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Dieser Artikel: Ausgabe 40/2015 vom 04.10.2015
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Ein prophetisches Wort

Mit der Ostdenkschrift durchbrach die Evangelische Kirche vor 50 Jahren ein Tabu

Von Jürgen Schmude

Als die Ostdenkschrift der Evangelischen Kirche in Deutschland 1965 veröffentlicht wurde, herrschte Kalter Krieg. Das Ost-West-Verhältnis war erstarrt, von Hochrüstung und feindseligen Reden gekennzeichnet.

Die (west-)deutsche Politik verschärfte die Lage noch. Sie ließ die Grenzen im Osten nicht gelten, sondern forderte die Rückgabe der bei Kriegsende verlorenen Ostgebiete. Gefährlich war das und doch aussichtslos.

Zwei Wirklichkeiten schien es zu geben: die eine in offiziellen Verlautbarungen und die andere in privaten Gesprächen, auch mit Politikern. Die Denkschrift sagte: »Manche öffentlichen Äußerungen lassen vermuten, dass sie zu den tatsächlichen Überzeugungen in einem Spannungsverhältnis stehen.«

Öffentlich hieß es, das vorausgehende Unrecht, die Verbrechen Nazideutschlands, könne das spätere, die Vertreibung, nicht zu Recht machen. Rechtspositionen wurden zum schicksalhaften Zwang verdichtet, die Ostgebiete zurückzuholen. Besonders die Polen fühlten sich bedroht.

Die Ostdenkschrift wollte es dabei nicht lassen. Unbequeme Wahrheiten hat sie gewagt, gefährlichen falschen Hoffnungen widersprochen und Tabus durchstoßen. Damit löste sie Streit aus, auch in der Kirche. Das erhöhte die Wirksamkeit der Denkschrift, die sich als prophetisches Wort erweisen sollte. Sie hat der Ost- und Deutschlandpolitik der 70er-Jahre den Weg geebnet, die den Frieden gebracht hat. Zuvor war daran nicht zu denken; Kriegsfurcht bis zur Angst vor der atomaren Zerstörung der Welt waren keine Hirngespinste.

Aber was war mit dem Recht auf Heimat? Die Denkschrift gab der Versöhnung als Ziel des politischen Handelns den Vorrang. Den widerstreitenden Rechtsansprüchen müsse das Verständigungsgebot übergeordnet werden, sagte Richard von Weizsäcker 20 Jahre später.

Die Erinnerung an die Denkschrift und die politische Entwicklung in den 50 Jahren seither zeigt, dass die Deutschen viel Grund zur Dankbarkeit haben. Dankbarkeit gegenüber Gott und den Menschen dafür, dass sich lange ersehnte großartige Verbesserungen erreichen ließen.

Die Kirche konnte helfen, Menschen zusammenzuführen, Freundschaft wachsen zu lassen und eine Zukunft des Friedens zu sichern. Sie kann das auch heute, wenn Konfrontation und Abgrenzung dem Bemühen um Verständigung vorgezogen werden. Streit darf sie nicht scheuen, wenn sie bei der Aufnahme von Flüchtlingen hilft und zum menschlichen Umgang aufruft. Damit folgt sie ihrem Auftrag und handelt für die Gesellschaft.

Gut, dass es die Kirche gibt.

 

Jürgen Schmude

 

  Der gebürtige Ostpreuße Jürgen Schmude (79) war von 1981 bis 1982 Bundesjustizminister und von 1985 bis 2003 Präses der EKD-Synode.

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abgerufen 02.12.2016 - 18:55 Uhr

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