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Dieser Artikel: Ausgabe 40/2015 vom 04.10.2015
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Das Trauma überwinden

Krieg, Verfolgung, gefährliche Fahrt: Flüchtlinge haben viel hinter sich - und wollen nach vorne schauen


Der evangelische Diakon Peter Klentzan leitet das Traumahilfezentrum der Stiftung Wings of Hope in Ruhpolding. Dem Sonntagsblatt erklärt der Traumatherapeut, warum es wichtig ist, den Flüchtlingen einen guten Start in Deutschland zu ermöglichen - und sie nicht seelisch kränker zu reden, als sie wirklich sind.

Die Stiftung Wings of Hope hilft jugendlichen Flüchtlingen, ihre Erinnerungen zu bewältigen - auch mit Hilfe von Kunsttherapie.
Foto: Wings of Hope
   Die Stiftung Wings of Hope hilft jugendlichen Flüchtlingen, ihre Erinnerungen zu bewältigen - auch mit Hilfe von Kunsttherapie.

        

  Viele Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen, sind traumatisiert. Genaue Zahlen gibt es nicht, doch wird von 10 bis 13 Prozent ausgegangen. Wie schätzen Sie die Situation ein?

Klentzan: Es ist müßig, über Zahlen zu sprechen. Die Flüchtlinge, die zu uns kommen, haben eine sehr schwierige Situation erlebt. Sehr viele von ihnen werden es schaffen, mit diesen Situationen umzugehen und sie in ihr Leben zu integrieren. Sie verfügen über genügend Selbstheilungskräfte. Sonst hätten sie den Weg zu uns nach Deutschland gar nicht gewagt. Es sind im Regelfall die Stärksten und Durchsetzungsfähigsten, die das bewältigen. Sie werden es schaffen, ebenso, wie es die vielen Menschen nach dem Zweiten Weltkrieg geschafft haben. Allerdings wird es auch eine Gruppe von Menschen geben, für die die Situation in den Flüchtlingsunterkünften in Deutschland eine akute Belastung bedeutet.

  Wie äußert sich diese Belastung?

Klentzan: In den Unterkünften in Deutschland erleben sie häufig erneut eine schwierige Situation. Viele haben Schlafstörungen und sind deshalb tagsüber sehr müde und möchten sich ausruhen. Andere sind unruhig und immer unterwegs. Sie leiden an einer akuten Belastungsreaktion, die mit der Flucht und den Überlebensbedingungen zusammenhängen. Manche von ihnen - das ist im Regelfall die kleinere Gruppe - sind an einer so erheblichen posttraumatischen Belastungsstörung erkrankt, dass eine spezielle Behandlung erforderlich wird.

Eine Kinderzeichnung, die unter dem Eindruck des Bosnienkriegs entstanden ist.
Foto: Wings of Hope
   Eine Kinderzeichnung, die unter dem Eindruck des Bosnienkriegs entstanden ist.

        

  Wie kann man diese Menschen unterstützen?

Klentzan: Am wichtigsten ist, dass die Menschen gut in Deutschland ankommen. Es muss uns gelingen, einen guten Start hinzubekommen. Die Flüchtlinge müssen das Gefühl bekommen, dass sie sicher sind, dass es vorwärtsgeht, dass wir sie brauchen und sie hier ihre Zukunft aufbauen können. Wenn diese Kultur der Integration gelingt, dann ist viel gewonnen. Die Flüchtlinge sollten so wenig wie möglich beschäftigungslos grübeln und Selbstzweifeln nachhängen, sondern die Sprache lernen. Wir müssen die berufliche Integration tatkräftig vorantreiben und menschenwürdigen Wohnraum schaffen. Der muss dort geschaffen werden, wo es Arbeit gibt und Arbeitskräfte gesucht werden - nicht in der Prärie. Wenn die Ankunft und der Start aber erneut als Belastung wahrgenommen werden, dann häufen sich negative Gefühle. Das sollten wir vermeiden.

Diakon Peter Klentzan betont die Selbstheilungskräfte vieler Flüchtlinge: »Sie werden es schaffen, ebenso, wie es die vielen Menschen nach dem Zweiten Weltkrieg geschafft haben.«
Foto: Wings of Hope
   Diakon Peter Klentzan betont die Selbstheilungskräfte vieler Flüchtlinge: »Sie werden es schaffen, ebenso, wie es die vielen Menschen nach dem Zweiten Weltkrieg geschafft haben.«

        

  Wie schätzen Sie die Situation ein?

Klentzan: Wir dürfen die Flüchtlinge nicht kränker machen, als sie tatsächlich sind. Diese Menschen haben viel hinter sich gelassen und auf sich genommen für die Flucht. Gerade in Syrien sind viele Menschen gut ausgebildet. Sie haben die Folgen ihrer Flucht abgeschätzt und die Risiken in Kauf genommen, um nach Deutschland zu kommen. Sie sind große Überlebenskünstler. Wir Deutschen können wiederum unser Problem der alternden Gesellschaft lösen. Wir sollten vermitteln: »Toll, dass ihr es geschafft habt, diesem Chaos zu entfliehen und zu uns zu kommen. Wir brauchen euch, eure Kinder und eure Tatkraft ganz dringend.«

  Brauchen wir mehr Traumatherapeuten?

Klentzan: Diese Zusatzausbildung nimmt viel Zeit in Anspruch. Das hat nicht die oberste Dringlichkeit. Jetzt müssen wir schnell vielen Menschen beistehen. Wir müssen vor allem die Multiplikatoren schulen. Das sind die Sozialarbeiter, die Erzieherinnen, die Lehrerinnen, aber auch in speziellen Kursen Ehrenamtliche und Übersetzer, also jene, die täglich mit den Flüchtlingen arbeiten. Sie alle müssen das Handwerkszeug bekommen, um Traumata zu erkennen und damit umzugehen. Das ist nicht schwer, muss aber dringend geschehen.

 

  Im Internet unter:  www.wings-of-hope.de und  www.labenbachhof.net

WINGS OF HOPE

  Die Stiftung Wings of Hope hilft Kindern und Jugendlichen, die durch Kriege und Gewalt traumatisiert wurden. Vor Ort engagiert sich Wings of Hope derzeit in Bosnien-Herzegowina, im Irak und in Palästina/Israel.

  In der Nähe von Ruhpolding in Oberbayern betreibt die Stiftung die Freizeit- und Tagungsstätte Labenbachhof, in der Aus- und Fortbildungen im Bereich Psychotraumatologie und Traumatherapie stattfinden. Jedes Jahr ermöglicht dort zudem eine »Sommerakademie« Jugendlichen aus Krisengebieten, in einem internationalen Umfeld die Arbeit an praktischen Konzepten zur Überwindung ethnischer und religiöser Konflikte.

  Im Internet unter:  www.wings-of-hope.de und  www.labenbachhof.net

 

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Fragen: Rieke C. Harmsen

 


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abgerufen 28.09.2016 - 05:25 Uhr

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