Sonntagsblatt Archiv

Sonntagsblatt 40/ vom

Im Spiegel des Engels

Eine tonnenschwere Skulptur aus Guatemala schmückt den Erlanger Stadtteil Tennenlohe


Noch das ganze Jahr feiert der Erlanger Stadtteil Tennenlohe sein 750-jähriges Bestehen. Zum Geburtstag erhielten die Franken ein ungewöhnliches Geschenk aus Mittelamerika.

Der Friedensengel von Pepo Toledo aus Guatemala schmückt seit einigen Monaten das Ortszentrum von Tennenlohe.
Foto: epd-Bayern
   Der Friedensengel von Pepo Toledo aus Guatemala schmückt seit einigen Monaten das Ortszentrum von Tennenlohe.

        

So ein Engel kann sich ganz schön schwer machen. Aber nun haben es die drei Männer geschafft und die zwei Flügel aus Edelstahl an seinen Platz gehievt. Das spiegelnde Kunstwerk des guatemaltekischen Künstlers Pepo Toledo steht seit Sommer auf einem Betonsockel vor der evangelischen Kirche in Tennenlohe. Da ihm sein Erschaffer kein Gesicht gemacht hat, könnte der Engel ebenso auf das Dorf schauen wie auch auf die Schnellstraße, die in 200 Metern Entfernung vorbeiführt.

Die Blickrichtung des Engels hängt von der Blickrichtung des Betrachters ab. Denn der spiegelt sich in dem Friedensengel aus Guatemala. Je nach Standpunkt sind im Engelsmetall dazu die Efeuranken an der benachbarten Pizzeria zu sehen, der Glockenturm der Kirche oder die Schiffschaukel auf der Kirchweih-Wiese.

Der Friedensengel ist ein Geschenk des in seiner Heimat renommierten Bildhauers Toledo an den Erlanger Ortsteil zu dessen 750. Ortsjubiläum. Ende Juni kam das etwa drei Meter hohe Werk perfekt verpackt per Container in Franken an. Vorsichtig hob ihn ein Kran aus seiner Reisekiste, damit das blank geputzte Metall keine Schrammen abbekam. In einem Internet-Video wird die Aktion im Zeitraffer dargestellt.

Der Vorsitzende des Vereins »750 Jahre Tennelohe«, Rolf Schowalter, hat inzwischen einen Dankesbrief nach Las Majadas in Guatemala an den Künstler geschickt und darin kurz berichtet, dass sein Engel eine »friedliche Auseinandersetzung« ausgelöst hätte. Die Tennenloher konnten sich zunächst nicht über den Standort des Kunstwerks einigen. Das demokratische Suchergebnis, meint Schowalter in seinem Schreiben, habe »zu einem weiteren Zusammenwachsen der Bevölkerung beigetragen«.

Nun steht der spiegelnde Engel nicht mehr wie anfangs vorgesehen direkt vor der Kirche St. Maria Magdalena, sondern einige Meter weiter ortsauswärts vor der Pizzeria. Pfarrer Christoph Rupprecht ist das recht. Er sei in der Standortfrage leidenschaftslos gewesen: In seiner Willkommensandacht für den Pepo-Toledo-Engel hatte Rupprecht aber schon betont, dass Frieden entstehe, »wenn einer dem anderen zuhört und wenn aus diesem Zuhören gute und tragfähige Kompromisse wachsen, mit denen alle gut leben können«.

Beeindruckend findet Rupprecht die Reihe der Standorte anderer Toledo-Friedensengel, in der Tennenlohe jetzt steht: Sie befinden sich in Washington und Mexiko-Stadt, und ein vierter ist in Genf geplant, erzählt der Tennenloher Künstler Dieter Erhard. Er war es, der den Kontakt zu Toledo hergestellt hat. Erhard hat bereits seit Jahrzehnten Kontakte nach Guatemala. Ihm ist es auch zu verdanken, dass in Tennenlohe eine Skulptur des Azteken-Herrschers Montezuma steht.

Erhard hat dafür gesorgt, dass allmählich ein Skulpturenweg in Tennenlohe entstanden ist, auf dem sich bereits ein paar Engel tummeln. Unter anderem sind dort die beiden Engelswesen in der Statue »Dialog« von Igor Tschernoglasov zu sehen. Pfarrer Rupprecht kann noch auf weitere Tennenloher Engel verweisen. Sie stützen im kürzlich restaurierten Altarbild aus dem Jahr 1836 in seiner Kirche den betenden Jesus auf dem Ölberg. Aber auch Menschen in seiner Gemeinde könnten lebendiger Teil des Skulpturenwegs in Tennenlohe sein, stellt der Seelsorger fest. »Hier sind viele hoch engagiert und sorgen sich um die Nachbarschaft - selbstverständlich und unaufdringlich.«

Das Jubiläum bezieht sich auf die urkundliche Ersterwähnung des Ortsnamens in einer Urkunde des Nürnberger Burggrafen Konrad II. im Jahr 1265. Darin ist ein gewisser Conradus de Tenninloch erwähnt, einstmaliger Herr der Burg Tennenlohe, die sich südwestlich des heutigen Schlosses befand und längst nicht mehr existiert.

 

  Die nächsten Veranstaltungen im Jubiläumsjahr: Sa., 3.10., Königsfestzug und -ball im Gasthaus »Rotes Ross«; So., 4.10., 11 Uhr: Ausstellung landwirtschaftlicher Oldtimer im Walderlebniszentrum; Fr., 30.10. 19.30 Uhr: Heimatabend im Gasthaus »Zum Schloss«.

  Internet:  www.tennenlohe-750.de

 

 

Jutta Olschewski