Home Artikel-ID: 2015_39_muc_14_01
Diese Woche - die aktuelle Ausgabe
Themen
E-Paper: Sonntagsblatt digital
Jetzt im Sonntagsblatt-Shop bestellen!
Archiv
Die Redaktion
Abo-Service
Anzeigen-Service
Leserreisen
Leserbriefe
Impressum



    
Heute: 28.07.2016
Aktuelle Ausgabe: 29 vom 17.07.2016
Dieser Artikel: Ausgabe 39/2015 vom 27.09.2015
Alle Artikel der » Ausgabe 39/2015 im Archiv aufrufen.
  Druckversion


Preisschnäppchen und Hungerlöhne

Nürnberger Menschenrechtspreis für den Gewerkschafter Amirul Haque Amin aus Bangladesch


Seit mehr als 30 Jahren kämpft er für bessere Löhne und mehr Sicherheit in den Fabriken seines Landes: Dass der Gewerkschafter Amirul Haque Amin aus Bangladesch den Nürnberger Menschenrechtspreis 2015 erhält, erinnert nicht zuletzt an die Verantwortung der Konsumenten hierzulande. Denn der Preis für billige Importtextilien ist oft hoch.

Mit größtem Einsatz für faire Arbeitsbedingungen: Amirul Haque Amin.
Foto: epd-bayern
   Mit größtem Einsatz für faire Arbeitsbedingungen: Amirul Haque Amin.

        

Von 70 Euro im Monat kann man auch in Bangladesch nicht leben. Ein so geringer Lohn reicht nicht, damit Eltern ihre Kinder in die Schule schicken können, er reicht nicht einmal für eine warme Mahlzeit jeden Tag. 54 Millionen Menschen leben in dem südasiatischen Staat unter der Armutsgrenze, sagen Menschenrechtsgruppen. Die meisten der 160 Millionen Bangladescher arbeiten in den über 4000 Betrieben der Textilindustrie. Ihre Produkte machen 81 Prozent des Exports des Landes aus.

Die ausbeuterischen und gefährlichen Arbeitsbedingungen im Land interessierten lange nur wenige Aktivisten von Fairtrade-Kampag­nen. Bis es am 24. April 2013 zur Katastrophe kam. Die Bilder der eingestürzten Fabrik im Rana-Plaza-Gebäude in der Hauptstadt Dhaka gingen um die Welt. 1100 Beschäftigte, die meisten von ihnen Textilarbeiterinnen, kamen in den Trümmern ums Leben. 2500 wurden gerettet. Das schreckliche Ereignis war ein Weckruf.

Die EU und Bangladesch vereinbarten nur Wochen später ein Abkommen zu mehr Gebäudesicherheit und Brandschutz in der Textilindustrie. Mehr als 30 westliche Unternehmen, Modeketten und Handelskonzerne sagten zu, den sogenannten Bangladesh Accord zu unterstützen.

An dieser historischen Wende in der Bekleidungsindustrie war er maßgeblich beteiligt: Amirul Haque Amin, der seit Jahrzehnten für bessere Arbeitsbedingungen in den Textilfabriken seines Landes kämpft. Für dieses Engagement erhält der Gewerkschaftsführer an diesem Sonntag (27. September) den Internationalen Nürnberger Menschenrechtspreis.

Der Preis sei nicht das übliche Lob für eine Person, die gegen Unrecht, für Frieden, für Pressefreiheit oder gegen Korruption kämpfe. Nein, bei diesem Preis solle sich »jeder an die eigene Nase fassen«, so der Nürnberger OB und Vorsitzende der Preisjury Menschenrechtspreis, Ulrich Maly (SPD).

»Mit der Frage, was ziehe ich an, ist jeder täglich konfrontiert«, sagt auch die Leiterin des Nürnberger Menschenrechtsbüro, Martina Mittenhuber. »Weil wir als Konsumenten stark in der Verantwortung stehen, kann der Preis an Haque Amin den sozialen Diskurs zu diesem Thema stärken«, hofft sie.

»Er ist beseelt von der Aufgabe, die Arbeits- und Lebensbedingungen in der Textilindustrie zu verbessern«, beschreibt Mittenhuber den 54-jährigen Aktivisten. »Bei allem leidenschaftlichen Engagement, das er zeigt, vergisst er manchmal zu essen«, hat Amiruls Frau dem Journalisten Rüdiger Baumann verraten, der einen Film über den Preisträger gedreht hat.

Vor 31 Jahren hat Amirul Haque Amin die Gewerkschaft National Garment Workers Federation (NGWF) mitgegründet. Bereits als Student war er für die Textilverarbeitervereinigung der Stadt Dhaka tätig. Die NGWF hat heute 30 000 Mitglieder - 60 Prozent von ihnen sind Frauen.

Die Organisation setzt sich für die Verbesserungen der Arbeitsbedingungen und mehr Rechte ein, für bessere Löhne und Berufschancen für Frauen - und sie kämpft für Entschädigungen für die Hinterbliebenen der Opfer von Rana Plaza. Errungenschaften der vergangenen Jahre sind ein arbeitsfreier Sonntag und ein verbesserter Gesundheitsschutz in den Betrieben.

In Bangladesch ist gewerkschaftlicher Einsatz weiterhin ungemein gefährlich, erklärt Mittenhuber. Amirul Haque Amin sei inhaftiert worden und habe zahlreiche Einschüchterungskampagnen erfahren, berichtet Mittenhuber. Womöglich ist die Konsequenz seines jahrelangen Einsatzes, dass der Preisträger inzwischen schwer krank ist. Amirul Haque Amin hat wegen Mundkrebs in diesem Jahr eine schwere Operation hinter sich gebracht.

Angela Melo, Jurymitglied und Direktorin der UNESCO-Abteilung für Sozial- und Geisteswissenschaften, sagt, Amins Engagement betreffe den Kern der Machtverhältnisse zwischen den Armen und reichen Nationen. Und der Juryvorsitzende Maly betont, der Menschenrechtspreis mache auch darauf aufmerksam, wie notwendig es sei, mit internationalen Schutzklauseln einem bedingungslosen freien Handel einen wirtschaftsethischen Rahmen zu geben.

Schließlich würde sich jede Bluse, jedes T-Shirt, jede Jeans nur um elf bis zwölf Cent verteuern, wenn die westlichen Handelsketten jeder Näherin in Ländern wie Bangladesch, Pakistan oder Vietnam 50 Euro auf den Mindestlohn drauflegen würden, haben Initiativen für fairen Handel ausgerechnet. »Wir wollen soziale Verantwortung und verantwortungsvollen Konsum gerade in die Köpfe der jungen Leute reinbringen«, sagt Maly.

Kreative Gemeinde - die besten Projekte und Initiativen der bayerischen evangelischen Kirchengemeinden

 

»Musica Sacra« - herausragende Werke der Kirchenmusik

MUSICA SACRA

 

Der Sonntagsblatt-Shop und das Sonntagsblatt-Blog.
 

 

 

 

Jutta Olschewski

 


Valid HTML 4.01 Transitional

/news/aktuell/2015_39_muc_14_01.htm
abgerufen 28.07.2016 - 20:16 Uhr

© Sonntagsblatt 1998-2016, ImpressumWebmaster
Angebote für Webmaster / AGB

#nächstenliebejetzt: die Aktion gegen Hass und Angst des Evangelischen Presseverbands für Bayern, dem Verlagshaus des Sonntagsblatts

»Die Personen der Bibel«: der beliebte Glaubenskurs aus dem Sonntagsblatt jetzt als Buch für nur 19,90 Euro. Gleich bestellen!

Werden Sie Hoffnungsträger - und spenden Sie ein Patenschafts-Abo für Menschen in Pflegeheimen, Krankenhäusern und Gefängnissen. Jetzt mitmachen!