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Dieser Artikel: Ausgabe 39/2015 vom 27.09.2015
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Gemeinde auf Zeit

Zehn Jahre nach ihrer Wiedereinweihung regt sich in der Dresdner Frauenkirche geistliches Leben

Von Susanne Borée

Die Dresdner Frauenkirche hat keine Ortsgemeinde, aber zehn Jahre nach der Wiedereinweihung ist einiges geboten. »Eine Kirche voller Leben ist in das Herz Dresdens zurückgekehrt«, sagt Frauenkirchenpfarrer Sebastian Feydt.

Auch ohne eigene »feste« Gemeinde blüht das kirchliche Leben in der vor zehn Jahren wiedererstandenen Dresdener Frauenkirche.
Foto: Jörg Schöner / Stiftung Frauenkirche Dresden
   Auch ohne eigene »feste« Gemeinde blüht das kirchliche Leben in der vor zehn Jahren wiedererstandenen Dresdener Frauenkirche.

        

Zum Reformationsfest 2005 wurde die Frauenkirche wieder eingeweiht - gut 60 Jahre nach ihrer Zerstörung infolge der Luftangriffe auf Sachsens Hauptstadt im Februar 1945. Dabei gehört zur Frauenkirche kein einziger Quadratzentimeter Ortsgemeinde. Bewusst nicht. Denn 2005 gab es genug kirchliche Betreuung für Dresdens Protestanten. Schließlich gehören dort nur noch etwa 20 Prozent der Menschen der evangelischen Kirche an. Hinzu kommen rund fünf Prozent Katholiken - drei Viertel der Stadtbevölkerung sind also nicht mehr christlich geprägt.

Offenbar gab es die Befürchtung, dass die Innenstadtgemeinden durch die Frauenkirche verlieren könnten. Doch sie sollten gewinnen. So entwickelte die Frauenkirche ein neues Konzept: »Gemeinde auf Zeit.« Mitglied ist jede und jeder, der an einem Gottesdienst oder Konzert teilnimmt. Oder auch nur einige Momente Ruhe auftankt. Und er kehrt dann wieder gestärkt in seine Ortsgemeinde zurück.

Die Frauenkirche sei wie ein »Scharnier« zwischen Welt und Ortsgemeinde, sagt Frauenkirchenpfarrer Sebastian Feydt. Bis zu drei Mal täglich bieten auch werktags die Andachten einen Raum der Stille. Sonntags ruft der Hauptgottesdienst um 11 Uhr Gläubige aus nah und fern zusammen.

Die Frauenkirche sei wie ein »Scharnier« zwischen Welt und Ortsgemeinde, sagt Frauenkirchenpfarrer Sebastian Feydt.
Foto: Gunter Bähr / Stiftung Frauenkirche Dresden
   Die Frauenkirche sei wie ein »Scharnier« zwischen Welt und Ortsgemeinde, sagt Frauenkirchenpfarrer Sebastian Feydt.

        

Trauungen und Taufen sind in der erhabenen Atmosphäre der Frauenkirche begehrt. Und Wartezeiten über ein halbes Jahr keine Seltenheit. »Mindestens die Hälfte der Paten soll der evangelischen Kirche angehören«, so Pfarrer Feydt. Und mindestens einer der Partner bei einer Eheschließung ebenso. In Sachsen nicht immer eine Selbstverständlichkeit. Manche Familien kommen aber immer wieder - selbst wenn sie aus der Ferne anreisen. Pfarrer Feydt erinnert sich gut an eine Münchner Familie, die bereits drei Kinder in der Frauenkirche taufen ließ.

Nur der Kölner Dom hat mehr Besucher

Damit nicht genug: Konzerte, Vorträge und Kulturereignisse prägen viele Abende. So haben Pfarrer Feydt und sein Kollege Holger Treutmann auch ohne Ortsgemeinde, ohne Frauenkreis oder Geburtstagsbesuche alle Hände voll zu tun. Auch Staatsmänner und offizielle Delegationen treffen häufig ein. Gerade waren Südkoreaner da, heute Nachmittag kommt noch ein japanisches Filmteam. »Man muss schon das Wort Diplomatie schreiben können«, so Feydt.

»Die Frauenkirche lädt alle herzlich ein, sich an der Schönheit des Raums zu erfreuen und die Botschaft des Gotteshauses - Brücken bauen, Versöhnung leben, Glauben stärken - in sich aufzunehmen«, sagt Feydt. Diese ästhetisch so gelungene Frauenkirche drückte schon bei ihrem Bau 1743 eine antihierarchische, eine demokratische Theologie aus, die das Priestertum aller Gläubigen ernst nimmt. Alle waren eingeladen, unter der einen Kuppel zusammenzukommen.

Von der am 14. Februar 1945 zerstörten Frauenkirche blieb nichts als ein 13 Meter hoher und 22 000 Kubikmeter messender Trümmerberg, alle noch brauchbaren Trümmersteine wurden katalogisiert und eingelagert. Aus der Lage im Trümmerberg und mit teilweise extra für diese Aufgabe erstellten Geo-Computerprogrammen konnte bei vielen Steinen der ursprüngliche Platz im Gemäuer ermittelt werden.
Foto: Erich Braun / CC BY-SA 3.0
   Von der am 14. Februar 1945 zerstörten Frauenkirche blieb nichts als ein 13 Meter hoher und 22 000 Kubikmeter messender Trümmerberg, alle noch brauchbaren Trümmersteine wurden katalogisiert und eingelagert. Aus der Lage im Trümmerberg und mit teilweise extra für diese Aufgabe erstellten Geo-Computerprogrammen konnte bei vielen Steinen der ursprüngliche Platz im Gemäuer ermittelt werden.

        

Jedem »Glaubensbürger« wird durch eines der sieben gleichen Kirchenportale ein gleichberechtigter Zugang zur Mitte des Glaubens eröffnet; das Ansinnen des absolutistischen Herrschers, zum Schloss hin ein besonderes Tor zu gestalten, wurde damals von der evangelischen Bürgerschaft glatt abgeschmettert. So ist die Frauenkirche auch Zeichen eines zivilen protestantischen Selbstbewusstseins in der Residenzstadt eines katholisch gewordenen Königs. Sie war »die vollkommenste Kirche des Protestantismus«.

Für Besucher ist die Frauenkirche täglich zugänglich. Nur im Januar schließt sie für fünf Tage. Dann gibt es eine Bestandsaufnahme, was laufend wieder renoviert und ausgebaut werden muss. Denn die Instandhaltung ist bei jährlich etwa zwei Millionen Besuchern bereits nach zehn Jahren ein Thema. »Nur der Kölner Dom hat mehr Gäste«, sagt Öffentlichkeitsreferentin Grit Jandura. Eine neu installierte LED-Beleuchtung etwa spare deutlich Strom.

Werktags lässt sich die Frauenkirche meist vor- und nachmittags besichtigen. Am Wochenende sind diese Zeiten oft verkürzt. Auch Gottesdienste, Amtshandlungen oder Konzerte beanspruchen ihren Raum. Ein guter Teil der rund 70 ehrenamtlichen Kirchenführer ist zu den Öffnungszeiten immer präsent, um Fragen zu beantworten. Sie organisieren Führungen, verleihen »Audioguides« oder teilen Kinderkirchenführer und ausführliche Informationen aus. Die Unterkirche dient als Raum der Stille, der persönlichen Andacht und des Gebets.

Aus den Trümmern konnten 8425 Stücke geborgen und davon 3539 Stücke in die Außenfassade eingebaut werden. Das schwerste als ganzes Stück erhaltene Trümmerteil wog 95 Tonnen.
Foto: macloveley / CC BY-SA 3.0
   Aus den Trümmern konnten 8425 Stücke geborgen und davon 3539 Stücke in die Außenfassade eingebaut werden. Das schwerste als ganzes Stück erhaltene Trümmerteil wog 95 Tonnen.

        

Direkt nach 1945 wollten die Dresdner ihre Frauenkirche eigentlich wieder aufbauen. Die DDR-Regierung legte dies auf Eis. Erst das Jahr 1989 und die Wiedervereinigung Deutschlands 1990 brachten auch die Wende für die Dresdner Frauenkirche. Bereits im November 1989 kam eine Bürgerinitiative für den Wiederaufbau der Frauenkirche zusammen.

Im März 1991 beschloss die Synode der Landeskirche Sachsens, eine zukünftige Stiftung für den Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche zu unterstützen. Schon damals regte sich Widerstand - schließlich gab es einen Kostenvoranschlag von 250 Millionen D-Mark. Doch die ungeheure Summe stemmten Spender und Unterstützer. Das Bauwerk war gar eher fertig als geplant. Zunächst war 2006 zum 800. Jubiläum der Stadtgründung angepeilt. Bereits 2004 war abzusehen, dass im Herbst 2005 schon alles fertig sein würde.

1993 begannen die Dresdner damit, die Ruine zu räumen. »Jeder Stein wurde nummeriert«, so Grit Jandura. Brauchbare Brocken wiederverwendet - insgesamt waren dies genau 8425 alte Steine. Sie erscheinen als dunklere Farbflecken im helleren Sandsteinton der neuen Steine.

Veranstaltungen vor dem Nagelkreuz: Die Frauenkirche ist Teil der Nagelkreuzgemeinschaft der im Zweiten Weltkrieg zerstörten Kirchen.
Foto: Steffen Giersch / Stiftung Frauenkirche Dresden
   Veranstaltungen vor dem Nagelkreuz: Die Frauenkirche ist Teil der Nagelkreuzgemeinschaft der im Zweiten Weltkrieg zerstörten Kirchen.

        

»Angesichts ihrer weiterhin ablesbaren Verwundung durch den Krieg sendet die wieder aufgebaute Frauenkirche Dresden eine Mahnung aus, kündet aber zugleich von der Kraft des Neubeginns und des Friedens«, das ist der Stiftung Frauenkirche wichtig. Die Kirche ist Teil der Nagelkreuzgemeinschaft der im Zweiten Weltkrieg zerstörten Kirchen. Es gibt eine besondere Beziehung zur Kathedrale von Coventry, die wiederum im Zweiten Weltkrieg von deutschen Fliegern zerstört wurde. Da ist der Altar aus den alten Scherben zusammengepuzzelt. Und einmal monatlich gibt es eine Andacht nach anglikanischem Ritus.

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abgerufen 03.12.2016 - 14:42 Uhr

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