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Dieser Artikel: Ausgabe 40/2015 vom 04.10.2015
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Erntedank als guter Anlass, aktuelle Ernährungstrends zu überdenken


Laktosefrei, glutenfrei, ohne Kohlenhydrate und frei von Fleisch: Bei den aktuellen Ernährungstrends geht es vor allem ums Weglassen.

Weniger, natürlicher, roh: Weglassen ist bei den aktuellen Ernährungstrends ganz wichtig.
Foto: Jarungthip Jarin / 123rf
   Weniger, natürlicher, roh: Weglassen ist bei den aktuellen Ernährungstrends ganz wichtig.

        

Wer heute einen Ernährungstrend ausrufen möchte, der muss, so scheint es, einfach etwas weglassen. Denn ob frei von Fleisch, frei von tierierischen Produkten, frei von Kohlenhydraten, frei von Zusatzstoffen oder frei von Kochen, also roh: »Verzicht ist in«, erklärt Gesa Schönberger von der Dr.-Rainer-Wild-Stiftung für Ernährung in Heidelberg auf einer Tagung in der Evangelischen Akademie in Tutzing. Mittlerweile hat diese Branche sogar eine eigene Messe: die »free-from«-Expo.

Dabei ist »Clean Food« (»reines Essen«) häufig nichts anderes als ein geschicktes Marketing-Instrument, warnen Verbraucherzentralen. So sei bei manchen Produkten selbstverständlich, dass sie einen bestimmten Inhaltsstoff nicht enthalten, erklärt Food-Autorin Susanne Schäfer: »Aber jetzt wird eben damit geworben.« Joghurt frei von Leberwurst, Birne frei von Apfel.

Ähnlich merkwürdig verhält es sich mit dem Trend zu laktose- und glutenfreien Produkten. So kaufen Schäfer zufolge neun Prozent der Deutschen glutenfreie Lebensmittel, obwohl nur 0,3 Prozent an Zöliakie, Glutenunverträglichkeit, leiden. Und vier von fünf Käufern laktosefreier Produkte gaben in einer Studie der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) an, gar keine Intoleranz zu haben. »Die Menschen nehmen einfach an, »frei von« sei besser und gesünder«, sagt Schäfer. Dabei sei das medizinisch Unsinn. Und vielmehr ein cleverer Schachzug der Lebensmittelindustrie.

Das neue Glaubensbekenntnis

Der Frankfurter ErnährungsJournalist Jakob Strobel y Serra formuliert noch drastischer: »›Frei von‹ ist das neue Glaubensbekenntnis.« Zugunsten von Ideologie und Hysterie werde der gesunde Menschenverstand aus der Küche vertrieben. Die Menschen machten (»falsches«) Essen verantwortlich als Quelle von Unglück und Krankheit. Und setzten dem eine »richtige« und »gesunde« Ernährung entgegen, verunstalten »Essen zum Medikament«. Ein paar Chia-Samen hier, etwas Matcha-Pulver dort, nicht zu vergessen den Grünalgen-Extrakt.

Statt vernünftig mit dem Schlaraffenland umzugehen, in dem die Menschheit lebt, esse sie genau das Falsche, findet Strobel y Serra: entweder Unmengen Billigfleisch ohne einen Gedanken daran, was auf dem Teller liegt. Oder überteuerte Produkte »frei von« allem Möglichen, aber hochaufgeladen mit Moral, Ideologie oder sonstigen hineinprojizierten »Erlösungs«-Versprechen. Die Frage nach dem richtigen Leben wird nicht mehr an Gott abgehandelt, sondern an der richtigen Diät, sagt Strobel y Serra: »Ernährung ist zur Ersatzreligion geworden.«

Ähnlich sieht das der US-amerikanische Philosoph und Religionswissenschaftler Alan Levinovitz. Die Leute neigten dazu, moralische und religiöse Begriffe zu verwenden, wenn sie über ihren Ernährungsstil redeten, sagt er dem epd. Doch »weder der Glaube an wundersame Heilkräfte bestimmter Nahrung noch die Dämonisierung von Lebensmitteln bringt nennenswerte Vorteile für die Gesundheit«.

Ernährung als Ersatzreligion

Was also tun beziehungsweise essen? Strobel y Serra wünscht sich in der Ernährung wieder mehr Vernunft: Die Menschen sollten stärker auf ihren Körper hören und weniger auf das, was andere für richtig halten. »Wir müssen aufhören, aus dem Essen ein Glaubensbekenntnis zu machen«, plädiert er für weniger Dogmatismus. Stattdessen sollen Familien und Freunde wieder öfter gemeinsam schlemmen, sich zu Spaß und Genuss beim Essen bekennen, »auch mal mit Wolllust und Völlerei«. Und dabei trotzdem maßvoll bleiben und auf Qualität und Herkunft achten. Strobel y Serra: »Essen ist die größte wunderbarste Quelle von Glück in unserem Alltag.«

Doch noch scheint Unaufgeregtheit in weiter Ferne. Im Fernsehen wird seit Jahren gekocht, bis der Löffel bricht. Mithilfe zahlreicher Ernährungs-Apps fürs Handy lässt sich die tägliche Kalorien- und Nährstoffzufuhr genaustens kontrollieren. Und auf speziellen Dating-Portalen finden glutenfreie Singles den passenden Partner zu ihrem Ernährungsstil.

Dabei ist Esskultur in gewisser Weise immer ein Spiegel gesellschaftlicher Verhältnisse. Clemens Dirscherl, Beauftragter für agrarsoziale Fragen der Evangelischen Kirche in Deutschland, teilt die Ernährung in Epochen ein: In den 50er-Jahren habe es das Sattessen gegeben, in den 60ern das Vielessen. In den 80ern seien mit der Öko-Bewegung Müsli und grobes Brot in Mode gekommen.

Mit der Globalisierung zog in den 90ern die ethnische Vielfalt beim Essen ein. Dazu habe parallel das Fast Food an Bedeutung gewonnen. In den Nullerjahren sei als Reaktion auf die Wirtschaftskrise der Gürtel wieder enger geschnallt worden: Discounter hatten Konjunktur. Mit der erstarkenden Wirtschaft laufe aber auch das wieder aus, und die Deutschen interessierten sich für ausgefallene Ernährung, sagt Dirscherl. Parallel spiele ethischer Konsum, Einfachheit und das »Zurück zur Natur« eine wichtige Rolle.

Den Hintergrund der aktuellen »Ernährungshysterie« sieht der Regensburger Kulturwissenschaftler Gunther Hirschfelder im Verlust kultureller, politischer und religiöser Orientierungsmuster.

»Der neue Bezugsrahmen, in dem man sich heute verortet, ist das Thema Essen und Trinken. Ich kann über Essen und Trinken das ausdrücken, was ich früher über religiöse oder politische Themen getan habe«, sagt Hirschfelder. Ob jemand Veganer ist oder das Männerkoch-Magazin Beef! abonniert habe, drücke aus, in welcher Welt er leben möchte.

Der Kulturwissenschaftler spitzt zu: »Der neue Porsche ist heute in Deutschland weniger gesellschaftsfähig als ein Stück Fleisch vom japanischen Kobe-Rind.« Allerdings gebe es zugleich einen Widerspruch zwischen dem, was die Leute zu essen vorgeben und was sie tatsächlich einkauften. Hirschfelder: »Wir haben angeblich fast zehn Millionen Vegetarier und der Fleischverbrauch geht zumindest nicht signifikant zurück.«

Zum Trend des »Veganismus« hat die Regensburger Kulturwissenschaftlerin Barbara Wittmann geforscht. Sie fand heraus: Der »typische Veganer« ist unter 30, gut gebildet, weiblich und wohnt eher in der Stadt als auf dem Land. Die Beweggründe von Veganern lassen sich zugespitzt in zwei Gruppen einteilen: Selbstoptimierer und Weltverbesserer. Die einen verzichten aus gesundheitlichen Aspekten auf tierische Produkte, erklärt Wittmann, die anderen vor allem aus einer ethischen Motivation heraus.

Die Wissenschaftlerin hat sich mit Kommunikationsstrukturen von Veganern im Internet auseinandergesetzt und kam zu folgenden Schlüssen: Ernährung steht heute stellvertretend für einen bestimmten Lebensstil. Die jungen Veganer möchten über das »Reizthema« Ernährung die Deutungshoheit von Institutionen kippen und einen gesellschaftlichen Wandel herbeiführen.

Dazu gehen sie nicht über »alte Wege« wie Wahlen oder Demos, sondern versuchen durch ihr Konsumverhalten die Wirtschaft zu verändern, die wiederum durch Lobbyismus Einfluss auf die Politik nimmt. »Kassenbon statt Wahlkabine« kann man diese Form der Postdemokratie zusammenfassen, erklärt Wittmann. Und hält Veganismus für ein politisches Zeichen.

Dass sich der Trend nachhaltiger Ernährung künftig fortsetzen wird, daran glauben Wittmann und auch Dirscherl. Er sagt: »Ich glaube nicht, dass wir das wieder umkehren, nach dem Motto ›Hau dir den Bauch voll, iss fettes Fleisch, egal wie es hergestellt worden ist‹«. Gerade Erntedank werbe für ethischen Konsum.

Verantwortlich Handeln statt hysterisch Einkaufen, darauf wies schon Naturheilkundler und Theologe Sebastian Kneipp (1821 bis 1897) hin. Sein Bonmot passt gut auf die aktuelle Debatte: Gesundheit bekommt man nicht im Handel, sondern durch den Lebenswandel.

ERNÄHRUNGSTRENDS

  VEGANER: Während Vegetarier kein Fleisch essen, verzichten Veganer auf alle tierischen Produkte. Der Umsatz mit veganen Produkten steigt seit 2010 jährlich um 20 Prozent.

  RAW FOOD: Rohköstler glauben, dass alles, was auf mehr als 40 Grad erhitzt wird, totgekocht ist, weil bei dieser Temperatur wertvolle Inhaltsstoffe verloren gehen. Da viele Lebensmittel ungekocht nicht genießbar sind, besteht ihr Speiseplan aus viel Obst und Gemüse und Zubereitungsformen wie Marinieren oder Dörren.

  PALEO: Dieser Trend wird auch Steinzeit-Ernährung genannt, weil seine Anhänger davon ausgehen, dass der Mensch nur das essen sollte, was er schon in der Steinzeit gegessen hat. Sprich: keine Kohlenhydrate, keine Milch. Bekannte Vertreter sind Veronika Ferres oder Tom Jones.

  PESCETARIER sind Vegetarier, die Fisch essen. Studien zufolge ist das tatsächlich keine ungesunde Ernährung, was sich am Vergleich mit fischliebenden Japanern zeigt: So sterben die 18 Mal seltener an Herztod als die Schweineschnitzel-Deutschen.

  FRUTARIER essen nur das, was die Natur freiwillig hergibt. Sie verspeisen keinen gepflückten Apfel, nur Fallobst. Auch Knollen oder Wurzeln von Pflanzen sind tabu, ebenso wie Honig.

  LOW CARB bedeutet »wenig Kohlenhydrate« und versucht diese im Speiseplan zu reduzieren. Statt Brot und Nudeln gibt es also mehr Gemüse, Milchprodukte, Fisch und Fleisch. Häufig wird Low carb als Diät genutzt.

  DIE INTOLERANTEN: Acht Millionen Deutsche kaufen laktosefreie Lebensmittel, dabei ist max. 1/5 tatsächlich laktoseintolerant. Ähnlich verhält es sich mit Glutenunverträglichkeit.

  SOYLENT ist ein Konzentrat aus den USA, das Ernährung komplett überflüssig machen will. Das Pulver wird in Wasser aufgelöst und soll alle Nährstoffe enthalten, die der Mensch zum Leben braucht. (bvo)

 

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Brigitte Vordermayer

 


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abgerufen 24.08.2016 - 03:25 Uhr

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