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Sonntagsblatt 40/ vom

ZEITZEICHEN


Achtung, das wird ein »foodporn«, ein Essensporno. Wir sagen's lieber gleich, dann können Sie schamrot oder wutschnaubend umschalten, äh: weiterklicken.

Wenn Sie jedoch weiterlesen, werden Sie erfahren, was sich so abspielt unter deutschen Servietten. Hier kommt endlich zusammen, was zusammengehört: Essen und Sex, die zwei schönsten Nebensachen der Welt.

Wir nähern uns dem Phänomen foodporn gewohnt professionell und schauen zuerst in rein aufklärerischer Absicht und ganz keusch, was uns das Online-Lexikon darüber verrät: »foodporn ist die glamouröse, spektakuläre, visuelle Präsentation von Essen in der Werbung, in Blogs oder bei Kochshows und von exotischen Gerichten, die das Verlangen steigern, sie zu essen, oder von Essen als Ersatz für Sex.«

Wenn Sie nach dieser verquasten Definition keine Lust mehr auf gar nichts haben, verstehen wir das. Man soll ja auch nicht erklären, sondern machen, da sprechen die 65 Millionen Einträge auf Instagram unter #foodporn eine eindeutige Sprache. Man ist geneigt, von einer Food-Orgie zu sprechen. Virtuell, versteht sich.

Menschen fotografieren ihr Essen: den Bacon-Burger, den grünen Smoothie, den selbstgebackenen Schokokuchen, die Kokossuppe mit Koriander. Deswegen food. Und weil sie es andauernd machen und es so *piep* finden und andere das sehen sollen, deswegen porn. foodporn. Man zeigt, was man isst.

Früher malte man halt ein Stillleben mit Obstkorb oder einen sich biegenden Tisch mit Wildschweinkeule und überschäumenden Bierkrügen. Heute zückt man das Smartphone und macht ein Foto, das geht eindeutig schneller, müsste dann aber Food-Quicky heißen.

Aber das ist ein anderes Zeitzeichen.

zei