHTE: Auch die Johannesbriefe und die Offenbarung des Johannes galten lange als Werke des Evangelisten. Relativ sicher lässt sich jedoch nur für den 1. Johannesbrief sagen, dass er aus der gleichen Feder stammt. Die Sprache der beiden andern Briefe legt einen anderen Verfasser nahe. Auch Sprache und Theologie der Offenbarung unterscheiden sich zu sehr von denen des Evangelisten, als dass man hier den gleichen Verfasser annehmen könnte. All diese Schriften scheinen aber der gleichen Denkschule zu entstammen wie das Evangelium.

THEOLOGISCHES STICHWORT

DIE GÖTTLICHKEIT JESU: Ganz schön verwirrend. Mal wird von Jesus als Gottes Sohn gesprochen und dann wieder heißt es, er sei Gott selbst. Für die ersten Christen stand schon sehr früh fest: Jesus ist Gottes Sohn - so ungewöhnlich wie es heute scheint, war diese Vorstellung damals gar nicht. Auch in anderen Religionen galten bedeutende Personen oft als Söhne eines Gottes.

Die Lehre, dass Jesus Gott selbst ist, entwickelte sich erst später. Sie beruht auf komplizierten theologischen Überlegungen. Zum Beispiel auf der, dass Jesus gar keine so weitreichenden Aussagen über Gott hätte machen können, wenn er ein normales Geschöpf Gottes gewesen wäre und nicht Gott selbst. Diese Überlegungen führten schließlich zur Lehre von der Dreieinigkeit Gottes. Sie besagt, dass der eine Gott, der die Welt geschaffen hat, sich den Menschen auch durch Jesus und durch den Heiligen Geist zeigt.

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Sonja Poppe

 


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abgerufen 09.12.2016 - 20:13 Uhr

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