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Dieser Artikel: Ausgabe 39/2015 vom 27.09.2015
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Zum Grund des Bechers finden

Sonntagsblatt-Sprechstunde


»Ich bin Naturwissenschaftler, Physiker. Ich habe wie meine Kollegen den Eindruck, dass die Kirchen immer noch am mittelalterlichen Weltbild festhalten - an einer kausalen, geozentrischen und anthropozentrischen Weltsicht. Und dann auch noch unsere Gottesbeziehung mit den Bildern einer agrarischen Ständegesellschaft beschreibt, die den Menschen heute nichts mehr sagt.«

Ich bin Naturwissenschaftler, Physiker. Im Gespräch mit Kolleginnen und Kollegen kommen wir immer wieder einmal auf religiöse Themen zu sprechen. Dabei erfahren wir nur sehr wenig Verständnis, geschweige denn Unterstützung von unseren Kirchen.

Übereinstimmend haben wir den Eindruck, dass diese Kirchen immer noch am mittelalterlichen Weltbild festhalten. An einer kausalen, geozentrischen und anthropozentrischen Weltsicht. Da werden Bilder gepflegt, die naturwissenschaftlich geprägten Menschen, und das sind doch heute die meisten, kaum mehr vermittelbar sind. Sie sprechen von Schöpfung und Gericht, von Himmel und Hölle und so weiter.

Unsere Gottesbeziehung wird von einer agrarischen Ständegesellschaft her beschrieben. Er ist König, wir sind Kind, er ist Hirte, wir sind Schaf, er ist Herr, wir sind Knecht. Wen wundert es, dass diese Bildsprache den Menschen nichts mehr sagt.

Fast noch schlimmer: Es gibt dafür kaum ein Problembewusstsein. Theologie und Kirche geben uns kaum eine Handhabe für unser religiöses Erleben.

Dabei ist es nicht so, dass ich und meine Kollegen, soweit ich für andere sprechen kann, schlicht atheistisch wären. Viele sind hier einen Weg gegangen und würden dem Satz Werner Heisenbergs zustimmen: »Der erste Trunk aus dem Becher der Naturwissenschaft macht atheistisch, aber auf dem Grund des Bechers wartet Gott.«

Herr P.

 

Im letzten Jahr bekam ich einen Gemeindebrief in die Hand. In ihm ging es genau um diese Frage. Einleitend wurde eine Unterscheidung Albert Einsteins zitiert: Für traditionelle Christen sei Gott ein Wesen, auf dessen Liebe man hoffe und dessen Strafen man fürchte, ein Wesen, zu dem man in einer personellen Beziehung steht.

Die Frömmigkeit des Naturwissenschaftlers hingegen liege in Ehrfurcht und in einem unendlichen Staunen.

Jene Gemeinde griff das Unbehagen auf, von dem Sie sprechen, und lud dazu ein, sich mit der christlichen Mystik auseinanderzusetzen. Ein paar Beispiele dazu:

»Gott gebiert sich in mir« sagt Origenes, einer der bedeutendsten Schriftsteller des christlichen Altertums.

»Gott wird in mir fruchtbar«, sagt Augustinus, einer der vier großen Kirchenlehrer der Spätantike.

»Ich bin ein Fünklein Gottes«, sagt Meister Eckardt, einflussreicher Dominikaner des 13./14. Jahrhunderts.

»Wir sind ein Punkt auf der unendlichen Linie Gott«, sagt Nikolaus von Kues, Mathematiker aus dem 15. Jahrhundert.

Ein anderes, ein neues Denken. Nicht vom Gegenüber, vom Dualismus her gezeichnet, sondern ganzheitlich. Der Eine ist in allem, und alles ist auch in dem Einen. Auch diese Tradition gehört zum Christentum, und es ist sicher kein Zufall, dass sie heute neue Aufmerksamkeit findet.

Das ist nicht ein Entweder-Oder, nicht ein Richtig und Falsch. Vielmehr geht es doch um die Frage: Wie drücke ich meinen Glauben aus, sodass es für mich stimmt und gleichzeitig im Kontakt mit der großen Ausdrucksgeschichte unseres Glaubens bleibt?

SONNTAGSBLATT - SPRECHSTUNDE

Barbara Hauck

Wenn Sie ein Problem haben und Rat brauchen, dann schreiben Sie an die »Sprechstunde«, Birkerstraße 22, 80636 München. Die Berater antworten auf dieser Seite oder mit Brief. Sie können auch unmittelbar an einen Berater schreiben: Pfarrerin Barbara Hauck, Breite Gasse 82/84, 90402 Nürnberg - oder Kirchenrat Waldemar Pisarski, Meringer Str. 38c, 86163 Augsburg.

Waldemar Pisarski

Wenn Sie eine längerfristige Korrespondenz wünschen, steht Ihnen die Evangelische Briefseelsorge, Postfach 600306, 81203 München, zur Seite. Alle Zuschriften werden vertraulich behandelt.

 

 

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abgerufen 28.08.2016 - 08:50 Uhr

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