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Dieser Artikel: Ausgabe 39/2015 vom 27.09.2015
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Der Indianer von Reichertshausen

Türke oder Deutscher? Die Frage nach der eigenen Identität beschäftigt Erkan Inan sein ganzes Leben


Der Münchner Erkan Inan ist Sohn türkischer Gastarbeiter. Als Kind wechselte er zwischen Kulturen hin und her, fühlte sich oft fremd. Genau das will er Flüchtlingen nun ersparen. Für sie hat er sich ein besonderes Willkommensgeschenk ausgedacht.

Lernte erst mit sechs Jahren Türkisch: Erkan Inan vor der Moschee in München-Pasing.
Foto: Schröder
   Lernte erst mit sechs Jahren Türkisch: Erkan Inan vor der Moschee in München-Pasing.

        

Vom Türken zum Bayer zum bayerischen Türken - so lässt sich Erkan Inans Kindheit vielleicht am besten beschreiben. 1975 kommt er als echtes Münchner Kindl im Krankenhaus Rechts der Isar zur Welt. Seine Eltern - sie aus der Großstadt, er vom Dorf - waren beide als türkische Gastarbeiter in die Landeshauptstadt gekommen und hatten sich hier kennengelernt.

Der kleine Stammhalter war erwünscht, aber er kam zu früh: Erkans Mutter arbeitete im Schichtbetrieb bei Siemens, sein Vater bei BMW. Für ein Kind hatten sie schlichtweg keine Zeit. »Meine Eltern hatten keine Verwandten in Deutschland und haben deshalb das gemacht, was damals viele Gastarbeiter gemacht haben«, erinnert sich der 39-Jährige, »sie haben mich im Alter von neun Monaten in eine Pflegefamilie gegeben.«

Erkan kam ins oberbayerische Reichertshausen und lebte bis zu seinem 6. Lebensjahr in einer urbayerischen Familie. »Bei meiner Omi«, sagt Inan, und seine Stimme bekommt dabei einen zärtlichen Klang. Der Junge lernt Deutsch mit klar bayerischem Einschlag, er kickt mit den anderen Jungs auf dem Bolzplatz, er macht das ganze oberbayerische Dorfleben mit, »Ostern, Pfingsten, Fronleichnam, das ganze Programm«, lacht Inan. Doch obwohl das Dorf seine Zuhause ist, hat er das Gefühl, anders zu sein: »Ich war immer der Indianer.«

Die Eltern sieht er an den Wochenenden - wenn deren Schichtpläne das zulassen. Unterhalten können sie sich kaum: Erkan spricht nur Bayerisch, seine Eltern fast nur Türkisch. Je älter ihr Sohn wird, desto mehr bekommen sie den Eindruck, dass ihnen ihr Kind entgleitet.

Schafskäse statt Wiener Würstl

Die Kehrtwende folgt, als Erkan sechs Jahre alt ist: Er soll zurück in die Türkei. »Wir sind mit dem Auto gefahren, und irgendwo in Jugoslawien sagten mir meine Eltern, dass ich von meiner Omi wegsoll«, erinnert er sich. Der Junge wurde schlagartig so krank, dass er noch in Jugoslawien ins Krankenhaus kam. Die Eltern verstanden das Signal - und drehten um.

Die Familie blieb nun zusammen, es kam noch eine kleine Schwester zur Welt, Erkan lernte - mühsam - Türkisch und lebte nun ein muslimisches Leben mit Ramadan und Opferfest. »Der Wechsel von der Wiener-Wurst-Kultur zur Schafskäse-Kultur war nicht einfach«, berichtet er. Wieder fühlt er sich fremd, obwohl er doch zu Hause war. »Es war für mich schwer, ankommen zu dürfen«, sagt Inan nachdenklich.

Genau dieses Gefühl ist es, das ihn jetzt beflügelt, den vielen Flüchtlingen zu helfen, die seit Wochen in München stranden. Inan will, dass sich diese Menschen wohlfühlen können - auch wenn sie in Massenunterkünften leben müssen und nicht wissen, was ihnen die Zukunft bringt. Also hat der angehende Verkehrsfachwirt und Logistikspezialist über sein Netzwerk »Münchner Forum für Islam« zehn Friseure organisiert, die allen Männern in der Münchner Flüchtlingsunterkunft Funkkaserne die Haare schneiden.

Auch die Flüchtlingskinder liegen dem dreifachen Familienvater am Herzen: Sie bekommen zum islamischen Opferfest Geschenkpakete mit Seifenblasen, Süßigkeiten und Malstiften. Ein gemeinsamer Kinobesuch mit Popcorn ist auch schon in Planung - »die Kinder sollen einfach mal einen Nachmittag lang unbeschwert sein dürfen.«

Bei kreativer Soforthilfe allein wollen es Erkan Inan und seine Freunde vom »Münchner Forum für Islam« nicht belassen. »Wir wollen den Integrationsführerschein machen und dann Integrationskurse für Flüchtlinge geben«, berichtet er. Die deutsche Sprache und ein Verständnis für die Kultur seien das A und O. Von wem könnten das die Neuankömmlinge besser lernen als von denen, die selbst einmal fremd waren in Deutschland und die sich jetzt als selbstverständlichen Teil der Gesellschaft betrachten?

Erkan Inan jedenfalls muss nicht lange darüber nachdenken, was an ihm typisch deutsch ist: »Pünktlichkeit und Ordnung«, sagt er ohne zu zögern. Typisch orientalisch sei hingegen seine Impulsivität: »Lass es uns machen, die Struktur kommt später«, bringt er diesen Charakterzug auf den Punkt - aber die Bayern seien eigentlich auch nicht viel anders, sinniert er.

Überhaupt verbindet ihn mit den Bayern eine herzliche Liebesbeziehung. »Bayern ist nicht nur Mia san mia, sondern auch Mia san mehr«, sagt der junge Mann, und seine Augen funkeln. Mit dem Bayer an sich sei es ganz einfach: »Er mag dich, oder er mag dich nicht.« Wer aber einen Bayern seinen Freund nenne, der habe Glück: »Denn wenn er dich mag, dann steht er für dich ein, egal, ob du schwarz bist oder gelb, Muslim oder Christ.«

Für viele Münchner Flüchtlinge ist der Türke Erkan Inan ihr erster Bayer.

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Susanne Schröder

 


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abgerufen 27.08.2016 - 22:27 Uhr

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