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Dieser Artikel: Ausgabe 41/2015 vom 11.10.2015
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Applaus als Droge

Der Musiker Christoph Well erzählt, wie er unter »Gefallsucht« litt und wie er sie überwand


»Ich war abhängig vom Applaus«, hat Christoph Well einmal gesagt. Heute hat der bayerische Musiker, der seit mehr als 50 Jahren auf der Bühne steht, längst ein entspanntes Verhältnis zu seiner »Gefallsucht«. Der ehemalige Solotrompeter der Münchner Philharmoniker und Biermösl-Blosn-Star erzählt seine Geschichte: was er anstellte, um unter 14 Geschwistern die Anerkennung der Eltern zu bekommen. Wie gut es sich anfühlt, auf der Bühne zu stehen. Wie sein Gefallen-Wollen bedenklich wurde. Und wie er mithilfe der Musik zurückfand zu einem gesunden Maß.

Solotrompeter der Münchner Philharmoniker und Biermösl-Blosn-Star: Christoph Well, hier beim musikalischen »Strawanzen in Nördlingen« für das Bayerische Fernsehen. Das Bild zeigt ihn in Nördlingen mit dem Daniel, dem Turm der spätgotischen evangelischen Kirche St. Georg.
Foto: BR / megaherz gmbh/Andreas Maluche; Folge: »Strawanzen in Nördlingen«.
   Solotrompeter der Münchner Philharmoniker und Biermösl-Blosn-Star: Christoph Well, hier beim musikalischen »Strawanzen in Nördlingen« für das Bayerische Fernsehen. Das Bild zeigt ihn in Nördlingen mit dem Daniel, dem Turm der spätgotischen evangelischen Kirche St. Georg.

        

Ich halte die Gefallsucht für eine sehr umweltverträgliche Suchtvariante. Denn ihre Abhängigen beziehen ihre Befriedigung daraus, dass sie ihren Mitmenschen gefallen wollen. Trotzdem behindert die Gefallsucht die »Suchtler« in ihrer freien Entfaltung.

Denn wie alle Drogen ist sie bei der Verdrängung und Ablenkung von Problemen behilflich, anstatt ihre Aufarbeitung zu unterstützen. Die Gefallsucht birgt die Gefahr, den Menschen zum Narziss und Egoisten zu machen, der sein ganzes Tun dem äußeren Schein unterordnet und dadurch sich selber gegenüber unehrlich ist.

Die Ursachen von Gefallsucht liegen meines Erachtens unter anderem darin, dass in unserer Gesellschaft Zuneigung, Anerkennung und Liebe oft gekoppelt sind mit Leistung und Wohlverhalten. Das Bedürfnis, wahrgenommen und geliebt zu werden, ist aber ein Grundbedürfnis jedes Menschen. Die Anstrengungen, es zu befriedigen, werden umso größer und drastischer, je weniger Hingabe man erfährt. Ein Kind, das von seinen Eltern bedingungslos geliebt wird, muss keine Verrenkungen aufwenden, um ihnen zu gefallen. Es bleibt ihm dann viel Kraft für die Entwicklung seines »wahren Ichs«.

»Es fühlt sich saugut an, wenn ich einen Kontakt zwischen mir und dem Publikum herstellen kann«: Christoph Well steht seit mehr als 50 Jahren auf der Bühne. Er war Solotrompeter bei den Münchner Philharmonikern. Das Bild zeigt die Biermösl Blosn mit Fredl Fesl (links).
Foto: Usien / CC BY-SA-3.0
   »Es fühlt sich saugut an, wenn ich einen Kontakt zwischen mir und dem Publikum herstellen kann«: Christoph Well steht seit mehr als 50 Jahren auf der Bühne. Er war Solotrompeter bei den Münchner Philharmonikern. Das Bild zeigt die Biermösl Blosn mit Fredl Fesl (links).

        

Wenn man wie ich das 14. von 15 Kindern ist, verteilt sich das Zuwendungskontingent der Eltern auf möglichst alle Nachkömmlinge. Unsere Eltern sind in einer Zeit aufgewachsen, als der Einzelne noch nicht so wichtig war. So wurden sie erzogen, und so haben sie uns erzogen.

Der Antrieb meines musikalischen Ehrgeizes hatte bestimmt - neben meiner Freude an der Musik - auch den Grund, mir in der Großfamilie einen eigenen Platz zu erspielen und mich wichtig und nützlich zu machen. Dadurch, dass ich als Einziger Noten lesen und schreiben lernte, konnte ich Stücke für unsere verschiedenen Besetzungen komponieren und so der Familie Well und mir einen eigenen Klang geben. Ich war dadurch unersetzlich, wurde gebraucht und erlernte auf diesem Weg, die Musik als Ausdrucksmittel einzusetzen und mich dem Publikum mitzuteilen.

Ich benutze also die Bühne, um möglichst vielen Menschen zu gefallen und mir mit meiner Kunst Bestätigung, Anerkennung und Bewunderung zu holen, da ich ja als Kind in der Familie bei so vielen »Konkurrenten« nichts Besonderes war.

Die Well-Brüder Christoph, Michael und Karl beim Songfestival 2014 auf Burg Waldeck.
Foto: Rs-foto / CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons.
   Die Well-Brüder Christoph, Michael und Karl beim Songfestival 2014 auf Burg Waldeck.

        

Es fühlt sich für mich wirklich saugut an, wenn ich auf der Bühne einen Kontakt und Konsens zwischen mir und dem Publikum herstellen kann. Doch dieses »Gefallen-Wollen« nahm bedenkliche Züge an, als ich mich in einer schweren persönlichen Krise befand. Es wurde zu einer Art Selbstbefriedigung, und ich bemerkte, dass ich Gefahr lief, die Musik dafür zu instrumentalisieren und zu missbrauchen. In dieser Hochphase meiner »Gefallsucht« habe ich mir einmal die Frage gestellt, warum ich auf die Bühne gehe.

Warum ich nicht bei Facebook bin

Da merkte ich, dass ich nichts anderes gelernt habe und ich die Leute gern unterhalte, indem ich mich mitteile. Wenn sie mir dabei zuhören, sogar meinen Lebensunterhalt finanzieren und das, was ich ihnen mitzuteilen habe, auch schön, richtig und interessant finden, dann macht mich das glücklich. Weil meine Vorstellung und Empfindungen mit ihnen geteilt etwas Größeres werden. Mit dieser Art der Gefallsucht, merkte ich, kann ich ganz gut leben, solange ich etwas zu sagen habe und der Applaus nicht zur Droge wird.

Der Hauptgrund meines Bühnenlebens ist aber, dass ich einfach gerne Musik spiele und diese »Spiel-Lebens-Freude« mit anderen gern teile.

Am Computer funktioniert das nicht. Drum bin ich auch nicht bei Facebook, um mich darzustellen und »liken« zu lassen. Für die »Generation Selfie« ist oft ausschließlich die Selbstdarstellung wichtig, nicht mehr das Sich-Austauschen und Mitteilen. Zudem ist es eine ziemlich anonyme und amorphe Zuwendung, die man da auf Computerbasis erfährt. Mir fehlt dabei die Ernsthaftigkeit und Nähe eines Gegenübers.

Wie sich die »Generation Selfie« im Internet inszeniert, damit kann Well wenig anfangen. Ihm fehle die Ernsthaftigkeit und Nähe eines Gegenübers. Doch offenbar gebe es heute ein größeres Bedürfnis, seine Einmaligkeit öffentlich darzustellen.
Foto: Erik Reis / 123rf
   Wie sich die »Generation Selfie« im Internet inszeniert, damit kann Well wenig anfangen. Ihm fehle die Ernsthaftigkeit und Nähe eines Gegenübers. Doch offenbar gebe es heute ein größeres Bedürfnis, seine Einmaligkeit öffentlich darzustellen.

        

Eine Unterhaltung bekommt bei mir eine andere Dimension, wenn der Mensch, dem ich etwas erzähle, den ich um Rat frage oder dem ich zuhöre, auch physisch bei mir ist und ich ihm in die Augen schauen kann und er sich mir auch durch seine Mimik mitteilt.

Die Gefahr des Narzissmus und Egoismus für diese Generation geht einher mit der Gefahr des Alleinseins und der Vereinsamung, glaube ich. Aber das muss jeder für sich selbst herausfinden und erspüren. Offenbar besteht heute bei vielen Menschen ein großes Bedürfnis zu gefallen, wahrgenommen und beachtet zu werden. Dafür ist das Internet allem Anschein nach das richtige »Gefallsucht-Medium«. Die Gesellschaft wird immer individualistischer, und immer mehr Menschen erkennen ihre Einmaligkeit und wollen sie dargestellt und wahrgenommen haben. Sei es als »Superstar«, auf YouTube, in Talkshows, als insektenfressende Dschungelurlauber und mehr - manche machen die merkwürdigsten Dinge, nur um zu gefallen.

Meine Art der Gefallsucht äußerte sich nie durch Äußerlichkeiten wie Kleidung, Bodybuilding oder irgendein besonderes Styling. Das Bedürfnis nach Selbstoptimierung beschränkt sich bei mir darauf, dass ich versuche, lebendig zu bleiben.

Mittlerweile empfinde ich mich auf der Bühne nicht als Narziss oder gefallsüchtiger Egoist. Ich gebe meinen Zuhörern mit meiner Musik etwas, und wenn ihnen das gefällt, bekomme ich viel zurück. Ich will mein Publikum weder benutzen, noch will ich ihm etwas wegnehmen. Wenn das so wäre, würde mir kein Mensch zuhören. Und zur Eigenliebe habe ich ein sehr entspanntes Verhältnis. Nur wenn man sich selbst liebt und gefällt, kann man den Nächsten lieben und ihm gefallen.

Übrigens: Wenn mein Geschreibsel dem Leser gefallen sollte, freue ich mich darüber.

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Protokoll: Brigitte Vordermayer

 


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abgerufen 24.08.2016 - 08:35 Uhr

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